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Jürgen Witte: Ansichtskarte

Wer kennt sie nicht, die Einheitspostkarte, die alljährlich millionenmal geschrieben wird:

Wetter gut, Strand toll, Hotel spitze! (Wir sammeln trotzdem fleißig Mängel, und Olli meint, wir werden den Veranstalter wohl wieder auf 20 Prozent Rückerstattung verklagen) Viele Grüße von eurer schon mächtig braunen Renate. (Dieses Jahr auch obenrum!)

Renate kann Ansichtskarten schreiben. Warum kann ich das nicht? Warum können Männer keine Ansichtskarten schreiben? Bei meinem bisher einzigen längeren Urlaub habe ich gleich zu Beginn zehn Ansichtskarten gekauft, sie mit Sätzen wie Mir geht es gut, oder Alles so groß hier!, und auch Ich lebe noch! beschriftet - schließlich war ich damals in New York; und ich habe diese Karten dann jeden Mittwoch und Samstag eingeworfen. Solche Karten können besorgte Mütter beruhigen. Freundinnen sind da nicht so pflegeleicht. Der meinen mußte ich richtige lange Briefe schreiben. Auf dem Bett liegend, in einem winzigen, heruntergekommen Hotelzimmer an der 43. Straße, ohne Fernseher und ohne Klimaanlage, mit herabblätterndem Putz an den Wänden und den schwarzen kräuseligen Schamhaaren des vorherigen Mieters zwischen den Laken. Wenn ich jetzt noch einige geleerte Flaschen Whiskey dazudichte, dann wird's wie im Kino. Down and out in der 27. Etage.

Männer tun sich allgemein mit Ansichtskarten schwer, am liebsten unterschreiben sie nur, was ihre mitreisenden Frauen geschrieben haben. Von einem Freund erhielt ich vor Jahren eine bunte Karte mit der Aufschrift: Ansichtskartenschreiben ist doof! Bernd

Einmal fand sich in meinen Briefkasten auch die kryptischste aller Ansichtskarten mit der Aufschrift: Von mir, Ich Dieses Rätsel läßt sich nur lösen, wenn man genau weiß, wer dieses Jahr wohin in Urlaub gefahren ist.

Was aber schreibt ein 32jähriger verklemmter Sextourist seiner Mutti von den Philippinen? Wetter gut! Strand toll? Hotel spitze! Gruß Manne.

Oder schreibt er vielleicht: Liebe Mutti, sie heißt Kim, ist klein und zierlich, mandeläugig und sehr willig. Sie will mich heiraten. Darf ich? Dein Manne.

Wohl kaum. Wahrscheinlich schreibt er: Liebe Mutti, ich erlebe viel Neues. Es ist alles so exotisch hier und auch sehr teuer! Ein Bier kostet umgerechnet 7 Mark, und von dem anderen will ich gar nicht reden. Morgen besichtige ich einen Tempel mit exotischen Tänzerinnen, oder auch einen Club, oder ich fahre an den Strand. (2 Stunden mit dem Bus.) Liebe Grüße von deinem Manne.

Und was schreibt ein Heizungs-Monteuer, der mit drei Kumpels auf Mallorca weilt, an alle anderen Kumpels in der Stammkneipe? Die unstete Schrift ist kaum zu entziffern: Hi Mickey und die Gang, voll Rohr knülle, und das den ganzen Tag. Massig Action, Massig Bräute, allerdings auch ziemlich zickig. Trotzdem, es wird einiges geboten für's Auge. Alles schweineteuer hier, aber man gönnt sich ja sonst nix! Detlef kann nicht mit unterschreiben, der hat sich gestern mit so 'ner Tussi aus Holland abgeseilt. Erzählt der Doris nix davon! Ha, ha! Hoch die Tassen! Dieter, Jürgen und Klausi.

Es gibt ja kaum mehr einen Flecken auf der Landkarte, den ein deutscher Tourist mit seiner starken Mark in der Tasche nicht entdecken kann. Mit der zunehmenden Verelendung der Dritten Welt kommen aus den entlegeneren Ecken dieser Erde allerdings auch etwas förmlichere Ansichtskarte immer mehr in Mode:

Liebe Mutti, ich bin Gefangener der Befreiungsbewegung für ein freies Dungestan. Meine Entführer fordern für meine Freilassung viel Geld und eine Einstellung der deutschen Waffenlieferungen an ihre Gegner in Dungestan. Wenn du das mal mit dem Außenministerium in Bonn klären könntest, wären wir alle hier sehr dankbar. Kinkel heißt der zuständige Mann. Sag, es sei dringend!

Dein, dich liebender Georg.

PS: Wetter gut, Unterbringung mäßig, und das mit dem Strand, das wird wohl jetzt erstmal nix.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 23
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