Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXIV
Victor Orloff, ehemaliger Agent der Staatssicherheit, jetzt Privatdetektiv, sucht in eigenem Auftrag (Gummiallergie) die Pflanze, die Aids besiegt. Die CIA bringt ihn auf die Spur des sagenumwobenen Dr. Petty, der Gerüchten zufolge ein Mittel gegen die tödliche Krankheit gefunden haben soll. Petty hält sich angeblich auf einer Insel in Indonesien verborgen. Zusammen mit Tom Jones, der sich als homophiler Bruder seiner Vertrauten Indiana Jane entpuppt, und einem molukkischen Geschwisterpaar steuert er das geheimnisvolle Eiland an und schlägt am Strand seine Zelte auf.
Folge XXIV: Der X-RAY-Faktor
von Andras von Guoterslohe aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt von Andreas Scheffler
Obi war eine der größeren Inseln der Molukken. Es würde schwierig werden, den Unterschlupf von Petty zu finden. Doch ich hatte ohnehin das Gefühl, daß eher wir von ihm gefunden werden würden. Was hatte Jones bloß geritten, neongelbe Zelte mitzunehmen?
Mitten in der Nacht zerrissen mit einem Mal ohrenbetäubende Schreie die Stille. Gleichzeitig blitzte vor dem Zelt eine grelle Flamme auf. Augenblicklich zog ich meine 38er und stürzte nach draußen. Das Zelt unserer molukkischen Kumpane stand in Flammen, die Schreie erstarben. Von der Landseite rollte langsam ein riesiges gepanzertes Fahrzeug heran, das aus einem gewaltigen Rohr Feuer spie. Einen Moment glaubte ich mich in einem Jack Arnold-Film. Doch mir blieb keine lange Zeit zum Überlegen. Das Monster hatte es auf uns abgesehen. Jones war gerade aus unserem Zelt gekrochen, da ging es auch schon in Flammen auf. Wir feuerten mit unseren Waffen, was das Zeug hielt, hatten aber gegen das stählerne Ungetüm keine Chance. »Los, nach links, wir müssen uns in die Büsche schlagen!« rief ich Jones zu. Zum Glück war das monströse Gefährt nicht sehr wendig. Haken schlagend rannte ich auf den Urwald zu. Jones blieb zurück und verlor die Nerven. Wie besessen schoß er mit seiner Walther PPK auf den Panzer ein. Ich wollte auf ihn zueilen, doch da hüllte ihn auch schon ein gewaltiger Feuerstrahl ein. Er schrie kreischend auf und krachte zu Boden. Das Fahrzeug überrollte ihn. Ich hatte keine Zeit für Gefühle. Wie von Teufeln gehetzt rannte ich in den Dschungel. Ich war also wieder einmal auf mich alleine gestellt, nur mit einem Götzburg-Slip und meiner 38er bekleidet. Es sah verdammt nicht gut aus.
Ich lief etwa eine halbe Stunde, dann brach ich erschöpft zusammen.
Ich wachte auf vom Kreischen der Vögel. Instinktiv griff ich nach meiner Smith & Wesson. Es verging einige Zeit, bis ich mich orientiert hatte und mir meiner Scheiß-Lage bewußt war. Am Strand hatte der Aufräumdienst ganze Arbeit geleistet. Keine Asche, keine Leichen, nur ein paar blasse Reifenspuren deuteten noch auf das Massaker des gestrigen Abends hin. Okay, Petty, wenn du dahintersteckst, geht es dir an den Kragen. Gerade wollte ich mich auf die Suche nach seinem Versteck machen, da tauchte eine blonde Schönheit im weißen Bikini aus den Fluten auf. Lachend kam sie auf mich zu: »Was machen Sie denn hier? Und Ihre Hose, ist das jetzt modern?«
»Das gleiche könnte ich Sie fragen.«
»Ich tauche hier nach Muscheln«, gab sie bereitwillig Auskunft. In unregelmäßigen Abständen kam ein Boot von Seram herüber. Ich erzählte ihr von der vergangenen Nacht, und sie wurde blaß. »Ich schlage dir vor, du bleibst bei mir, Honey«, sagte ich bestimmt. Sie überlegte kurz, dann nickte sie. »Ich heiße übrigens Ursula.«
»Orloff«, preßte ich hervor, »Victor Orloff.«
Wir folgten den immer undeutlicher werdenden Reifenspuren und gelangten schließlich an eine Schneise, die in die üppige Vegetation geschlagen worden war. Auf unserem Weg erklärte ich Ursula das Nötigste meiner Mission. Dr. Petty hatte nicht nur etwas zu verbergen, er hielt es darüberhinaus für so kostbar, daß ihm dafür ein Menschenleben überhaupt nichts bedeutete. Ich fühlte mich unwohl in meinem Slip. Außerdem konnte ich meine Waffe nicht wegstecken.
