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Jürgen Witte: Revolution machen, aber wie?

Agitieren an der Basis

»Fuck!« sagte ich leise vor mich hin, sah mich um und blickte in glasige Augen. Einige der glasäugigen Köpfe nickten zustimmend. Okay, ich hatte also den richtigen Ton getroffen. Weiter hinten im Saal bestellte einer lautstark noch ´n Schnaps und ´n Bier. Der Laden war angemessen vergammelt, die Schuhsohlen klebten am sämig verkleisterten Boden fest, und bei jedem Schritt, wenn die Sohle sich löste, schmatzte es vernehmlich. Nur zu den Klos hin wurde der Bodenbelag wäßriger, und die Schritte wurden einem leichter. So eine Kneipe war das.

Es war anzunehmen, daß der Wirt für schwierige Fälle einen Baseballschläger hinter der Theke bereitliegen hatten. Ein Laden, wo bar bezahlt wird, deutsch gesoffen und dazwischen auch schon mal englisch geflucht. Weltoffen eben, dezent multi-kulti. »Fuck!« All die Kerle, die noch hoffen konnten, heute abend einen ordnungsgemäßen Ständer zusammenzubringen, wären viel lieber irgendwo anders. Am besten genau dort, wo jetzt gerade gefickt wird. Alle Männer hier dachten ans Ficken, ich konnte es förmlich spüren. Und das war gut so.

Ich setzte mich, bestellte ein Bier. Lange geschah nichts.

»Hast du schon mal eine richtig echt schöne Muschi gesehen?« fragte plötzlich der Typ neben mir. »Ich nicht. Also ich finde, das sieht immer so..., so..., na ja, so halt aus!«

»Direkt schwul werden könnt man da!« ereiferte sich der Bärtige mit dem Bierschaum im Gesichtsgestrüpp, der mir gegenüber saß. Nun sind mir ästhetische Auseinandersetzungen durchaus gelegentlich willkommen, aber was sollte ich hier beisteuern? Ich könnte mich, dachte ich, in der Richtung äußern, daß »schön« als ästhetische Kategorie, gerade in Zeiten, wo unser aller Auge an vielen Beispielen moderner Sachlichkeit und Bauhausidealen geschult ist, vielleicht nicht ganz passend für die Beschreibung eines urwüchsig natürlichen, beinahe archaisch zu nennenden Phänomens wie dem des weiblichen Geschlechtsorgans sei. Ich wollte unbedingt klarmachen, daß in diesem Fall wohl andere Wertmaßstäbe angelegt werden müssen. Also sagte ich: »Was heißt hier schön? Ich find´s geil!«

Allgemeines Nicken in der Runde war die Folge. Ich war also akzeptiert.

»Aber bei Schwänzen«, sagte der neben mir, der zuvor schon die Muschiproblematik aufgeworfen hatte, »also bei Schwänzen, da kann man doch schon sagen, daß es da so richtig schöne Exemplare von gibt!«

»Schöne, dicke, große Dinger, wie meiner!« rief da der Bärtige, reckte sich im Stuhl hoch, und sah sich nach allen Seiten um, ob denn eventuell eine Frau in Raum sei, die das zu würdigen wüßte. Allein die vorbeikommende, sichtlich lebenserfahrene Serviererin erwiderte seinen Blick, wackelte dabei leicht mit dem breiten rundlichen Kopf und ließ ihre Mundwinkel ausdrucksstark nach unten hängen.

»Ach Quatsch, Harry«, sagte wieder der neben mir. »Ich meine, also so rote Schwänze, so richtig rosarote, die find´ ich ja irgendwie eklich!«

»Wie meinst ´n das?« sagte der, der Harry genannt worden war, »was hast denn du für einen? Ich mein´, ist deiner grün, oder was?«

»Ach was! Aber ich finde, also, so ein dezenter Braunton, also für die Haut, das ist eine schöne Farbe für´n Schwanz. Nicht so eklich schweinchenrosa wie diese fleischfarbigen Ersatzschwänze im Sexshop.«

»Eh, halt mal, stop, Micha! Wie war das? Braunton? Has´ du ´n Negerschwanz oder was?«

»Micha hat ´n Negerschwanz! Micha hat ´n Negerschwanz!«

Micha, der noch immer neben mir saß, merkte, er hatte sich hier in die Ecke manövriert.

»Das gibt´s ja auch bei Frauen, also, daß da die Brustwarzen und Schamlippen eher so ins Bräunliche spielen!« versuchte er sich zu retten, aber das Interesse lag nach wie vor bei seinem vermeintlichen Negerschwanz. Vereinzelte »Zeigen! Zeigen!«-Rufe kamen auf. Micha tat mir leid, und ich beschloß, ihn zu retten.

»Bill Clinton«, sagte ich, »der hat ja einen total krummen Schwanz!«

»Ja, det stimmt, ha´ ick inne B.Z. jelesen. Der soll da ja tatsächlich eene auffäll‘je Krümmung haben!« sagte einer, der gerade, durch die Rufe angelockt an den Tisch getreten war. »Und habt´a det von dieser Potenzpille schon jehört? Niagara oder so ähnlich heißt die. Die nimmste, und dann bleibt er steif. Kannste stundenlang mit ficken, ohne daß er schlapp macht!«

Alle glasigen Augen wurden auffällig glasiger. Stundenlang ficken, so lange, bis schließlich die Frau mal sagt: »Bitte mach Schluß, ich kann nicht mehr!« Der Traum eines jeden Mannes, zum Greifen nah.

»Kost allerdings pro Pille um die 50 Mark!«, sagte ich.

»Echt ey, jedes Mal?«

»Und watt is schon einmal am Tach, wennde ´s erst so richtig am Laufen hast...«

»Verdammt, soweit kommts noch, daß die Reichen auch noch besser ficken können, bloß weil die die Kohle haben!« schrie der Bärtige, und der Sabber rann aus seinen Mundwinkeln und vereinte sich mit dem Bierschaum im Bart.

»Eine Erz-Sauerei ist das!«

Aufruhr lag plötzlich in der Luft. Das war genug. Die Saat der Revolution war gesät. Die Menge war aufgeputscht. Ich stand auf, zahlte meine Zeche und ging. Zwei Ecken weiter bei Margot und Heinz würde ich meine Agitationsarbeit fortsetzen.

Zeichnung von Marcus Spang

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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