Gabi Schlaug: Nach der Explosion
Die U-Bahn steht am Nollendorfplatz, und anstatt weiterzufahren gibt es im hinteren Teil des Zuges eine gewaltige Detonation, ich meine sogar Funken zu sehen. Die Fahrgäste erstarren, und als nach wenigen Sekunden zwei Typen von hinten angelaufen kommen, Richtung BVG-Verschlag, und brüllen: »Explosion, da hinten ist was explodiert!« regt sich der erste im Abteil, schreit: »Scheiße!«, springt zur Tür hinaus, die Treppen rauf und raus aus dem Bahnhof. Da rennen alle hinterher. Noch nie habe ich so viele Berliner im stillschweigenden Einvernehmen zielbewußt einen Weg nehmen sehen, zumal ihnen der eigentliche Bestimmungsort versagt worden war.
Zu dritt bleiben wir zurück. Ein Unerschrockener, während des ganzen Vorgangs regungslos, die Frau neben mir schaut nervös auf den Bahnsteig, den anderen hinterher, dann in meine Richtung. Aufmunternd lächle ich ihr zu. Sie ist skeptisch, bleibt dennoch sitzen, weiß offensichtlich nicht, wohin sonst sie gehen könnte.
Nach wenigen Minuten kommt die vertraute Aufforderung einzusteigen, der Zug fährt weiter. Ein paar Neue sind hinzugekommen, doch wo sind die vielleicht hundert Berliner geblieben, die in wilder Panik den Weg verließen, der sie an ihr Ziel gebracht hätte?
Und warum überhaupt sind sie weggelaufen? Nach langem Grübeln fällt es mir ein, und dann ist es ganz klar: Nach der Explosion ist immer vor der Explosion.