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Hinark Husen: Urinieren mit Unterhaltungskünstlern

Das Phänomen ist einigen Männern durchaus bekannt. Man sitzt in gemütlicher Runde in einer Kneipe, und nach einer gewissen Anzahl an Bieren stellt sich Harndrang ein. Man geht dann eben für kleine Jungs, man puscht, pieselt, pullert, pinkelt, pißt, schifft, trägt einen weg, und was es an derlei Ausdrücken noch so gibt. Immer wieder fasziniert beobachte ich, wie Frauen dieses Procedere grundsätzlich gemeinsam bewerkstelligen. Was ist dran an diesem für mich doch eher intimen Geschäft, das das weibliche Geschlecht dazu veranlaßt, einen kollektiven Aufstand zu machen und die Herren der Schöpfung alldieweil alleine am Tisch zurückzulassen? Wird jetzt in erbarmungsloser Offenheit seziert, was man doch insgesamt für Schlappschwänze mit am Tisch zu sitzen hat, und daß man die meisten Kerle in den Wind schießen kann, während es von unten fröhlich plätschert? Oder tauscht frau sich hier über andere intimste Probleme aus?

Ich werde es wohl nie genau erfahren. Zumindest kann ich nun aber der Damenwelt einen kleinen Einblick gestatten, wie es denn bei uns so auf dem Örtchen zugeht. Es gibt eine ganze Reihe gestandener Mannsbilder, die, gemeinsam an den Urinoirs stehend, trotz enormen Konsums harntreibender Flüssigkeiten kein einziges Tröpfche n herausbekommen. Hat sich der andere allerdings entfernt, so rauscht es sturzbachartig aus ihnen heraus.

So ist mir das jahrelang gegangen, und es war mir immer im höchsten Grade peinlich. Denn welche Berechtigung hat man, an einer Pinkelrinne zu stehen, wenn aber auch so rein gar nichts plätschert? Ich habe es deshalb immer vermieden, gemeinsam mit anderen Kneipenbesuchern auf die Toilette zu gehen, und wenn es doch einmal passierte, dann hab ich mich mit Prostataproblemen herausgeredet. Das war auch nicht unbedingt die ideale Lösung. Reaktionen wie: »In deinem Alter? Kann doch gar nicht sein!« oder »Armes Schwein!« waren die Folge.

Nun mag man ja der Ansicht sein, dies sei in erster Linie verursacht durch eine gewisse sexuelle Disposition. Die Angst vor einer Blitz-Erektion oder ähnlich Abstruses bildeten die Ursache. Ich weiß allerdings auch von vielen Heteros, daß sie sich damit jahrelang herumgeschlagen haben. Bei mir jedenfalls hat sich dieses wirklich lästige Unvermögen nach einem ausgesprochen lustigen Abend in der Theaterkantine der Volksbühne endgültig verabschiedet.

Durch Zufall trafen der Doktor und ich dort vor zwei Jahren auf den Hans Peter Kerkeling, der ebenso wie wir einem Bierchen in geselliger Runde nicht abgeneigt war und, wenn man ihn so im Fernsehen betrachtet, es ja wohl auch noch immer nicht ist.

Wir sprachen über dies und jenes, die Unwägbarkeiten einer künstlerischen Existenz, und kurz bevor ich die Toilette aufsuchen wollte, kam es noch zu einer klassischen Verwechslung. Am Nebentisch wurde, das war nicht zu überhören, über die holländische Königin Beatrix getratscht. Dann stand eine Mittvierzigerin auf, kam auf den Doktor zu und sagte: »Entschuldigung, sind Sie nicht der junge Mann, der vor einiger Zeit im Fernsehen Königin Beatrix gespielt hat. Ich fand Ihren Sketch ganz herrlich, ich bin nämlich Holländerin, müssen Sie wissen.« Der Doktor bedankte sich artig und zeigte dann wortkarg auf den richtigen Künstler: »Da sitzt Beatrix.«

Die Holländerin wurde puterrot, entblödete sich aber nicht, ihre ganze Lobeshymne nochmal von vorne zu starten. Der richtige Zeitpunkt für mich, die Toilette aufzusuchen. »Warte, ich komm mit!« rief Kerkeling mir hinterher, und nun stieg mir die Röte ins Gesicht. Das hatte mir gerade noch gefehlt, daß mir ein Promi bei meiner Pißhemmung zuschaut. Als hätt ich nicht schon genug andere Probleme. Aber vielleicht, so hoffte ich, wäre ja noch 'ne Kabine frei und ich würde mich einschließen können.

War sie natürlich nicht, und selbstverständlich gab es gerade mal zwei abstandsarme Pißbecken. Na großartig! Was soll's, vielleicht klappt's ja ausnahmsweise sofort.

Also: Hosenstall auf, raus mit dem sturen Westfalen und ein fröhliches Liedchen gepfiffen, um das nicht vorhandene Plätschergeräusch zu übertönen.

Mit dem Liedchen war es schon beim ersten, falschen Ton aus, und ich blieb stumm stehen und wartete auf das, was nun partout nicht kommen wollte. Aber was spielte sich neben mir ab? Die Zeit verstrich, und auch von rechts war nicht das leiseste Plätschern zu hören. Sollte Kerkeling die gleichen Probleme haben? Ob ich jetzt einfach mal was sage, mich meiner Neurose stelle, sie direkt und unverblümt verbalisieren, vielleicht etwas abgeschwächt, indem ich nur zugäbe, ich könne nicht pissen, wenn Promis neben mir stehen.

Ich begann loszustottern, »tja, äh, also, weißt du...«, und blickte zu ihm hinüber. »Ich kenn das auch«, meinte er lakonisch, ohne daß ich meinen Satz zu Ende bringen mußte.

Trotzdem fing er dann nach einiger Zeit als erster an und hatte bald darauf sein Geschäft erledigt, während ich noch immer am Becken stand und auf die nächsten Tröpfchen wartete. Nachdem er den Spülknopf betätigte, rauschte ein viel zu stark eingestellter Wasserstrahl ins Becken. Die Folge war eine in Windeseile eintretende Überschwemmung. Hape versuchte krampfhaft und sichtlich peinlich berührt, obschon er völlig unschuldig war, die Spülung zu stoppen - vergebens.

Kurze Zeit später standen wir beide in einer Wasser-Promipipi-Lache. Das war nun endlich der Zeitpunkt für mich loszulegen. Gerade als ich fertig war, stoppte die Spülung des anderen Beckens. Wenn auch aus unterschiedlichsten Motiven heraus, waren wir nun beide erleichtert.

Ich klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter: »Meine Güte, das hätte jedem passieren können. Wer weiß, vielleicht hamm sie ja irgendwo eine versteckte Kamera eingebaut? Diese Fernsehfritzen machen ja vor nichts halt. Hast du mal die Szene mit Elke Sommer in der Sauna gesehen?«

Nur gut, dachte ich im Stillen, daß ich nicht an diesem verdammten Teil gestanden hatte. Wahrscheinlich hätte ich mein Lebtag nicht mehr richtig urinieren können und wäre bald darauf an einer geplatzten Blase elendiglich zugrunde gegangen.

Seit diesem Tag habe ich auf dem Klo keine Probleme mehr in dieser Richtung. Bei den kleinsten Anzeichen rufe ich mir diese feuchte Szene in Erinnerung, und es plätschert fröhlich los.

Wie das bei Hape Kerkeling aussieht, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen, leider hab ich ihn danach noch nicht wieder gesehen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 23
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