Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 22/1998 Manfred Maurenbrecher: Krank
Artikelaktionen

Manfred Maurenbrecher: Krank

Krankheit - das ist kein Thema für mich. Ich hab dazu nichts zu sagen. Ich behaupte immer: Wenn ich mal Zeit hab, dann les ich ein gutes Buch - aber eigentlich hab ich nur Zeit, wenn ich krank bin. Und wenn ich mal krank bin, dann schlaf ich mich erst einmal aus. Sonst hat das Ganze ja gar keinen Sinn. Manchmal zwei Tage durch - bisher hat es immer geklappt. Ich werde wieder gesund, weiter geht's - nur zum Lesen komm ich auf diese Art kaum. »Du solltest vielleicht doch mal länger krank sein«, denk ich dann manchmal - aber das ist nicht in Ordnung, das paßt nicht zu mir! Ich erinnere mich, als ich mal absolut keinen Bock auf einen schlechtbezahlten Auftritt hatte, da hab ich Zahnschmerzen gekriegt. Ich ließ den Auftritt ausfallen. Die Zahnschmerzen wurden so schlimm, daß ich nachts noch in die Poliklinik gefahren bin. »Kann aber 'n paar Stündchen dauern«, hat die Krankenschwester gesagt. Und als ich eine halbe Stunde in diesem Warteraum gesessen bin, voll mit knapp hundert wimmernden Menschen, alle hielten sie ihre quadratsteingroßen entzündeten Wangen in ihren Händen - da waren meine Zahnschmerzen schlagartig weg. Seitdem sag ich möglichst keine Auftritte mehr ab. Es geht mir gut, singt der Kollege Müller-Westernhagen zu diesem Thema. Sehr clever.

Außer mir reden übrigens alle Leute in meiner Umgebung gern über Krankheiten. Und die Frauen haben noch diesen lustvoll geweiteten Schreckensblick dazu: »Hab vorhin Gitti getroffen. Gerade drei Wochen in der Karibik gewesen, voll umgestellt auf Makro-Ernährung, braungebrannt, wahnsinnig happy zurück, leichte Beckenschmerzen, reine Routine-Untersuchung, und jetzt stellt sich raus...« - »Unterleibskrebs?« ruf ich wie eingeübt, weil mir diese Art von Berichten normalerweise nach dem Schema: >damit hättest du nicht gerechnet< verkauft werden - aber Gitti ist noch mal davongekommen: nur 'ne verschleppte Prellung, wahrscheinlich zugezogen beim Spiel mit einem karibischen Lover. Ich atme aus. »Man weiß natürlich nicht, was draus wird...«, sagt die Frau aus meiner Umgebung, während ihre beste Freundin sofort ergänzt: »Tja, und ob die Diagnose überhaupt stimmt...« - und schon sind sie bei ihrem Lieblingsspiel: einander das Siechtum in ihrer Umgebung ausmalen. Daß ich z.B. manchmal ein Ziehen in der linken Schulter verspüre und mir morgens beim Aufstehen der Rücken wehtut - für einen 47jährigen find ich das völlig normal, außerdem leiern auch die teuersten Matratzen auf Dauer aus. »Das ist der Verschleiß«, sag ich immer. Meine Umgebung sieht das anders. »Du bist doch keine Matratze. Ist dir eigentlich klar, welche Vielfalt von Nervenendchen sich in deinem Rücken bündeln, und wie filigran sich die Wirbelchen dort ums Gelenkfett verschmiegen? Und dann macht es plötzlich knacks, nur weil du keinen Gedanken darauf verschwendet hast - Pflegefall. Tja!«