Hinter einer Biegung tauchte ein Schuppen auf. Ich pirschte mich vorsichtig an das verschlossene Tor heran. Es war still. Offenbar waren wir allein. Das Schloß war alt und das Metall rostzerfressen. Ein Kinderspiel, es mit einem der herumliegenden, granitharten Teakholzäste aufzuhebeln. Was ich erwartet hatte: Hier wurde das stählerne Monster abgestellt. Gerade hatte ich zwei Schritte in den Raum hinein gemacht, da legte sich eine Hand auf meine Schulter. Ich fuhr herum - Ursula. Ich zog sie in den Schuppen hinein, und wir sahen uns um. Neben dem Panzer standen allerlei Regale mit Werkzeugen und Ersatzteilen, an der anderen Wand zahlreiche Spinde. Ich suchte zunächst nach einer besseren Bekleidung und wurde schnell fündig. Die Schränke waren nicht verschlossen. Man verließ sich ganz auf die Angst der Eingeborenen vor dem Ungeheuer. Ich schlüpfte in einen roten Overall. Plötzlich schrie das Mädchen leise auf: »Victor, sehen Sie mal hier!« Einer der Spinde verbreiterte sich nach hinten und diente offenbar als Fahrstuhl. Volltreffer. Ich zückte meine Waffe, wir bestiegen den Lift, und ich drückte wahllos einen Knopf. Mit einem leisen Surren fuhren wir nach unten, in die Höhle des Löwen.
Wir betraten ein kompliziertes System aus schmalen und breiten Gängen. Außer einem ständigen Hintergrundgeräusch - wie von Generatoren - war nichts zu hören. Aber ich war sicher, daß man uns bereits bemerkt hatte. Ich rechnete jederzeit mit einem Angriff, doch als er kam, kam er so schnell, daß ich nicht mehr reagieren konnte. Ich sah Sterne.
Ich erwachte mit schlimmen Kopfschmerzen. - Ein Gefühl, welches ich nur allzu gut kannte. Wenig später erschien ein Diener und bedeutete mir mich anzukleiden. Ein Smoking lag bereit. Dann führte er mich in einen riesigen, luxuriös mit Unmengen von Antiquitäten ausgestatteten Raum. Kurz nach mir wurde Ursula hereingebracht. »Was mag das wohl gekostet haben?« murmelte sie überwältigt.
»Eine knappe Milliarde Dollar. Die ganze Anlage natürlich.« Dr. Petty trat majestätisch auf uns zu. »Victor Orloff, ich habe Sie erwartet. Sie, gnädige Frau, zugegebenermaßen nicht.«
»Wer hat das Ganze hier bezahlt?« fragte ich. Petty grinste. »Na, was glauben Sie?«
»Die CIA?«
»Selbstverständlich. Können Sie sich vorstellen, was ein Präparat gegen den Aids-Virus wert wäre? Ich denke schon. Alles lief unter der Hand. Und so konnte ich mit dem ganzen Geld entwischen.« Er leitete uns durch eine mechanische Tür in ein riesiges Laboratorium. »Darf ich Ihnen Dr. Brent vorstellen? Er arbeitet als Molekularbiologe und wird Ihnen alles zeigen. Anschließend können Sie sich entscheiden, ob Sie für mich arbeiten oder sterben. Das gilt auch für die junge Dame.« Ein feistes Grinsen umspielte seine Lippen, und er verschwand.
»Wir arbeiten hier mit Radioaktivität«, begann Brent seine Erklärungen. »In einem benachbarten Gewölbe befindet sich ein moderner Kernreaktor. Dr. Petty arbeitete zunächst tatsächlich an einem Medikament gegen Aids. Wir bestrahlten Zellgewebe mit Gammastrahlen. Dabei entdeckte der Doktor zufällig eine Mutation des Virus. Es stellte sich heraus, daß diese ungleich resistenter gegen alle bisher bekannten Therapien ist. In hundert Jahren wird es dafür noch kein Mittel geben. Kommen Sie.« Er führte uns in einen langen Gang mit unzähligen Zellen. »Dieses ist einer unserer Fehlschläge«, sagte er und öffnete die Klappe an einer Tür. Ich sah einen Mann Anfang Dreißig, der sich stöhnend auf seiner Pritsche wand. Sein Körper war über und über mit Geschwüren bedeckt. Er sah aus, als würde er bei lebendigem Leibe verfaulen. »Davon haben wir noch einige Dutzend Fälle«, erklärte Brent ungerührt. »Doch der Aufwand lohnt sich. In wenigen Tagen werden wir den neuen Virus im Endstadium haben. Und dann werden wir Geld einfahren.«
»Sie wollen mit seiner Verbreitung drohen und die Menschheit erpressen«, folgerte ich. Brent nickte. Ich spürte die Wut in mir heraufsteigen. Völlig unerwartet für ihn schoß ich meine Faust ab wie einen Dampfhammer. Er war bewußtlos. »Sieh nicht hin, Honey«, sagte ich und brach ihm das Genick. Die Zeit drängte. Ich mußte ohne Rücksicht auf Verluste den Reaktor zerstören. Tatsächlich fanden wir unbehelligt das Gewölbe und - es war unbewacht. Man fühlte sich sicher. Ich löste den Selbstzerstörungsmechanismus aus und stellte die Uhr auf 30 Minuten ein. Augenblicklich ertönte eine Alarmsirene. Wir waren entdeckt. Ursula schrie: »Da, die Tür!« Tatsächlich, der Lift. Kurz darauf standen wir im Schuppen. Zwei Bedienstete Pettys, die sich uns in den Weg stellten, erledigte ich mit einem Bambusrohr. Honey fand ein Schlauchboot und zwei Paddel, ich setzte den Panzer in Bewegung. Der Countdown lief. Am Strand zog ich am Boot die Leine, und es blies sich selbständig auf. Wir paddelten, was das Zeug hielt. Hundert Meter waren wir auf dem Meer, da hörten wir eine erste Explosion. Mich juckte es am ganzen Körper. Verdammt, meine Allergie. Wir saßen in einem Gummiboot. Aber es war nicht zu ändern. Ich mußte paddeln. In wenigen Minuten würde die halbe Insel in die Luft fliegen.