Andreas Scheffler: Die Leber und andere Ungereimtheiten
Es war wichtig für mich zu wissen, wo meine Leber sitzt. Ich habe manchmal Schmerzen im Bauch. Und wenn das die Stelle wäre, wo meine Leber sitzt, würde ich zuviel saufen. Dann habe ich in meiner Stammkneipe Ute getroffen; eine Medizinerin, genauer gesagt eine OP-Schwester, und die muß es ja wissen.
Ute sitzt bei ihrem vierten Bier und ihrer etwa 25. Zigarette, da fasse ich mir ein Herz, gewappnet, der Wahrheit ins Auge zu sehen, und frage: »Sag mal, wo sitzt eigentlich die Leber?« - »Rechts«, sagt Ute, und ich bin erleichtert. Meine Schmerzen liegen nämlich links. Ich bestelle einen Kümmerling für mich und einen für Ute. »Die linke Niere könnte es sein«, sagt sie, »oder der Darm, oder ein Furz liegt quer.« Ute ist Medizinerin, die muß es wissen. Wegen meiner linken Niere mache ich mir keine Sorgen; die wird den ganzen Tag schön durchgespült, und im Notfall habe ich ja noch die rechte. Der Darm, ach nu, an Krebs denke ich gar nicht, und wenn mal ein Furz querliegt... - was soll´s. Meine Herzgeschichten machen mir da noch eher zu schaffen. Seit Monaten habe ich morgens Herzbeklemmungen. Deshalb trinke ich seit Wochen morgens keinen Kaffee mehr. Irgendwann kippst du um und bist tot. Eigentlich ein schöner Tod - einfach umkippen und weg. Aber doch nicht mit 31! Ich hab schließlich noch einiges vor. Was genau, weiß ich nicht, aber viel. Keinen Kaffee mehr zu trinken hat geholfen. Ich hab nur noch ganz selten Herzbeklemmungen. Und sterben tut man bekanntlich nur, wenn man vorher Schmerzen im linken Oberarm und der linken Schulter hatte. Dann geht es ratz-batz. Ich habe aber nur gelegentlich Schmerzen im linken Bauch. Da liegt ein Furz quer.
»Was ist eigentlich mit der Bauchspeicheldrüse?« frage ich Ute. »Meine Mutter hat schon seit 30 Jahren keine Bauchspeicheldrüse mehr.« - »Geht nicht«, sagt Ute, »dann wär sie schon längst tot. Die Milz! Ohne Milz kannste leben. Aber ohne Bauchspeicheldrüse biste weg vom Fenster.« - Ah ja, hab ich wohl verwechselt.
»Aber wegen deinen Herzschmerzen«, sagt Ute und zündet sich eine Zigarette an, »da sollteste mit dem Rauchen aufpassen. Da verengen sich die Arterien; weißte ja sicher. Rotwein machtse aber wieder weiter.« Ich bestelle mir einen Cote du Ventoux. »Wie lange bist du eigentlich gestillt worden?« fragt Ute, und ich antworte wahrheitsgemäß: »Gar nicht, kein einziges Mal.« - »Kein Wunder, daß du soviel säufst«, meint sie und erklärt, daß ich unterbewußt Defizite aufhole. Das habe schon Pigor beschrieben. - Ach, und wer bis zum Gehtnichtmehr gestillt wurde, hat jetzt wohl Bulimie, oder was?
Klaus kommt rein und läßt sich in eine Bank fallen. Klaus ist heroinsüchtig, und das sieht man ihm auch an. »Sag mal, Klaus«, frage ich, »hast du als Kind zu wenig Spritzen bekommen?« Klaus starrt mich nur verständnislos an. Und das auch wohl zu Recht.
Ich bestelle noch einen Kümmerling für den Magen. Ute sagt, daß man auch ohne Magen leben könne. Mit Essen wär dann aber nicht mehr viel. Nur Suppen und so. »Und Magenbitter kann man sich dann sparen«, werfe ich ein, wozu niemand etwas erwidert. »John Wayne haben sie ja zuletzt auch den Magen herausgenommen«, weiß Ute, »das ging noch, mit Suppe und so. Aber dann mußten sie ihm eine Schweineherzklappe implantieren. Die hat nicht lange gehalten. Schweineherzklappe für John Wayne - paßt eigentlich.«
Ich muß an Schweineleber denken, und ob mein Körper die abstoßen würde, da kommt Ute, die Medizinerin, von selbst aufs Thema zurück. »Vielleicht hast du ´ne Wanderleber. Wandernieren gibt´s ja auch. So wären deine Schmerzen im linken Bauch zu erklären.« - Toll. Da war ich also wieder am Anfang.
