Uli Hannemann: Gewogen und für zu leicht befunden
Ich arbeitete in einer kleinen Kreuzberger Druckerei am Fuße der Ngom-Berge. Einer unserer Kunden war die Bürgerinitiative Stadtring Süd, kurz BISS, für die wir diverse Propagandaartikel zu drucken hatten, wie sie eine Bürgerinitiative eben so braucht: Faltblätter, Flugis, Postkarten, den ganzen Schmodder. Unsere Ansprechpartnerin war eine gewisse Irene, und die gab eines Tages gelbe Postkarten in Auftrag. Fernmündlich vereinbarten wir die Auswahl des Kartons in einer Stärke nach unserem Vorschlag - ich glaube, es handelte sich um ein 200 Gramm-Papier.
Wir druckten den Auftrag, schickten ihn zu BISS und vergaßen auch die Rechnung nicht, in der u. a. die verwendete Papiersorte aufgeführt war. Tage und Wochen gingen ins Land.
Dann kam ein Anruf - es war die Irene: »Rätäbätätät«, zeterte es aus dem Hörer, wozu man anmerken muß, daß Irene Österreicherin war. Das klang dann in etwa »rätäbätätät«, wie ein schimpfender Birkenzeisig oder so. Genau weiß ich den Vogel nicht, ich bin ja kein Orthopäde! Und wir hätten sie betrogen - die Karte wöge keine 200 Gramm: »De wügt jo ka´ zwahundat Grom - rätäbätätät ...« Wir erklärten ihr dann in didaktischer Herkulesarbeit, denn sie reagierte sehr heftig, aufgeregt und dumm, wie sich die Grammatur errechnet, und daß ein ganzer Quadratmeter des Papiers 200 Gramm wiegt.
Wenige Tage später erreichte uns ein Brief, der mit der Hand und in kantigen Druckbuchstaben geschrieben war. Die Lettern kippten völlig unkontrolliert nach links und nach rechts weg, als hätte man sie für einen Erpresserbrief einzeln ausgeschnitten und hastig wieder zusammengeklebt. (Nur ein einziges Mal in meinem Leben habe ich einen ähnlichen Schrifttyp gesehen, und zwar den unseres Praktikanten, der im Rahmen seiner Nachsorge nach überstandener Therapie bei uns weilte.) Das Schreiben troff von Beleidigungen, Drohungen und Betrugsvorwürfen. Es erklärte auch, warum die Rechnung nur nach rigider Kürzung würde beglichen werden. Sie, die Irene, habe nämlich die Postkarten dergestalt nebeneinandergelegt, daß die Fläche genau einen Quadratmeter - ihres Küchenfußbodens, nehme ich an - bedeckte. Und ein Stapel der vorher so sorgsam ausgebreiteten Karten wöge nach wie vor keine 200 Gramm! Rätäbätätät! Zur Schonung der Nerven schrieben wir das Geld und auch die ganze Kundin ab und vergaßen die Sache.
Vier oder fünf Jahre später: Ich stehe an der Buschkrugalle und blicke auf eine Geröllwüste, die einst der Britzer Norden war. Wo vor wenigen Monaten noch die häßlichen, aber typischen dreistöckigen Britzer Vorkriegsbauten standen, gähnt jetzt das Resultat von Enteignung, Vertreibung und Zwangsumsiedlung. Mit der serbischen Methode wurde Platz für die Autobahn, den verlängerten Stadtring Süd geschaffen. Kein schöner Gedanke und kein schöner Anblick an einem kalten unfreundlichen Tag - und doch: Die Vorstellung, daß hier irgendwo vielleicht auch die fürs Ausbreiten unseres Papiers damals extra blankgeputze Küche von Irene unter dem Schutthaufen der Stadtentwicklungsgeschichte begraben liegt, zaubert ein verklärtes Lächeln in mein Gesicht.