Ahne: Wie der Präsident von die USA einmal bei uns zu Besuch kam
I.
Wir schreiben den 13. Mai 1998. Vor fünf Tagen war Tag der Befreiung. Vor dreizehn Tagen 1. Mai. Es ist heiß in Berlin. Unglaublich heiß. Auf den Bäumen haben sich kleine Feuerkronen gebildet. Die Seen dampfen, und Frau Miekisch war bereits das 28. Hitzeopfer dieses Monats. Und nun kommt auch noch Bill Clinton.
Wir erwachen schweißgebadet in der Ackerstraße 169. Die Bettdecke mieft wie Rhinozeros oder so. Der Hund hat sich in den Kühlschrank zurückgezogen, und unsere schwerste Waffe, das Megaphon, glüht. Egal, Kaffee kochen, Stulle schmiern, Pullover anziehen. Halt, geht nicht, zu warm. Pullover wieder aus. Hätten wir uns bloß mal letztes Jahr T-Shirts gekauft, denke ich. Oder Hemden, denkt jemand anders. Oder irgendwas leichtes und luftiges, denkt der Hund. Hat aber keiner. Nur Pullover. Total viele total dicke Pullover und Heizdecken und Pudelmützen, bis das Geld alle war.
Ja, aber zum Glück haben wir Schere, Bettlaken und Mut und schneiden uns mit ebensolchem drei lustige T-Shirts. Eins mehr als wir brauchen. Doch das wird erst später bemerkt. Jetzt haben wir aber keine Zeit mehr. Nur noch mal kurz unser Erdbeerbeet auf dem Hof angucken. Wir haben nämlich ein zwei mal zwei Quadratmeter großes Erdbeerfeld angelegt auf dem Hof. Damit wir uns im Falle eines Krieges oder so selbst versorgen können. Dieses Feld hat viel Arbeit gemacht. Man muß ja immer harken und umgraben, säen, pflanzen, Wassertriebe abschneiden, wildwachsende Gurken wegjäten, diverse Wasserkannen gießen, buddeln. Auch manchmal, so leid es uns tut, spielende Kinder verkloppen, damit die sich das merken und das nächste Mal lieber bei Omi bleiben und Beverly Hills gucken. Einmal gab es auch Käfer auf unserem Erdbeerfeld. Ein großer kräftiger Käfer hatte es sich auf einem gutgewachsenen Erdbeerblatt bequem gemacht und wollte vermutlich gerade mit seinen kräftigen Hauern in das Blatt hineinhacken. Man sah ein bißchen die Gier in seinen Augen. Da habe ich zum Glück reaktionsschnell gehandelt und ihn unter meiner Schuhsohle begraben. Immerhin sind Erdbeerblätter sehr wichtig für eine große Anzahl stattlicher Erdbeeren. Sie sind Tarnung und Schutz in einem. Wenn, zum Beispiel, jetzt Schildkröten auftauchen - Schildkröten fressen bekanntlich alles, was rot leuchtet - wenn jetzt also Schildkröten in riesigen Massen anrücken, dann schmiegen sich diese Erdbeerblätter verantwortungsbewußt um die Früchte und sagen leise: »Pssst!« Die Früchte bleiben still, und die plumpen Schildkröten trotten ahnungslos vorbei, hin zum nächsten Erdbeerfeld um die Ecke, was dort, glaube ich, Dr. Helmut Kohl aufgebaut hat.
Aber jetzt, was muß ich sehen, unser Erdbeerfeld war über und über von Polizei besetzt. Mit Knüppeln und Wasserwerfern standen sie da rum und latschten auch total blöde alles kaputt. Der eine scharrte komisch mit dem Fuß wie ein Pferd. Es war unglaublich. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich rief: »Ey, was soll das! Ihr seid doch hier nicht in Kambodscha, das sind Erdbeeren und keine Khmer!«
Doch die Ärsche grinsten, und mir wurde ein Zettel rübergeschoben: »Herzlich willkommen zu den Feierlichkeiten wegen diesem Bill Clinton. Leider müssen wir sie darauf aufmerksam machen, daß in der Zeit, in der selbiger amerikanische Präsident hier herumläuft, die Berliner Polizei das Recht besitzt völlig durchzudrehen, auch wenn dadurch immenser Schaden an Leib und Leben entsteht. Gezeichnet Innenminister Schönbohm (Vielleicht bin ich ja bald amerikanischer Präsident).«
Da wurde mir so einiges klar, sozusagen die Augen geöffnet, und ich konnte nur ein letztes Mal vor den Beamten verächtlich ausspucken. »Wegen der Erdbeerpflanzen«, hab ich gesagt.
II.
