Andreas Scheffler: Raetsel
Was soll man tun, wenn man, beispielsweise während einer längeren Mitfahrt im Auto, zur Untätigkeit verdammt ist? Man könnte schlafen - nicht aber am Mittag; man könnte lesen - nicht aber, wenn laute Rockmusik aus dem Radio dröhnt; man könnte sich unterhalten - jedoch nicht, wenn man bereits seit drei Tagen zusammenhockt. Bert und ich entschlossen uns, zum Zwecke des Zeit-Totschlagens Kreuzworträtsel zu lösen. Wir erstanden an der Tankstelle je ein Heftchen aus dem Bastei-Verlag, unterschiedliche Heftchen. Ich hatte meines vor dem Kauf nicht genauer angesehen und mußte auf dem Rücksitz feststellen, daß auf etwa jeder zweiten Seite mitten im Rätsel eine barbusige Frau abgebildet war. So ein Blödsinn! Entweder ich will rätseln oder mir nackte Weiber ansehen. Beides gleichzeitig lenkt voneinander ab und bringt keine rechte Freude. Nach einiger Zeit schaffte ich es, durch eine aufwendige Manipulation meines Gehirns mich auf das Rätsel zu konzentrieren.
Es gibt schon komische Begriffe: Daß eine gebälktragende Frauengestalt eine KORE ist, konnte ich nur durch Ausfüllen einfacherer Begriffe herausbekommen. Bei manchen Dingen mußte ich einfach passen. Bert, der häufig unterwegs ist, weiß alle osteuropäischen Nebenflüsse sowie alle Götter und Quellnymphen. Der ägyptische Mondgott heißt THOTH, zweimal mit TH. Aber muß man das wirklich wissen? - Eigentlich nicht, nur wenn man Kreuzworträtsel spielt, dann muß man es wissen. Wenn man sich einmal auf dieses Spiel eingelassen hat... Wenn man beim Skat nicht weiß, wie man reizt, kann man es auch gleich sein lassen.
Geliebte des Zeus: Das ist nicht unbedingt LEDA, die im übrigen auch Mutter der Helena ist. Der alte Zeus hatte einen Haufen Geliebter, der alte Bock. Fünf Buchstaben, als dritten ein N - könnte DANAE sein, die - nebenbei bemerkt - auch Mutter des Perseus ist (wenn ich mich nicht irre). DANAE also.
Erregungszustand: Hm, GEILHEIT vielleicht? Nee, paßt nicht. Wenig später finde ich heraus, daß es TOBSUCHT sein muß. Erregungszustand - TOBSUCHT. Ist ja schon ein bißchen übertrieben.
»Japanischer Politiker (1841 bis 1909)«, murmle ich vor mich hin. »ITO«, sagt Bert, und ich beneide ihn ein wenig. Kurz darauf aber kann ich kontern. Bert fragt mich nach einem südamerikanischen Goldhasen mit A. »Agustis«, sage ich wie selbstverständlich. Er staunt; hätte er noch nie gehört. - Tcha, aber ich. In Wahrheit ist mir dieser Begriff früher schon mal im Rätsel untergekommen. Südamerikanischer Goldhase, ich hatte nur das AG vom Anfang, und mich befiel der Ehrgeiz. Also suchte ich in mehreren Lexika, bis ich das blöde Karnickel gefunden hatte. Seitdem gehöre ich zu der verschwindend geringen Minderheit, die weiß, daß ein südamerikanischer Goldhase ein AGUSTIS ist.
Sabine versucht manchmal, mein Allgemeinwissen auf die Probe zu stellen. Eines Mittags fragte sie in Erwartung eines Triumphs angesichts meiner Unwissenheit: »Andreas, Heldenepos Hartmann von Aues?« - Ha, ha, dachte ich stumm und sagte dann laut: »EREC natürlich.« - Zu irgendwas muß mein Germanistik-Studium ja gut gewesen sein.
Was ich nicht so mag, sind blöde Scherzfragen: Angeblich eierlegendes Tier, was soll das sein? Es hat ewig gedauert, bis ich auf OSTERHASE gekommen bin. Vielleicht entdecke ich irgendwann mal: Angeblich Geschenke bringender älterer Herr, und das ist dann WEIHNACHTSMANN.
Wie auch immer, wir haben eine langweilige Autofahrt zur Weiterbildung genutzt. Und wenn ich alle Rätsel gelöst habe, gucke ich mir vielleicht auch die barbusigen Mädels an.