Falko Hennig: Rübezahl und das Paradies der Gummitiere
Im Winter fuhren wir ins Riesengebirge in die Tschechoslowakei. Wir hatten dort immer Quartier bei Rübezahl in der Kleinstadt Swoboda. Swoboda heißt tschechisch Freiheit, und so hatte das Städtchen auch früher geheißen, als es noch deutsch war. Rübezahl lebte mit seiner Frau in einem 200jährigen schiefen Haus mit mächtigen alten Balken, und eigentlich hieß das Ehepaar Umlauf mit Nachnamen. Aber Rübezahl war schon der echte Rübezahl, man konnte an jedem Kiosk und in jedem Schreibwarenladen Ansichtskarten mit Fotos von ihm kaufen, und auf der Rückseite stand als Erklärung in tschechisch, russisch, englisch und deutsch: Rübezahl, Berggeist im Riesengebirge.
Er hatte einen großen weißen Bart, schippte morgens laut Kohlen in den Ofen direkt vor der Tür unseres Zimmers und ächzte dabei. Alles an seiner Frau war rund, ihre Arme, ihre Beine, selbst die Nickelbrille, die auf ihrer runden Nase saß, bildete zwei Kreise, und sie schnaufte beim Treppensteigen.
Für mich war die Tschechoslowakei hauptsächlich das Land der Gummitiere. Es gab sie in allen unglaublichen Arten in den Spielzeug- und Schreibwarenläden. Es gab Schlangen und Affen, mit und ohne Baströckchen, es gab Käfer und Eidechsen, Würmer, Spinnen und Monster aller Art aus weichem, stark riechendem Gummi. Ich gab mein ganzes Geld dafür aus und bettelte um mehr, um mir auch noch die letzten und neuesten Tiere zu kaufen. Die Tschechoslowakei war der DDR in Bezug auf Gummitiere um mindestens hundert Jahre voraus.
Wenn es richtig kalt wurde, hatten die ganzen Ostautos Schwierigkeiten. Entweder die Batterien hatten sich entladen, oder irgendwelche Bowdenzüge waren festgefroren. Meine Eltern nahmen unsere Autobatterie mit ins Zimmer. Wenn sie morgens wieder eingebaut wurde, sah ich, wie andere Motorisierte Feuer anzündeten unter ihren Trabants, Skodas oder Saporoschs.
Wir fuhren los in dem eiskalten Trabant, die Skier waren auf dem Dach, nach Pez. Kaum war es in dem Auto wärmer und erträglich geworden, waren wir auch schon da. Dort in Pez gab es massenhaft Abfahrtshänge mit Skilifts. Wir fuhren mit den Lifts die Hänge rauf und dann mit Skiern wieder runter, mittags aßen wir in einer Baude, und danach fuhren wir weiter Ski und abends wieder nach Hause zu Rübezahls Haus.
Manchmal, wenn mir die Füße in den Schuhen vor Kälte taub geworden waren, wärmten mein Vater und ich uns zusätzlich irgendwo auf, wo wir auf meine Schwester und meine Mutter warteten. Auf dem Weg zur Grill-Bar, die wir wegen der erstaunlichen blubbernden Lavalampen bevorzugten, kamen wir an einem Mercedes vorbei, hinter dessen Windschutzscheibe eine phantastische Auswahl an Gummitieren versammelt war: Frösche auf Skiern, Frösche mit Brillen, Frösche, die in einem kleinen Bett übereinanderlagen. Ich starrte auf die Gummitiere, dann auf meinen Vater, der von meiner Begeisterung für die elastischen Geschöpfe wußte.
Man könnte, sagte ich, die Scheibe mit einem Stein einschlagen und die Gummitiere nehmen und schnell wegrennen.
Ja, sagte mein Vater, die Scheibe kostet bestimmt zweihundert Mark West. Wenn wir das dem Besitzer des Autos erzählen, dann gibt er uns die Gummitiere so und ist noch froh, daß wir die Scheibe nicht eingeschlagen haben. Ich hielt das für einen wunderbaren Vorschlag und dachte, wir würden nun auf den Besitzer des Mercedes warten. Aber mein Vater ging einfach weiter, als wäre die Sache damit erledigt und ich mußte ihm, obwohl ich es nicht verstand, folgen.