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Kurznachrichten: Pasta Mista

Beliebte Gesellschaftsspiele I

(Andreas Scheffler) Sollte ich einmal gezwungen werden, bei dem angeblich heiteren Gesellschaftsspiel »Wahrheit oder Pflicht?« mitzumachen, habe ich mir vorgenommen, auf die unvermeidliche Wahrheitsfindungsaufgabe »Verrat uns eines deiner Geheimnisse« zu antworten: »Tscha, eigentlich wollte ich es ja für mich behalten, aber, nun ... - Ich habe Krebs.« Damit dürfte der heitere Abend gelaufen sein.

Keiner kommt

(Jürgen Witte) Viertel vor Acht. Keiner will die Reformbühne sehen. Ahne kuckt müde, Stein kuckt müde, Falko kuckt auch müde. Na, dann werd ich wohl auch nicht wacher aussehen, denke ich. Kein Publikum, denke ich, und dann denke ich an meine Zukunft. Jetzt bleiben dir nur noch deine Frau und dein Sohn. Sei nett zu ihnen, denke ich, sie haben es verdient. Bei Reichelt um die Ecke bei mir, da suchen sie ständig Leute, die für 620 Mark die Regale nachfüllen. Das wäre doch ein Anfang. Und in 15 Jahren bist du Geschäftsführer. Wenn du den Menschen unbedingt etwas geben willst, warum nicht Iglo-Mischgemüse und Dr. Oetker Fertigpizza. Sowas wollen sie immer haben.

Bescheid

(Bov Bjerg) »Nächste Station is´ Alex«, sagt er. Sie schweigt und schaut auf die bunte Netzspinne an der Decke. »Alexanderplatz«, schiebt er nach, »die dunkelblaue Linie.« Sie schweigt. Er: »Is´ benannt nach Alexander dem Großen.« Sie runzelt die Stirn. »Das is´ der, der mit den Elefanten über die Alpen is´, damals.« Ihre Stirn wird wieder glatt. Sie schaut ihn an mit diesem liebreizenden Blick, der in unsre Männerherzen das ewig gleiche Rätsel pflanzt: Bewundert sie dich jetzt, weil du so gut Bescheid weißt? Oder hält sie dich ganz einfach für komplett bekloppt?

Telefon

(Horst Evers) Seit einiger Zeit hab ich Angst zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen. Die Angst, ich könnte mit einem zu teuren Tarif telefonieren. Die Furcht, irgendeiner Telefongesellschaft auch nur einen Pfennig mehr zu zahlen, als ich unbedingt muß, bringt mich um den Schlaf. Früher wußt ich genau, nachts um zwei Uhr is generell ziemlich günstig. Deshalb hab ich auch alle meine Freunde in Westdeutschland nachts um zwei angerufen, was meinen Außerberliner Freundeskreis stetig kleiner werden ließ. Trotzdem, wegen der ständigen nächtlichen Telefonate war ich tagsüber dann immer ganz kaputt. Bald zog ich mir eine schlimme Konzentrationsschwäche zu, irgendwann mußte ich mein Studium abbrechen, dann ... Die Telekom hat mein Leben ruiniert. Das ist die Wahrheit.

Berlinerin

(Hans Duschke) »Sag mal: So kenn ich dich überhaupt nicht. Du meckerst ja gar nicht!« Immer wenn ich diesen Urlaubswerbespot sehe, denke ich: So eine Frau hast du auch mal gekannt. Eine zähe, kleine Person.

Warum regnet es immer in Hamburg?

Irgendwie hatte ich schon nach kurzer Zeit das Gefühl, beobachtet zu werden, und richtig - kurzer Blick nach rechts: Ein älterer Herr lächelte mich an. Und auch links: Nur freundliche Blicke. Ich starrte vor mich hin und wartete auf die U-Bahn, bis ich eine Mädchenstimme hörte: »Mama, warum hat die Frau ihren Schirm auf?«

Jetzt wurde es mir bewußt: Ich hatte was vergessen - den Schirm! Mit hochrotem Kopf, überlegend, was jetzt das Beste und Unauffälligste wäre: Schirm zu, Schirm wegschmeißen, einfach ignorieren ...- hörte ich die Stimme der Mutter: »Pssst, vielleicht ist die Frau ja krank.«

(Angela Blazèvic)

Beliebte Gesellschaftsspiele II

(Andreas Scheffler) Einmal war ich auf einer Party, wir waren zu drei Paaren, da schlug einer zu vorgerückter Stunde vor, doch einmal Gruppensex in Verbindung mit Partnertausch zu praktizieren. - Nicht gleich, aber in nächster Zukunft einmal. Ein Paar war dafür, eines dagegen, das dritte war in dieser Angelegenheit uneins. Es kam zu einer üblen Streiterei. Und unsereins sitzt dann immer blöd dabei und kann nichts machen.

