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Bov Bjerg: Hoppala

»Stört es dich, wenn ich rauche?« Es war die normalste rhetorische Frage der Welt, und sie war ganz freundlich gestellt. Ich zuppelte eine Zigarette aus der Schachtel, schließlich war Klaus mit dem Essen fast schon fertig. Jetzt rief die Geselligkeit, und sie sie rief: »Rauchen! Jetzt gleich!« Doch dann hörte ich Klaus' Antwort: »Stört es dich, wenn ich mich mal eben im Arsch kratze und dir dann meinen Finger unter die Nase halte?«

Hoppala. Jetzt kam es sehr auf mein Differenzierungsvermögen an. Mimik, Tonfall, Worte, Subtext, Kontext und Luftfeuchtigkeit, das alles und noch viel mehr wollte fein auseinandergehalten und in Ruhe gewichtet sein. Ich dachte nach. Ich dachte sehr gründlich nach. Vor allem durfte ich jetzt nichts überstürzen. Konnte es sein, daß wir bei mir zuhause saßen, in meiner Wohnung, auf meinen Stühlen, an meinem Eßtisch? Konnte es sein, daß Klaus just in diesem Moment den letzten Happen des von mir gekochten Essens in seinen Mund schob? Konnte es sein, daß es mein Strom war, der da mittels meiner Glühbirne meinen Aschenbecher in ein ganz verführerisches Licht setzte?

Dann war ich fertig mit Nachdenken. Bei Berücksichtigung sämtlicher syntaktischer, semantischer, pragmatischer und meteorologischer Aspekte ergab sich für mich also ungefähr folgendes Bild: >Ich darf nicht rauchen.<

Zeichnung von kriki

Okay.

Ich besaß ja eine ganze Waffenkammer voller Konfliktbewältigungsstrategien. Manche davon praktizierte ich seit über dreißig Jahren erfolgreich, zum Beispiel die >Auf- den- Boden- werfen- mit- den- Beinen- strampeln-mit- den- Armen- rudern- und- dabei- solange- schreien- bis- alles- gut-wird<-Strategie. Oder den feuchtäugigen >Ich- will- ja- nichts- gesagt- haben-aber- weißt- du- eigentlich- was- du- mir- da- antust?<-Blick.

»Arsch, Finger, Nase«, ging es mir durch den Kopf. Konnte es sein, daß Klaus über Nacht verrückt geworden war? Oder... - Oh Gott! War er womöglich zum... - Nein, nicht Klaus. Niemals. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Das war ausgeschlossen.

Ich zwang mich, den Gedanken zu Ende zu denken: War Klaus womöglich zum... - ganz ruhig! - zum Nichtraucher geworden?

Jetzt war es raus. Jetzt war das Undenkbare gedacht. Hatte ich also wieder einen Freund an diese skrupellosen Menschenfischer verloren? Ich wollte es nicht glauben. Mein Puls puckerte panisch hinter den Schläfen.

Ich spielte auf Zeit. Ich fragte: »Stört es dich, wenn ich rauche?«

Klaus antwortete: »Stört es dich, wenn ich mich mal eben im Arsch kratze und dir dann meinen Finger unter die Nase halte?«

Ich fragte: »Wie bitte?«

Klaus antwortete: »Stört es dich, wenn ich mich mal eben im Arsch kratze und dir dann meinen Finger unter die Nase halte?«

Ich fragte: »Wie bitte?«

Klaus antwortete: »Stört es dich, wenn ich mich mal eben im Arsch...«

»Schon gut, ich hab's verstanden!« Tatsächlich. Ich hatte richtig gehört.

»Nein«, sagte ich. - Was? Was hatte ich da gerade gesagt? »Nein«, echote es in meinem leeren Kopf.

Klaus stand auf und langte nach hinten, in seine Hose. Er zog die Hand wieder heraus und streckte mir den Zeigefinger hin. Ich war ein bißchen überrascht, daß er ausgerechnet den Zeigefinger zum Pulen genommen hatte. Es gab doch nun wirklich entbehrlichere Finger. Ich schnupperte. Hm. Irgendwie ungewohnt. Aber nicht ganz so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich schloß kurz die Augen und atmete tief durch.

»Klaus?«

»Wenn du möchtest«, lächelte er.

Seitdem rauche ich nicht mehr in der Gegenwart von Klaus. Wir haben jetzt unsere eigene Form der Geselligkeit gefunden.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:08
erstellt von jero
Nummer 23
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