Hans Duschke: Woll mer se reinlasse
»Hey: Leben heißt unterwegs sein: Laß dich drauf ein!« tönt es aus dem Fernsehkasten (Parfum-Reklame); ich kann dem nicht zustimmen. Können nicht alle zu Hause bleiben? Wenn das Reisen aufhört, kann die Natur aufatmen. Wenn alle ihre Zweitwohnungen aufgeben, finden auch die Obdachlosen einen Platz. Zwölf Mark sollte der Liter Benzin kosten, wenn's nach mir ginge. Aber nach mir geht es nicht. Warum eigentlich nicht? Offensichtlich wäre es doch für die meisten Menschen von Vorteil, wenn sie ein wenig öfter auf mich hören würden. Besonders für mich. Aber sie machen's nicht.
»Hey: Leben heißt unterwegs sein: Laß dich drauf ein!« In Trier gilt dieses Motto immer noch. Dort haben die Menschen noch nicht von mir gehört. Zum Beispiel Michael und Monika.
Michael und Monika waren zu Besuch in Berlin. »Laß sie doch einfach in deiner Wohnung wohnen, und du ziehst dann zu mir«, schlägt meine Verlobte vor, und so wird es dann auch gemacht, obwohl ich finde... Dauernd geht es so. Ich bin ein wenig willensschwach. Ich packe mein Köfferchen und fahre nach Karlshorst.
Nach einer Woche endlich sind die beiden wieder weg. Ich öffne die Tür, an der meine Namen stehen. In der Küche liegt ein Zettel: Vielen, vielen Dank für die hervorragende Unterbringung! Wir freuen uns schon aufs nächste Mal. Ich hab also wieder einmal Versprechungen gemacht. Daran kann ich mich nicht erinnern.
Aber wie riecht es denn hier?! Es riecht anders. Nach anderen Menschen. Andere Menschen stinken. Auch und gerade, wenn sie frisch gewaschen sind. Erst mal lüften.
Mal sehen, was sie kaputt gemacht haben. Nichts, wie es aussieht. Sie haben sich bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Bestimmt haben sie alles angefaßt und sorgfältig wieder zurückgestellt. Alle Schränke und Schubladen geöffnet und an allem rumgegrabbelt. Alle Briefe gelesen und die Festplatte durchsucht. So würde ich es machen. In meinem Bettchen geschlafen und von meinem Tellerchen gegessen. Mein Wasser, mein Strom; mein Essig, mein Öl; meine Heizung und mein Telefon verbraucht. Das Fenster aufgerissen und die Heizung aufgedreht. Gleichzeitig. Stundenlang heiß geduscht. Noch einmal wie im Sozialismus gelebt. Die Betriebskostenabrechnung wird es zeigen.
Das kleine, gelbe Feuerzeug, das ich, um ihre Ehrlichkeit zu prüfen, hab liegenlassen, ist immer noch da. Fast leer. Im Vorratsregal fehlt eine Packung Spaghetti-Fertiggericht; dafür steht ein angebrochener Becher Buttermilch im Kühlschrank. Aha: Buttermilchtrinker. Das sind die Schlimmsten.
Aber angenehmer als die Berlin-Besucher der Spätpubertät, die in exotische Bierabfüllstationen geführt werden wollten und dann (Berlin hat keine Sperrstunde) in der Küche saßen und Party machten. Und schmutzten. Und grölten. Und über alte Zeiten redeten. Die ungefragt Auskunft gaben über verblassende Erinnerungen: »Christine (die kennst du doch noch) hat schon zwei Kinder und Kai-Uwe ist bei der AOK-Landeszentrale.« Und daß aus den Kneipenbekanntschaften Alkoholiker geworden sind. So war es früher.
Da ist es besser, man trifft sich gar nicht. Wenn ihr geht, zieht einfach die Tür zu, und laßt den Schlüssel auf dem Tisch liegen. Doch der schönste Besuch ist immer noch der, der zu Hause bleibt. Und nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterläßt. »Uns ist leider was dazwischengekommen; vielleicht klappt's ja nächstes Jahr«. Nächstes Jahr? Tut mir leid, da hab ich keine Zeit.