Neueröffnung

(Bov Bjerg) In sein Schaufenster schreibt er: »Auch im Zeitalter interaktiver Medien bleiben das persönliche Gespräch, die direkte Begegnung, der individuelle persönliche Eindruck unverzichtbar. Das gilt insbesondere für die Beziehung Friseur & Kunde. Gemeinschaftlich ergibt sich ein innovatives Potential für zeitgerechte Dienstleistung und Service.« Gelten Friseure nicht ohnehin als besonders redselig? Was für eine Vorstellung: Durch einen erst halbfertigen Haarschnitt an den Stuhl gefesselt, muß ich mir das zeitgerechte Geseiere des tertiären Sektors anhören. Da sträuben sich doch die Nackenhaare. Ja, wenn er wenigstens seinen »System-Haarschnitt« gleich umbenennen würde in »Schweinesystem-Haarschnitt«! Aber da träumste von.

Warum ich immer seltener auf Demos gehe

(Jürgen Witte) Revolution machen, das ist was für junge Menschen. Wer über vierzig ist und es noch immer nicht zu einem ordentlichen, zur Teilnahme an einer DGB-Demo berechtigenden Beruf gebracht hat, der stellt sich am 1. Mai mit seinen Generationsgenossen an eine günstig gelegene Imbißbude, trinkt sein Bier und gröhlt dazwischen ein bißchen rum. »Scheiß Staat!«, »Früher war alles besser!« - solche Sachen eben. Das kann man sogar jeden Tag machen. Und dabei das andere Ziel nie aus den Augen verlieren. Öfter auch mal Sätze sagen wie: »Hoppla schöne Frau, trinkste einen mit?«

An der Ampel

(Gabi Schlaug) Ein Paar, beide mit langen, fettigen Haaren und roten, schuppigen Gesichtern, sie laufen so vorsichtig und o-beinig, als müßten sie mit jedem Schritt einer weichen Masse, die sich hinten in ihren bunten Jogginghosen befindet, ausweichen. An der Ampel sind sie gezwungen stehenzubleiben. Sie winken einer wartenden Autofahrerin zu und geben vor, ihr etwas Wichtiges mitteilen zu müssen. Die ist davon so irritiert, daß sie in Panik mit quietschenden Reifen davon fährt und beinahe einen Unfall verursacht. Als sie verschwunden ist, knufft er sie an und fragt: »Das war gut, wa?« Sie lacht debil, es wird grün. Schweigend schlurfen sie davon und tragen ihre weichen Massen an einen anderen Ort.

Hauptstadtsprech

»Hallo, hier ist die Gabi«, meldet sie sich am Telefon, »ist dein Frauchen da?« Falls die Gabi, die wegen gemeinsamer Söhne beim Fußball und in der Schule neuerdings oft mit uns telefoniert, eines Tages nach mir fragen sollte, was sagt sie dann? »Männchen?« Die Verkleinerungsform kommt für Schwanzträger wohl eher nicht in Frage. Wahrscheinlich schlägt ihr der Wortschatz dann ins Gegenteil um und sie nennt mich »Macker«. Ganz liebevoll natürlich. (Jürgen Witte)

Was macht Jesus jetzt eigentlich?

Man munkelt ja viel. Ist er als Wunderheiler im italienischen Privatfernsehen beschäftigt, oder etwa als Versicherungsvertreter auf Provisionsbasis in Cottbus? Wir wollten es genau wissen und fanden folgendes heraus: Nach erfolgreicher Umschulung zum Coiffeur und einem Darlehen des Senats für Existenzgründer hat er sich in der Brunnenstraße im Wedding selbständig gemacht. Über der Tür prangt es jetzt in großen Leuchtbuchstaben, pragmatisch und doch eher kühl: Salon des Herrn.

(Michael Bäuning)

Leben auf der Kante

(Horst Evers) Die vielen neuen Telefongesellschaften mit ihren immer neuen Tarifangeboten werden immer obskurer. Die neueste Idee: Der Leben auf der Kante-Tarif. Er beginnt zu jeder vollen Stunde bei 95 Pfennig pro Minute, arbeitet sich dann immer weiter runter, bis er in den negativen Bereich wechselt, man also kurzzeitig fürs Telefonieren sogar Geld von der Telefongesellschaft bekommt, um dann gegen Ende der vollen Stunde plötzlich und unangekündigt auf tausend Mark pro Minute zu springen. Diese ca. zweiminütige Tausendmarkphase nennt man dann den Auha-Tarif.

