Hans Duschke: Nacht oder Leben
Wo stecken nur die erfolgreichen Mitglieder dieser Gesellschaft? Immer da, wo ich nicht bin. Bei McDonalds am Zoologischen Garten um halb drei in der Früh sitzen zwei über ihren Supersparmenüs. Der Fette, Schwabbelige erzählt dem Bärtigen, daß er schon in der Schule immer der Klügste gewesen sei. Natürlich hätte ihn niemand gern gehabt, aber das sei ihm egal gewesen. Die Lehrer, die Mitschüler: Idioten allesamt. Er ist, so stellt sich heraus, der einzige Sohn eines Fleisch- und Wurstwarenhändlers aus dem Niedersächsischen. Voll Verbitterung berichtet er vom Drama des hochbegabten Kindes. Jetzt will der Bärtige erzählen; über sein Hobby, irgend etwas Elektronisches: Schaltpläne, Lötkolben und Platinen. Dann kommt die Politik an die Reihe. Über China sind sie sich schnell einig.
Beide sind vom Alkohol gezeichnet. Sie waren aufgebrochen, in der vagen Hoffnung, Saturday-Night auf der Piste diesmal vielleicht doch einen heterosexuellen Sexualpartner zu finden. Vergebens. Jetzt blasen sie sich ihre Monologe in die Ohren.
Ich sitz am Nebentisch, zerkaue Eiswürfel und lasse meinen Abend Revue passieren. Sexualpartnermäßig auch kein Riesenerfolg.
Auf der StudentInnenparty (dort, wo das große i noch mitgesprochen wird) zu schnell zu viele Biere weggeschüttet, bis die Artikulation schwerfällig wird, und dann sitzt man am Ende wieder in der gleichen Männerrunde und redet drüber: Was wolln wir eig'tlich? One-Night-Stand oder Familie gründen? Alle wollen Familie gründen, bis auf Klaus, der hat schon eine. In der Praxis kommt an diesem Abend weder das eine noch das andere zustande.
Na gut, genug gesoffen, laß uns aufbrechen (ich muß vorher nochmal auf Klo). Drei Männer im Schnee, auf dem Weg zum Nachtbus.
Winke den anderen beiden nach, mein Bus ist selbstverständlich gerade weg, und setze mich auf eine Cola in das etwas andere Wartehäuschen.
Junge Menschen sprechen davon, to break down cutural barriers, mit diesem deutschen Akzent, der ihre englischen Gesprächspartner an die Kriegsfilmnazis aus dem Fernsehen erinnert.
Doch irgendwann ist auch diese halbe Stunde zuende, und der Große Gelbe rollt heran.
Im Nachtbus gelingt es mir, den Panoramasitz im 1. Stock zu ergattern. Von hinten tönt es: Ey, 'n Bus voller Freaks, ick brech zusammn.
Der Bus war tatsächlich bis zum letzten Platz mit jungen Menschen von oder zur Diskothek gefüllt. Es roch nach Patchouli, dem traditionellen Lockstoff der brünftigen Jungfern. Ja, komm: Party. Laß uns Party machen hier im Bus. Es klang wie eine Drohung. Zigarettenrauch zog in meine Nase. Mach die Kippe aus. Offenbar war außer mit noch ein Erwachsener im Bus. Bleib doch cool, Mann. Mach die Kippe aus! Mach doch hier nich so'n Stress. Mach die Kippe aus!! Setz dich wieder hin, dann mach ich sie aus. Mach die Kippe aus!!! Setz dich wieder hin, dann mach ich sie aus. Mach die Kippe aus!!!! Setz dich wieder hin, dann mach ich sie aus. Schläge wurden angedroht, die beiden diskutierten, wie Männer diskutieren: Wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat. Bevor es zu Ausschreitungen kommen konnte, griffen einige Frauen deeskalierend ein. Der Raucher hatte verschissen, ich drehte mich um, um ihm auch einen strafenden Blick zuzuwerfen:
Genauso hatte ich vor 17 Jahren ausgesehen: Ein schüchterner Knabe mit dünnem, blondem Haar, Seitenscheitel, mit einem Bundeswehrparka bekleidet, mit demselben dunklen, rechteckigen Fleck auf dem Oberarm, wo die Fahne sich einst befunden hatte. Herausgetrennt mit Muttis Nähzeug. So maybe, the times, they are not changin' after all.