Die Polizei hatte also unsere Erdbeeren auf dem Gewissen. Soviel war klar. Der Schönbohm hatte noch eine Schelle offen. Aber was war das mit: »(Vielleicht bin ich ja bald amerikanischer Präsident)«? Geht sowas überhaupt? Und was bedeutet das »in Klammern«? Was Geheimes? So viele Fragen. Und diese Hitze. Und was sollte überhaupt das blöde T-Shirt? Das brauchen wir doch gar nicht. Der Hund hat doch ein Fell an. Es war eine Situation entstanden, ähnlich der einer revolutionären Situation. Nur weniger dramatisch und ohne soviel handelnde Personen.
Ganz klar, wir mußten zum Gendarmenmarkt. Da sollte Bill Clinton von den USA eine achtstündige Rede halten über die Fragen, die er so hatte. Es hieß, das sei alles ganz wichtig für Berlin und Brandenburg und Deutschland, Europa, Welt, Weltall, ähnliches ... Ganz klar, daß da an einem so heißen Katastrophentag es sich praktisch kein Berliner nehmen ließ, hier dabei zu sein. Hunderttausende Durchschnittsberliner und natürlich auch einige Dutzend Berlinerinnen schwankten teilweise sturzbetrunken an den Absperrseilen entlang. Die USA hatte Cola-Whisky kostenlos verteilen lassen, und so herrschte Siedepunkt bei der Stimmung. Immer wieder ritten Polizisten zu Pferde in die Massen und trampelten Ahnungslose zur Abschreckung nieder. Wir hatten zur Tarnung dicke mexikanische Schnauzbärte angeklebt und trugen nordkoreanische Strohhüte gegen die Hitze. Niemand würde unter solcher Dekoration den harten Kern des Votzenblocks vermuten. Auf mitgebrachten Stöckern steckten leere Colabüchsen, ein Indiz für die freundliche Gesinnung unserer Herzen. »Bill Clinton ist gut«- und »Bill Clinton ist gar nicht mal so schlecht«-Aufnäher taten ihr übriges.
Punkt 16 Uhr 30 ging´s dann los. Kohl hielt eine kurze Ansprache, in der er zum Ausdruck brachte, daß die Sonne scheint und auch sonst hier alles gut pünktlich angefangen hatte. Dazu schlenkerte er selbstverliebt seinen Bauch hin und her. Der arme Mann. Dann Clinton. Politiker aus der USA. Sogar Präsident. Er war sicherlich ein sehr bedeutender Mann. Er war der Präsident der USA, des größten Weizenproduzenten der Welt. Aus den USA kommen auch die Cowboys und die Indianer und die lustigen Dinger, die hier, die dicken Motorräder. Und auch Pommes, glaub ich, oder, das weiß ich nicht so genau. Aber auf jeden Fall, von alldem ist er Präsident. Unglaublich mächtig. Und da sah ich auch schon, wie so ein fieses Gesicht durch die Menge guckte. Total spitzbübisch. Ein verschlagener, mit allen Wassern gewaschener Tunichtgut steckte dahinter. Ganz klar, dieser Mann, der so fies guckte, war niemand anders als unser eigener Innensenator Schönbohm. Ein schlauer Fuchs, aber böse; ganz, ganz böse. Er guckte nochmal, und dann zog er aus der Hose ein dickes, ein schweres, ein todbringendes Rohr. Es war ein Gewehr. Ein Schießgewehr. Was sollte das? Ich erinnerte mich. Richtig, die Klammer. »Vielleicht bin ich ja...« Ha, da waren mir doch damals schon die Augen aufgegangen. »Halt!« schrie ich, »im Namen des Votzenblocks, du blöde Sau!« Der Innensenator erschreckte sich, hatte da jemand zu ihm Votze gesagt? Er steckte schnell noch zwei Bomben mehr in das Gewehr rein. Doch irgendwas hakte. Alles klemmte. Er konnte nicht... Da war auch schon der Hund an seinem Hosenbein und riß es ihm ab.
Eine leere Colabüchse flog an seinen Kopf. Herr Schönbohm wurde ohnmächtig. Doch ohne Gnade prügelte ich mit meinem, eigentlich als Transparent gedachten Stock auf ihn ein.
»Hier, nimm das, gemeiner Betrüger, Faschist, Arschloch, du hast unsere Erdbeeren auf dem Gewissen, dafür mußt du sterben.«
Zum Glück kam dann Bill Clinton dazu, dem ich ja nebenbei auch noch das Leben gerettet hatte, und wollte dann, daß ich ihn nicht totmache, und Helmut Kohl meinte, er besäße auch ein Erdbeerfeld und könnte das verstehen. Ihm hätten die Schildkröten alles weggefressen und so weiter. Ich muß mal so sagen, die beiden sind auch echt blöd. Aber, na ja, es war dann ja auch ganz heiß und Sofi stand da plötzlich mit zwei Cola-Whisky, und da haben wir noch irgendwie, glaub ich, was gesungen vielleicht.