Dieser Leben auf der Kante-Tarif scheint der momentanen Verfassung der Telefongesellschaften völlig zu entsprechen. Es ist, als seien sie allesamt der Spielleidenschaft, dem Zockertum verfallen.

Ich vermute ja, wenn ich morgen zur Telekom gehen würde, ihnen meine Rechnung auf den Tisch knalle: »Hier, 74 Mark 83, is nich viel, wat is? Hier sind zwei Würfel! Doppelt oder nix!« - Ich glaub, die würden´s machen.

Versuch über die Demo

Die Leute waren in Scharen gekommen, obschon (nein, weil) der Castor-Transport schon weit über zwanzig Stunden in Ahaus stand. Deshalb liefen sie auch etwas unnütz umher. Über dem Servatiiplatz spannte sich die Sonne auf einem erzblauen Himmelsgrund, wenigstens der Frühlingsbeginn tags zuvor war also nicht vergebens ausgerufen worden. Im Schatten des Platzes entbargen sich die demonstrierenden Massen. Abscheu vor der Atommafia lag in ihren jungen Gesichtern. Dicke Polizeigürtel lagerten wie Speck um das Geschehen.

(Mark-Stefan Tietze)

One nation, one culture

(Jürgen Witte) August 2001, es ist soweit, der Ehrenvorsitzende der Stifung Lesen und Nationalpreistäger des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Innenminister Jörg Schönbohm, gibt den Startschuß: Die deutschen Sozialämter bitten landesweit ca. 1,3 Millionen Leistungsempfänger zur ersten Deutschkulturprüfung in die ferienhalber leerstehenden Schulen. Geprüft werden: Rechtschreibung, Ausdruck, Verfassungstreue und Schrift.

Das Thema »Wes Brot ich eß ...« blieb bis zum letzten Tag geheim. Alle, die sich auf »Bismarck, Adenauer & Kohl« vorbereitet haben, sehen heute ganz schön alt aus. Mit einer Durchfallquote von bis zu 50 Prozent wird gerechnet. In der SPD spricht man schon vom Sozialhilfeabitur. Wir drücken allen Probanden ganz fest die Daumen.

Immer günstiger

(Horst Evers) Grundsätztlich wird das Telefonieren immer günstiger. E-Plus zum Beispiel soll ernsthaft darüber nachdenken, für ein Gespräch zwischen zwei Taschentelefonen ihrer Gesellschaft nur noch 0,2 Pfennig pro Minute zu verlangen, sofern sich beide Taschentelefone in ein und demselben Raum befinden.

Beliebte Gesellschaftsspiele III

(Andreas Scheffler) Ein für alle Mal durch bin ich mit dem Spiel Therapy. Bei Therapy muß man unverhüllt Auskunft über sich geben und seine Mitspieler psychologisch einschätzen. »Mit welchem deiner Mitspieler würdest du am ehesten auf einer einsamen Insel stranden wollen?« Nun nenn mal einer jemand anderen als seinen aktuellen Lebenspartner. Sofort herrscht Mißstimmung. »Wie phantasievoll bist du auf einer Skala von eins bis zehn?« Weil du bescheiden bist, gibst du nicht zehn, sondern neun an. Dein Freund aber sagt vier. Das muß er dir jetzt aber mal erklären! Was bleibt ihm übrig, als hilflos herumzustottern und deinen vermeintlichen Pragmatismus zu loben. Er kann sagen, was er will. Zumindest für heute hat er bei dir verschissen.

Dieses Gefühl von Fremde

(Jürgen Witte) Er war unverkennbar Engländer, er war etwas schüchtern, und wie sich herausstellen sollte, war er auch noch ein miserabler U-Bahn-Sänger. Als ihm dann aber so gar niemand seine Aufmerksamkeit schenken wollte, irgendwo zwischen Güntzel- und Berliner Straße, zwischen seinem ersten und seinem zweiten Lied, da platzte es plötzlich aus ihm heraus: »Yes, I understand, ain Volk, ain Raich, ain Fjuhrer!«

Er war zwar kein guter Sänger, und seine Gitarrenkünste waren mehr als bescheiden, aber er war kein schlimmer Mensch. Das konnte ihm keiner nehmen. Gerade hier in Berlin, im Herzen der Bestie, allein unter lauter Nazis.

