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Horst Evers: Ich war der Appendix

»Wenn Sie immer noch solche Schmerzen haben«, die Ärztin runzelt die Stirn, »dann könnte es wohl doch der Blinddarm sein. Vielleicht besser, wenn die sich das mal im Krankenhaus angucken.« Na also, da hatte sich mein Jammern der letzten zwei Tage ja doch gelohnt. Von wegen einfache Magen-Darm-Grippe. Wie es aussah, war ich jetzt ordentlich schwer krank. Das Ding in meinem Bauch war richtig dicke Post.

Ein Taxi brachte mich zur Notaufnahme vom Urbankrankenhaus. Meine ernsthafte Blinddarmerkrankung hat mir neues Selbstbewußtsein verliehen. Stolz trete ich an den Aufnahmeschalter und sage:

»Guten Tag, ich bin ein Notfall.«

»Ach was, wir sind hier die Notaufnahme, hier kommen nur Notfälle.«

Aha. Ich hatte verstanden. Hier wehte ein anderer Wind. Hier waren die Anforderungen höher. Von der normalen Ärztin in die Notaufnahme zu kommen, ist in etwa so, als wenn man von der Grundschule aufs Gymnasium kommt. Die Frau an der Aufnahme musterte mich.

»Name?«

»Horst E...«

»Wohnort?«

»Berlin, Wr...«

»Telefon?«

»030...«

»Krankenkasse?«

»Techni...«

»Beruf?«

»Na ja ...«

»Geschlecht? Größe? Gewicht? Augenfarbe?«

»Äääh...«

»Gut. Hier lesen Sie es sich nochmal durch, ob alle Angaben stimmen, und dann unterschreiben.«

Ich las mir das Formular durch, tatsächlich, alle Angaben zu meiner Person stimmten. Wie machte sie das bloß?

»Ähm. Kennen Sie mich irgendwoher?«

»Nee, woher denn?«

»Na, weil hier alle Angaben zu meiner Person richtig sind, obwohl ich die Sätze gar nicht zuende sprechen...«

»Hörense mal, ich sitz hier seit 15 Jahren inner Aufnahme. Da kennt man mit der Zeit seine Pappenheimer. Und Ihre Versichertenkarte, die sie zu Hause in der linken Schreibtischschublade unter den Kontoauszügen vergessen haben, müssen Sie auch noch irgendwie hierherschaffen.«

Ach so, na, da wußte ich doch wenigstens wieder, wo sie lag. Ich war beeindruckt. Ein gutes Gefühl, in den Händen von echten Profis zu sein.

Der Aufnahmearzt kam auch gleich zur Sache.

»Haben Sie Schmerzen?«

»Ja.«

»Na, dann legen Sie sich doch mal hin, so schlimm ist das doch noch gar nicht.«

Dann drückte er auf den Blinddarm, und ich hatte das Gefühl, mein Bauch würde explodieren.

»Sehense, das sind Schmerzen.«

Stimmte.

»Das is ja herrlich klassisch bei Ihnen, ein richtiger Lehrbuchappendix. Weil, eigentlich ist es ja gar nicht der Blinddarm, sondern der Wurmfortsatz, der Appendix. Das isser.«

Dann drückte er wieder drauf.

»Toll. Einfach toll. Genau da, wo ein akuter Appendix sein soll. Sagen Sie, darf ich das meinen Studentinnen zeigen?«

Ich dachte, was soll schon sein? Wenn ich doch so einen Lehrbuchappendix habe, so ein Geschenk der Natur, darf ich mich doch nicht der Wissenschaft verschließen. Was konnte schon passieren? Kurz darauf erschienen drei Studentinnen, die jede nochmal auf den Schmerzpunkt drückten. Während mir vor Schmerz die Konturen des Behandlungsraumes vor den Augen verschwammen, wurde mir allmählich klar, was schon passieren konnte.

Als ich wieder einigermaßen bei Besinnung war, faßte ich mir endlich ein Herz.

»Herr Doktor, werde ich durchkommen?«

Diesen Satz wollte ich schon immer mal sagen.

»Ach, so´n Appendix. So schlimm ist das doch nicht. Den kratzt zur Not auch noch der Pförtner mit dem Löffel raus!«

Das war ein Medizinerwitz. Medizinerhumor ist zumeist etwas sperrig und wenig erfolgreich, was allerdings auch am Publikum liegt. In der Regel todkranke Patienten wie ich. Diesen Pförtner-Blinddarmwitz sollte ich übrigens in den nächsten drei Stunden bis zur Operation noch 37mal hören. Er ist ist sehr beliebt im Urbankrankenhaus.

Hinter dem Vorhang tuschelten jetzt schon die Chirurgen, wer mich operieren sollte.

»Oh nee, ich will den Appendix. Bitte. Ich hab vorher ne Leber und ne Niere, da brauch ich einfach mal was Leichtes hinterher. Zur Entspannung. Laß mir den Appendix.«

Irgendwie fühlte ich mich nicht richtig ernstgenommen.