Ich krieg totale Angst, wenn ich sowas höre. Ich geh sofort zur Massage, freiwillig. Richtig beschwingt komm ich nachher zurück. »Na, du Armer, der wird dich ja brutal durchgewalkt haben, dir muß doch jetzt alles wehtun, so steif, wie du immer bist!?« Abgesehen davon, daß es eine Sie war, die mich gewalkt hat, und daß sie als erstes erklärt hat: »Wenn Ihnen hier was nicht gefällt, dann sagen Sie's bitte sofort. Wir sind ein Dienstleistungsbetrieb und wollen ja, daß Sie auch wiederkommen...« - abgesehen davon find ich mich gar nicht so steif. Gut, ich bin keine Neunzehn mehr. Aber es gibt nichts Niederschmetternderes als diese Männer und Frauen in ihren Wechseljahren, die sich über Medizinbälle winden, durch Reifen springen, und deren Party gerettet ist, wenn sie jemand für Mitte Dreißig hält. Und die Mitte Dreißig sind, dann für Anfang Zwanzig. Wo soll das hinführen? Wenn ich meinen achtjährigen Sohn ein Kindergartenbaby nenne, dann ist der schwer beleidigt - und mit Recht! Man will doch mal weiterkommen im Leben! Wenn ich alte Aufnahmen von mir höre, dieses hohe Stimmchen, und dann so ein altes Lied jetzt singe, dann denk ich gern: Da liegen jetzt zwei Millionen Zigaretten dazwischen. Mindestens. Das ist doch eine richtige Dimension! Ich glaube auch nicht, daß es mir so ergehen wird wie diesem Carlos. Carlos war ungefähr mein Alter - »und er hatte auch deine Statur, mein Lieber. Und Kettenraucher, und immer dieses Ziehen in der linken Schulter. Eines Tages geht er mit seiner schwangeren Frau am Grunewaldsee spazieren, er rennt einem Eichhörnchen nach, taumelt, fällt um - Herzinfarkt...« Ich darf die Krankheit diesmal noch nicht einmal raten. »Auf der Stelle tot. Und bei seiner Frau stellt sich nachher noch raus, daß sie scheinschwanger war. Tja!« So hat dann alles wieder seine Ordnung.

Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich solche Geschichten höre, ich muß dann sofort eine rauchen. Und einen Schnaps dazu. Und deshalb bin ich heut morgen auch krank. Ja, du hörst richtig - ich fühl mich total marode. Bißchen ungewohnt für dich - tut mir leid. Der gemeinsame Einkauf ist leider nicht drin. Ich muß jetzt mal an mich selber denken. Ja, ich hab Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Herzschmerzen, ich weiß auch nicht, was alles. Meine Kollegen anrufen? Das mußt du übernehmen - könnt ich ja gleich gesund bleiben, wenn ich das selbst machen würde. Du mußt 'ne Menge für mich erledigen heute - ach, und übrigens: Da drüben liegt so ein Buch, 33 Augenblicke des Glücks von Ingo Schulz, tu mir das doch aufs Bett, eh du losstürmst - kann ja sein, daß ich mal 'n paar Seiten drin blättere. Nein, auch zum Elternabend nicht, keine Chance!

Leg mir auch Krankheit als Weg mit dazu, ja, von mir aus. Ich glaub, ich schlaf eh nur die ganze Zeit. Krankheit als Weg - schöner Titel, noch 'n bißchen cleverer als dieses Es geht mir gut. Was die Leute sich so alles ausdenken...

Zeichnung von kriki

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 23
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Potpourri Platte
Hans Duschke: Der deutsche Lech Walesa Ahne: Wie ich mal die Welt rettete Horst Evers: Tagesmutter Mark Stefan Tietze: Studentenparty Bov Bjerg: Nich mit mir Andreas Scheffler: Der kindliche Waffengebrauch Jürgen Witte: generation m Uwe Beneke: Im hohen Norrrden Sarah Schmidt: Wahrheit oder Tat Manfred Maurenbrecher: Niedrig bleiben Martin Bering: »Bitte legen sie nicht auf« Falko Hennig: Meine kriminelle Karriere Funny von Dannen: Etwas wie Freude Hinark Husen: Urinieren mit Unterhaltungskünstlern Michael Sens: Die Qualle Hans Duschke: Woll mer se reinlasse Andreas Scheffler: Raetsel Gabi Schlaug: Zahltag Manfred Maurenbrecher: Krank Jürgen Witte: Ansichtskarten Horst Evers: Zwei Plätze für Scholz Bov Bjerg: Hoppala Susan Dreyer: Telefongebührenzähler Hans Duschke: Nacht oder Leben Jürgen Witte: Sei tapfer, Soldat
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXIV
Kavara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen drucken
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: