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Holm Friebe: Gregors Geständnis oder Hitler privat

Wir müßten uns treffen, und er müßte mal mit einem vernünftigen Menschen reden, sagte Gregor am Telefon und klang so, als ob er es ernst meinte. Wir trafen uns am selben Abend im Ratsherreneck, wo man auch mal ungestört reden kann und nicht dauernd jemand reinkommt, den man irgendwoher kennt. Wie es denn gehe, ganz gut so, Studium und Schriftstellerei und alles..., druckste Gregor herum, bevor er ausschweifend zur Sache kam: Manchmal, wenn nichts Besseres im Fernsehen komme und er auch sonst nichts zu tun habe - ob ich soweit folgen könne?

Ja doch, beschied ich ungeduldig.

Also, manchmal versuche er dann halt zu den Werbungen für Sexnummern - ich wüßte schon: »Nullhundertneunzig und drei mal die Sechsundneunzig! Versaute Girls besorgen es dir hier direkt auf der line« usw. - sich einen runterzuholen. In der Regel klappe das auch während eines Werbeblocks ganz gut, zumal diese, je später die Stunde, um so länger und freizügiger würden.

Kenne ich und hätte ich auch schon probiert, sekundierte ich etwas stutzig, was denn daran wohl das Problem sei?

Ja, halt: Neulich sei es ihm passiert, daß, gerade als er mal wieder soweit war, die Frauenbilder abrupt und jäh abgelöst wurden von einer Werbung für das Time-Life-Home-Video: »Hitler - Der Privatmann«. Kurz habe er noch erwogen abzubrechen, aber dafür sei es schlicht zu spät gewesen. Es sei ihm dann genau während jener Einstellung gekommen, in der Adolf Hitler ins Mikrophon belfere: »...daß diese Zukunft rrrestlos uns gehört!«

Und?

Seitdem habe er Gewissensbisse und kriege auch keinen mehr hoch. Immer wenn er sich nackte Frauen und so, das Übliche eben, vorstelle, drängle sich im entscheidenden Moment Adolf Hitler dazwischen, was natürlich schlagartig eine abturnende Wirkung habe. Dasselbe beim Sex mit seiner Freundin, die langsam einigermaßen frustriert sei. Nur, der könne er das beim besten Willen nicht erzählen.

Logisch. Hm..., hm..., hm, versuchte ich, ernst zu bleiben. Das sei ja nun echt eine einigermaßen vertrackte Situation, zu der mir auch keine rechte Lösung einfallen wolle. Ob er denn schon mal probiert habe, sich Adolf Hitler mit Titten vorzustellen?

Ich sei ja wohl ein Arsch und würde mich nur lustig machen über seine existentiellen Probleme. Er sehe schon, daß ich ihm auch nicht weiterhelfen könne, noch wolle. Dann bleibe ihm wohl nichts übrig, als sich in professionelle Hände zu begeben, besten Dank auch.

Hey, so war das doch nicht gemeint. Und ich erzählte zur Besänftigung die ausgedachte Geschichte, daß ich mir mal zu einem Fernsehbeitrag über Leben und Werk des Komponisten Paul Hindemith einen gewichst hätte, und auch danach eine Zeit lang gedacht, ich sei nicht ganz normal.

Das versöhnte ihn wieder, und wir tranken noch ein paar Bier und kamen auf andere Dinge zu sprechen. Danach haben weder Gregor noch ich jemals wieder von der Geschichte angefangen, und ich weiß auch nicht, wie es weiterging. Aber ich finde, er macht neuerdings jedenfalls wieder einen erheblich ausgeglicheneren Eindruck.

Copyright: Holm Friebe

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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