Die Pfleger spielen mittels Schingschangschong aus, wer mich hochfahren muß. Der Verlierer ist stinksauer und fährt mich, um die Schwestern zu beeindrucken, freihändig hoch. Auf einem Fuß hüpfend, bugsiert er mich mit dem anderen in den dritten Stock. Insgesamt stoßen wir 17mal gegen Wände oder Türen, was jedesmal zu leichten Implosionen in meinem Bauch führt. Aber er schaffts und ich bin auch ein wenig stolz, von so einem geschickten Pfleger gefahren worden zu sein.

Die Stationsschwester sieht traurig aus. Ich glaube, sie hat sogar kürzlich geweint. Vermutlich Liebeskummer. Ich frage sie, ob sie mal auf meinen Blinddarm drücken will, damit sie auf andere Gedanken kommt. Sie drückt, ich schreie auf, und für einen Moment hat sie ihren Kummer vergessen.

Drei Stunden später werde ich zum OP gefahren. Der Pfleger sagt, die OPs sind unten im Parterre, damit der Weg zum Landwehrkanal kürzer ist, wenn mal was schiefgeht. Dann lachen wir beide gelöst. Zur Belohnung fährt er mich diesmal mit den Händen.

Im OP stellt mir der Anästesist ungefähr 200 Fragen über irgendwelche Allergien, Krankheiten oder Operationen. Von wegen, ob ich die schon mal »gemacht« habe. Nachdem ich 40mal »nein« gesagt habe, sage ich einfach mal »ja«, um glaubwürdig zu bleiben. Daraufhin bricht eine relative Panik aus, und der Chirurg fragt mich, wer denn die Herztransplantation vorgenommen hätte. Ich gestehe kleinlaut, daß ich jetzt auch einmal einen Scherz gemacht hätte. Dann lache ich ansteckend, und der Chirurg weist den Anästhesisten an, mich sofort einzuschläfern.

Ich bin schon im Wegdösen, als der Chirurg mich nochmal beruhigen will.

»Keine Angst, so´n Appendix ist keine große Sache, ich habe eine große Berufserfahrung, ich stehe schon seit 30 Jahren an der Pforte.«

Dann wird alles schwarz und erstmal ist da gar nix mehr.

Als ich einige Zeit später aus der Vollnarkose wieder aufwache, sitze ich in der U-Bahn. Noch ein abgefahrener Medizinerscherz? Entweder haben mich die Ärzte einfach unter Vollnarkose in die U-Bahn gesetzt oder irgendwas ist wirklich schiefgelaufen. Der Bahnhofssprecher brüllt:

»Richtung Himmelstor zurückbleiben! Zurückbleiben!«

Dann betritt ein Kontrolleur mit langem weißen Bart den Waggon. Die Türen schließen sich, der Zug fährt ab.

»Die Fahrkarten mal bitte!«

Ich habe nur einen Zettel, auf dem Appendix steht.

»Wat issn ditte. Appendix is hier nich jültig. Damit könnse nich mit in´n Himmel fahrn. Wejen Appendix stirbt heute keiner mehr. Müssense wieda aussteigen. Appendix. Höhö, wär ja noch schöner, höhö!«

Ich lasse mir seinen Ausweis zeigen. Er holt einen Zettel mit seinem Foto raus. Daneben steht: »Ick bin Petrus, wa.« Ich bin verwirrt.

»Da sindse falsch umjestiegen. Mit Appendix könnense nich in´n Himmel.«

Ich frage ihn, warum Petrus berlinert. Petrus sagt, er spricht jeden Menschen in dessen Muttersprache an. Ich sage, ich bin eigentlich aus Norddeutschland.

»Ach so, scha nu, das wußt ich nich, nee, tut mir bannig leid, aber trotzdem, da müssense hier wieder aussteigen. Kann man goooor nix machen.«

Er weist auf die Tür. Ich frage ihn, ob alle Menschen mit der U-Bahn in den Himmel fahren.

»Na ja, die meisten, ne. Aber auch nich alle, ne. Diana zum Beispiel, als die letztes Jahr kam. Die is natürlich mittem Auto gefahren.«

Dann wirft er mich raus.

Ich wache erneut auf. Diesmal im Aufwachraum neben dem OP. Der Anästhesist ist wieder da.

»Na, Herr Evers, auch schon wach? Wie gehts uns denn?«

»Ohgaggfkzhsy...«

»Wird schon wieder. Die Operation ist gut verlaufen. In drei Wochen ist ihr Knie wieder wie neu!«

»LKUJHLUHlkjlb... - Ich war der Appendix!«

»Ich weiß. Kleiner Scherz, höhö.«

In diesem Moment wußte ich, ich war wieder unter den Lebenden. Bei den lustigen Medizinern vom Urbankrankenhaus.

Zeichnung von Marcus Spang

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
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