Klassentreffen auf Usedom

Freute mich, die alten Freunde wiederzusehen. Erkannte allerdings kaum einen wieder, auch hatten wir uns kaum noch etwas zu erzählen. Setzte mich bald von der Gruppe ab und genoß die Insel auf eigene Faust. Wochen später erfahre ich, daß das Treffen schon ein Jahr zuvor war. Lass´ mir aber nichts anmerken, und mache mir erneut klar, daß Schusseligkeit und Flexibilität nur zwei Seiten der selben Medaille sind.

(Michael Bäuning)

Feinkost im Wandel der Zeit

(Jürgen Witte) Ein junges, sichtlich noch kinderloses Ehepaar kauft samstags gemeinsam ein. Und sie kaufen all das, was ihnen die Eltern früher so oft vorenthalten haben.

Riesenplastikflasche voll Cola, eine Flasche nicht ganz billigen Whisky, salziges Knabberzeug, dazu einige handliche Süßigkeiten. (Alles deutet auf eine geplante Fete vor dem Fernseher hin.) Dazu: Miracoli, die Großpackung, zwei Plastikdöschen mit Mousse au chocolat. Scheibletten, Aufback-Baguettes, sechs Eier und, ein bißchen Extravaganz soll auch schon sein, abgepackten Räucherlachs und ein kleines Döschen Krabbensalat.

Das ist der jugendtypische Feinkost-Geschenkkorb. Wer will schon Trüffelpastete, Rohmilchkäse, Serranoschinken und trockenen Chablis, wenn er stattdessen Whiskycola, Kindermilchschnitte und Paprikachips haben kann?

Wie gehts ´n so?

Zwei Tage hintereinander habe ich gearbeitet, mit einer rauschenden Party dazwischen, und dann am Samstag noch ein wichtiges Treffen gehabt. Das hat gereicht. Ich bin müde, rechtschaffen ausgepowert, will nur noch kiffen und schlafen, genau wie mein Mitbewohner, den ein vergleichbares Schicksal geplagt hat. Allerdings würde er, wie er sagt, »gern auch noch mal poppen«. Ich hab heut mittag erst, deshalb will ich das nicht unbedingt.

(Mark-Stefan Tietze)

Im Einklang mit der Natur?

(Jürgen Witte) Das obdachlose Hippie-Pärchen hatte seine Habseligkeiten plastiktütenvoll auf einer Parkbank zwischengelagert. Er kauerte, auf den Füßen balancierend, auf der Sitzfläche der Bank, sie saß ähnlich indianermäßig auf der Erde davor. Eine Kugel auf zwei Füßen, den Kopf gegen die Kälte mit einem Palästinensertuch umschlungen. Es dämmerte langsam. Wie die Vögel auf den Telegrafendrähten sahen die beiden aus. Fast eine Viertelstunde lang saßen sie so schweigend. Zen, oder einfach nicht wissen was tun? Dann wiederum vögelgleich zankten sie sich plötzlich und tanzten dabei wild gestikulierend um ihre Bank, bevor sie gemeinsam, tütenbepackt, wieder abschwirrten.

Heute morgen

Heute morgen erging an mich der Traumbefehl, darüber nachzudenken, ob ich die Fernsehzeitschrift gestern abend denn auch wirklich zu Ende gelesen hätte. Ich verneinte aber das ganze Ansinnen von vornherein und machte mich erleichtert auf zwei weitere Stunden todes-ähnlichen Schlafes gefaßt.

(Mark-Stefan Tietze)

Leserpost

(Bov Bjerg) Irgendwie ist dieses kleine Kraut-und-Rüben-Spottgedicht ja gar nicht so schlecht, auch überzeugt die Charakterisierung eines gewissen »Hintze« als »trüber Lurch«, aber fünf lange Zeilen später, ganz am Ende des Gedichts - der Wechselwarme ist schon drauf und dran, sich aus meinem Kurzzeitgedächtnis wieder hinauszuschlängeln - findet der Verfasser doch noch einen Reim, und zwar: »Was gut ist, setzt sich durch!«

Puh, dies ist doch eine höchst fragwürdige Ideologie! Oder wolln mal so sagen: Wenn in mir der Haß auf diese verlogene Leistungmußsichwiederlohnensozialdarwinistenscheißdrecksmucke erst brennt, dann reicht das Bier sämtlicher Berliner Pilsnerbrauereien nicht, ihn zu löschen! (Gleichsam durch die Blume gesprochen.)

Copyright: Salbader.-Redaktion
Mitwirkende: Andreas Scheffler, Jürgen Witte, Bov Bjerg, Horst Evers, Hans Duschke, Angela Blazèvic, Gabi Schlaug, Michael Bäuning, Mark-Stefan Tietze

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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