Tube: Gas
Ein Bekannter rief mich neulich an und fragte, ob ich ihm helfen könnte, seinen Gaszähler auszubauen. Er konnte das nicht alleine tun, da seine linke Hand in Gips war. Die gebrochene Hand hatte er durch einen Motorradunfall. Er war einfach zu gut erzogen. Sogar auf dem Motorrad in voller Fahrt hielt er sich die Hand vor die Nase, weil er niesen mußte. Hätte er ausnahmsweise mal in die freie Luft geschneuzt, hätte er danach in Ruhe anhalten können, um das Tachometer und seine Nase zu putzen und wäre nicht mit der beschmierten Hand vom Lenker abgerutscht und deshalb hingefallen.
Ich besuchte ihn also, um den Gaszähler abzuschrauben. Der angenehme Geruch des Kaffees, den er servierte, konnte leider nicht den Gestank in der Küche überdecken. Mit einer Hand kann man eben nicht so gut abwaschen. Ich kann das auch mit zwei Händen nicht besonders gut.
Nach dem Kaffee ging es los. Die alten Ostgaszähler funktionieren so, daß man sie sehr leicht manipulieren kann. Man schraubt sie ab und pustet dann mit einem Staubsauger rückwärts hinein, bis der gewünschte Zählerstand erreicht ist. Je nachdem, wie weit man dann unter dem letzten abgelesenen Gaszählerstand ist, bekommt man von der Gasag noch Geld gezahlt oder eine Anzeige. Mir ist nur letzteres bekannt. Deshalb sollte man immer leicht über dem letzten Stand bleiben und selbst ein wenig bezahlen.
Für einen Amateur ist es in jedem Falle gefährlich, einen Gaszähler abzumontieren. Es können eine Menge Unfälle dabei passieren. Angefangen von einer Gasexplosion bis hin zu einem gebrochenen Fuß, falls einem das Ding darauf fallen sollte.
Ich legte also los, setzte die Wasserpumpenzange an und schraubte das Ding ab. Gasgeruch mischte sich mit dem Gestank des dreckigen Geschirrs. Ich fragte vorsichtshalber nochmal nach, ob der Haupthahn schon zugedreht war, bevor ich mir eine Zigarette anzündete. Doch er stellte die Gegenfrage: »Was für ein Haupthahn?«
Wir begannen zu suchen. Im ganzen Flur war nichts zu finden. Hinter dem Vorhang war nichts. Das Gas zischte. Hinter dem Regal war auch nichts. Das Gas zischte. Die Zeit wurde knapp. Es ist zu spät, dachte ich.
»Los, wir müssen abhauen, bevor uns die ganze Bude um die Ohren fliegt!« sagte ich.
»Nein, wir müssen den Haupthahn finden«, antwortete er.
Ich verließ die Wohnung und rannte die Treppe hinunter. Er brüllte mir noch hinterher: »Wenn du jetzt einfach abhaust, dann werde ich nie wieder mit dir reden!«
Er könnte recht behalten, dachte ich.
Auf der Straße angekommen, setzte ich mich in ein Café gegenüber des Hauses, um mir in Ruhe das folgende Schauspiel anzuschauen.
Zwei Minuten später war ich wieder unterwegs zur Wohnung meines Freundes. Ich hatte doch ein schlechtes Gewissen. Die Tür stand noch offen. Als ich auf den Flur trat, sah ich ihn, mit einer Hand das offene Gasrohr zuhaltend und mit der Gipshand nach dem Telefon angelnd. Sicherlich wollte er einen Fachmann anrufen. Ich gab ihm das Telefon, schließlich läßt man gute Freunde ja nicht einfach im Stich. Danach ging ich nach Hause.
Auf jeden Fall aber sollte man immer einen Fachmann mit der Abmontierung des Gaszählers beauftragen und außerdem nie Motorrad fahren.