Bov Bjerg: Alles wird gut
»Und was meinst du dazu?« versuche ich, Peter zu einer Reaktion zu bewegen. Ostersonntag morgen, ich sitze im Oberdeck vom 140er Bus, und gerade habe ich meinem ehemaligen Mitbewohner erzählt, was mich bedrückt: Daß mich noch immer die Frau nicht will, die ich will; daß meine Freunde meinen Starrsinn nicht begreifen können und mich längst schon für bekloppt halten; kurz: daß keiner mich liebt, daß diese ganze Welt sich gegen mich verschworen hat und, wenn ich meine Stichproben hochrechne, aus fünf Milliarden herzloser Fieslinge besteht, wenn nicht sogar aus sechs. Ja, wahrscheinlich sind es sogar sechs.
Ein abgewetzter hellblauer Jeansanzug steigt die Treppe hoch und schaut sich um. Vorn ist alles frei, trotzdem kommt er auf mich zu. Linke Hand am Griff, rechte Hand am Griff, immer abwechselnd, so rudert er durchs Oberdeck.
»Na? Peter, sag was! Was meinst du dazu?« wiederhole ich leise meine Frage und gucke zum Fenster hinaus in den Himmel. Ich horche in mich hinein. Jetzt muß ich mich konzentrieren. Jetzt darf ich mich nicht ablenken lassen vom Generve der jugendlichen Testosteronpakete hinter mir, auch nicht vom Anblick des schaukelnden Jeansanzugs. Jetzt muß ich das Motorgedröhne sorgfältig wegfiltern, um verstehen zu können, was Peter sagt. Wenn man mit einem Toten spricht, muß man nämlich supergut aufpassen, denn sonst bildet man sich leicht was ein, was der gar nicht gesagt hat, und das führt oft zu dummen Mißverständnissen.
Der Jeansanzug bleibt vor mir stehen. Unter einem Pony aus dünnen blonden Haaren blicken mich zwei braune Augen erwartungsvoll an. Ich sage: »Kommen Sie, um sich Ihr Begrüßungsgeld abzuholen, junger Mann? Da sind Sie aber ´n bißchen spät dran.« Quatsch. Natürlich sag ich gar nichts. Ich schau ihn nur erwartungsvoll an.
Ich darf mich nicht ablenken lassen. Ich darf mich nicht ablenken lassen. »Peter?« Hat er jetzt was gesagt? »Was? Peter, ich hab´s nicht richtig verstanden. Was du dazu meinst, hab´ ich dich gefragt.« - »Bov, du machst das schon alles richtig! Alles wird gut!« Na also, wer sagt´s denn? Und Peter muß es wissen. Wenn einer Lebenserfahrung hat, dann ja wohl der. Der hat sich nicht umsonst umgebracht damals. »Danke, Peter!«
Der Jeansanzug steht immer noch da. »BVG«, stellt er sich vor. »Den Fahrausweis bitte!« Fahrausweis? Im Bus? »Seit wann braucht man denn im Bus ´nen Fahrausweis?« Meine Strategie geht nicht auf. Der Jeansanzug bleibt stehen. »Den Fahrausweis bitte!« Eine Bierfahne wedelt mir um die Nase. Eine Bierfahne früh um neun. Am heiligen Sonntag. Pfuiteufel. So einer ist als Autoritätsperson absolut inakzeptabel. Mit solchen Leuten verkehre ich ausschließlich von gleich zu gleich: »Ha, jetzt hab ich´s begriffen! Na, du bist mir ja ein ganz Raffinierter! Früher hieß das noch: Haste mal´n paar Groschen? Clever, clever. Genialer Trick, das muß man dir lassen. Aber nicht mit mir. Tja, tut mir leid. Hat nicht geklappt. Aber keine Angst, ich werd´ dich schon nicht verpetzen. Schönen Tag noch. Und viel Erfolg! Genialer Trick, nee, nee...« Er hält mir ein Plastik-Kärtchen vor die Nase. »BVG« steht da drauf. Name, Unterschrift, Foto. »Ich nehme an, das ist Ihr Dienstausweis?« Der Jeansanzug beugt sich herunter und nickt mir ins Gesicht. Scheiße auch. Die Bierfahne. Ich kotz gleich.
»Na, Peter, und was meinste jetzt dazu?« Rauschen im Kopf. Ich muß mich konzentrieren. Ich stelle ihn mir vor, wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe: Groß, kräftig, eine unglaubliche Mähne aus rotbraunen Locken. Ein Gebiß wie aus Granit. Keine einzige Plombe, kein schiefer Zahn und immer blitzeweiß. Dabei ging er nie zum Zahnarzt. Und immer so´n seltsames Lächeln, eine Art trauriges Grinsen. »Na, Peter?« Ich hör was! »Bov, alles wird gut. Aber es wird immer schlimmer.« Aha. Ist das jetzt Jenseitslogik? »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen«, sagt Peter. »Aber für uns Tote gilt das nicht.«
»Ich hab kein´ Fahrschein«, sage ich.
Der BVG-Knecht fragt: »Ausweis?«
»Nee, ich zahl´ gleich.«
»Macht sechzig Mark.«
»Hier, hundertzwanzig. Ich bin zu zweit.« Ich gebe ihm das Geld.
»Wo ist denn der zweite?«
»Der ist schon tot.«
»Das geht nicht. Hier haben Sie sechzig zurück.«
»Wie, das geht nicht?«
»Das geht nicht.«
»Was soll das heißen, das geht nicht? Warum geht das nicht?«
»Hören Sie, wenn Sie keinen Fahrausweis haben, dann muß ich bei Ihnen sechzig Mark kassieren. Sechzig Mark. Nicht weniger, aber auch nicht mehr, verstehen Sie? Hier haben Sie die zweiten sechzig zurück.«
»Ja, und was soll mein Freund dann machen? Soll der aussteigen, oder was? Das kommt überhaupt nicht in Frage!«
»Entweder Sie nehmen jetzt die sechzig Mark zurück, oder ich rufe die Polizei!«
Von hinten mischt sich eine Stimme ein: »Geben Sie dem Herrn bitte die die ganzen hundertzwanzig Mark zurück. Er fährt bei mir mit.«
»Premium?« fragt der Jeansanzug.
»Natürlich Premium«, lacht der Kerl hinter mir.
»Sie kennen sich?« fragt der Jeansanzug.
Ich drehe mich um. Ein rotbrauner Lockenkopf grinst mich traurig an. Seine Zähne blitzen. Zum Jeansanzug sagt er: »Das geht Sie gar nichts an.«
