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Hinark Husen: Der Wedding wird Hauptstadt

Als es vor gar nicht so langer Zeit noch hieß, daß der Prenzlauer Berg mit dem Wedding zusammengelegt werden sollte, war unser Bezirksbürgermeister Hans Nisblé einer der lautesten Widersacher einer Bezirksreform. Mit Mitte und Tiergarten hingegen, wie jetzt beschlossen, hat er nicht die geringsten Probleme. Jetzt wird auch der Wedding Hauptstadt, und wenn dann die ersten Botschaften in die Müller- oder Brunnenstraße einziehen, wen interessiert es da noch, daß Burkina Faso oder Bangladesch nur hier die Miete für ein paar Räumlichkeiten haben aufbringen können.

Welch einzigartige Begegnungen da zustande kommen, wenn der Bodensatz der diplomatischen Gesellschaft auf milieugeschädigte Weddinger trifft!

Frau Botschafterin wird sich beim Aldi im Gesundbrunnen-Center anstellen müssen wie Oma Wutzke aus der Spanheimstraße, die auch gleich herummäkelt, die Negerin im Faschingskostüm solle doch bleiben wo der Pfeffer wächst und sich ihren Westerneintopf zuhause selber machen.

»Aber Oma Wutzke, das ist doch die Frau Botschafterin. Es ist eine Ehre, wenn die hier einkauft«, woraufhin die Alte nur weiterlästert, wenn sie Botschafterin wäre, würde sie ja zu Kaiser´s gehen.

Vielleicht kann ich ja sogar meine bescheidene Wohnung an ein wirklich armes Land tagsüber untervermieten. Wir werden dann in meinem einen Zimmer etwas zusammenrücken müssen, aber wenn der Botschafter im Winter die Briketts bezahlt und den Kachelofen immer schön einheizt, soll´s mir recht sein. Botschaft von Malawi, Utrechter Straße, bei Husen, erste Etage, drei Mal klingeln bitte.

Wegen der mexikanischen Vertretung in unmittelbarer Nähe heißt die alte Eckkneipe nun nicht mehr Zum Süffel, sondern Tequila-Eldorado, und zweimal die Woche werden die Bouletten jetzt mit Chili gewürzt.

In Mitte und Tiergarten wird man ein wenig die Nase rümpfen über die Art und Weise, wie der Wedding versucht, weltstädtisches Flair zu kreieren. Ansonsten aber sind kaum Nebenwirkungen zu spüren.

Der größte Arbeitgeber im Kiez, die Schering AG, zeigt sich von seiner weltgewandten Seite und wird den Kinderbauernhof und etliche öffentliche Spielplätze mit ein paar Millionen sponsern, mit der unerheblichen Auflage, einmal im Monat ein Dutzend Kinder in die Forschungslabore einladen zu dürfen und sie dort mit den allerneuesten Testreihen aus der Pharmaforschung zu bewirten.

Schöner neuer Wedding, kann man da nur sagen, und vielleicht werden wir es ja bei all den Umtriebigkeiten unseres Bezirksbürgermeisters Nisblé noch erleben dürfen, daß ein amerikanischer Präsident vor der Nazareth-Kirche am Leopoldplatz verkünden wird, stolz behaupten zu können: Ick bin ain Weddinger!

Woraufhin die gröhlende Menge sofort verlangt, dann soll er auch ´ne Runde ausgeben.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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