Gabi Schlaug: Zahltag
Es gibt Menschen, die haben alles, können alles, machen alles, machen noch viel mehr als sie müssen, haben nie Angst, stellen sich jeder Herausforderung, werden nie krank, kennen keine Krise, finden alles in Ordnung, sind immer zufrieden, sehen gut aus, riechen gut, sind geschmackvoll gekleidet, werden von allen gemocht, bewundert und beneidet.
Solche Menschen, denke ich immer, wenn die 50 sind, dann passiert aber was! Atmen einmal tief durch, bevor sie ein wichtiges Telefonat führen, einen Streit schlichten, ein Geschäft abwickeln. Und dann macht es diskret pffft, und alle Luft entweicht ihnen, und sie schwirren wie ein einst praller, stolzer Luftballon in den Himmel, um leer und runzelig herunterzukommen und unbeachtet in einer Ecke liegen zu bleiben und dort zu verstauben.
Einen ähnlichen Weg hat mein ehemaliger Schulfreund H. W. aus B. genommen, obwohl er weit davon entfernt war, 50 Jahre erreicht zu haben.
Er war immer nett und geduldig, freundlich und fleißig, hat immer gelächelt und nie nein gesagt, alle mochten ihn, auch seine Freundin, die er bald heiraten würde, zu welchem Zwecke er mit Freunden und Verwandten das Dachgeschoß des Hauses der Eltern ausbaute. Alle freuten sich.
Die Nachbarn verfolgten, wie H. aus dem Fenster aufs Dach kletterte und auf dem First umherlief. Auch seine Tante beobachtete ihn, erst wohlwollend, da es immer Spaß macht, anderen Menschen beim Arbeiten zuzusehen, umso mehr, wenn es die eigenen Verwandten sind. Dann aber rief sie ihm doch noch beizeiten, nachdem sie die Situation richtig einzuschätzen wußte, eine Warnung zu.
H. nahm Anlauf, sprang, traf am Boden auf und war sofort tot. Was Anlaß zum Staunen gab. Ist das Haus denn überhaupt hoch genug dafür? Aber es wurde doch eben erst aufgestockt, war da die beschwichtigende Antwort.