Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VII, VIII & IX
Der Zigarettenspender, der Esel mit dem Korkenzieher und der Kurbelcouchtisch
Ein winziger, kahler, vielleicht nur mit einem beiläufig aufgeschlagenen repräsentativen, möglichst großformatigen Magazin geschmückter Couchtisch wäre in meinem Elternhaus ein Unding gewesen. Tische hatten Stellfläche zu bieten, und Stellfläche, und das hieß für die treusorgende deutsche Nachkriegshausfrau natürlich auch, diese Fläche muß vollgestellt sein. Damit´s auch gemütlich wird!
Für die entsprechende Gemütlichkeit sorgten: Ein sogenannter Tischläufer, also ein bortenumsäumter Miniteppich oder kleines rundes Deckchen, darauf zumindest eine Vase oder ein Aschenbecher, dazu Zündholzschachteln, die in samtbezogenen oder aus Messing getriebenen Umhüllungen steckten. Und als Krönung die Dose mit den staubtrockenen, monatealten Zigaretten zum Anbieten, falls mal Gäste kommen. Wir hatten eine reliefverzierte runde Dose für die damals noch scherzhaft Sargnägel genannten Kippen. Und die Dose sah analogiegemäß aus wie das Miniaturmodell einer im Bestattungsgewerbe erhältlichen Urne.
Wenn man den Deckel abnahm, reckten einem aus vier abgeteilten Kreissegmenten mehrere Zigaretten ihre Filter entgegen. Das in Filmen gerne gezeigte Luxusmodell eines Zigarettenspenders, ein kugelförmiges Etwas, aus dem beim Öffnen die einzelnen Zigaretten wie die Leuchtspuren einer Silvesterrakete nach der Explosion auseinanderstoben, habe ich damals leider nur in den Auslagen der besseren Pfeifen- und Zigarrenläden gesehen. Zu extravagant, so etwas hätten sich meine Eltern nicht mal guten Gewissens schenken lassen.
Bei uns zu Hause stand auf dem Couchtisch auch noch ein aus dickem schwarzlackiertem Stahldraht zusammengelöteter Esel mit Holzkopf und kunstledernen Ohren, der auf seinem aus mattschwarzem Blech geformten Rücken einen Korkenzieher und einen Flaschenöffner zu tragen hatte.
Unser erster Couchtisch war quadratisch, den damaligen Verhältnissen entsprechend nicht sehr groß, gerademal so etwa ein Quadratmeter Tischfläche. Er ließ sich zwar ausziehen, so daß zur Not auch mehr als vier Leute daran hätten essen können, doch dazu wäre er wiederum zu niedrig gewesen. Ein Cafétisch, ein Tisch, wo man dann doch lieber den Teller in die Hand nimmt, wenn man seinen Kuchen davon essen will. Es war eben eines dieser typischen 50er Jahre Mehrzweck-Möbel. Man konnte sie so und so benutzen, und zur Not hätte man sogar... - dieser Tisch hatte genau diesen Hauch von Mangelwirtschaft.
Später dann, als viele Menschen einsehen mußten, daß auch vermehrter Wohlstand ihnen noch keine Wohungen mit separatem Eßzimmer bescheren wird, lösten die Möbelbauer das Eßtisch-Problem mit dem per Kurbel höhenverstellbaren Couchtisch, der in den engen Sozialbauwohungen der Neuen Heimat alsbald flächendeckend zum Einsatz kam.
Meine erste richtig feste Freundin hat fast alle ihre abendlichen Mahlzeiten so zu sich genommen. Aufrecht sitzend auf der dafür wenig geeigneten Polsterrundecke, ein Kissen notdürftig hinter oder unter den Arsch geklemmt, am hochgekurbelten und ausgezogenen Couchtisch. Tagsüber wurde auch in dieser Familie zumeist in Etappen und auf Stühlen sitzend gegessen. Dafür reichte der winzige, dazu noch mit dem Wellensittichkäfig zu teilende Tisch in der kleinen Küche. Aber abends, wenn die ganze Familie versammelt war, oder wenn gar noch für einen Gast, zum Beispiel mich, mitaufgedeckt werden sollte, dann blieb nur der für diesen Zweck vorsorglich übergroß gekaufte Couchtisch.
Unser eigener Kurbelchouchtisch war ein Erbstück der verstorbenen Oma. Sie hatte ihr Leben lang ein separates Eßzimmer gehabt, hätte des Kurbelmechanismus also gar nicht so dringend bedurft, aber zu jener Zeit wurden fast ausschließlich höhenverstellbare Tische verkauft, und es könne sich ja eines Tages, so dachte sie sicher bei der Anschaffung, als nützlich erweisen.
Auch wir hatten zu Hause trotz häufigen Wohungswechsels fast immer irgendwo Platz für einen echten Eßtisch. Lange stand er zum Beispiel im überbreiten Flur einer Wohnung, die auch ansonsten eher seltsam geschnitten war. Die Kurbel am Couchtisch kam bei uns nur selten zum Einsatz. Aber ich und meine Brüder, wir haben sehr oft und sehr gerne damit herumgespielt.
Heute fristet der klassische Kurbelcouchtisch ein ärmliches Dasein in billigen Möbelgeschäften und überbunten Versandhauskatalogen. Junge, den Modetollheiten verfallene Menschen essen mit eingeklemmtem Bauch und verkrümmtem Rücken ihre Pizza von 35 Zentimeter hohen Acrylglastischchen. Mancher muß sich dazu gar im Schneidersitz auf seinen Veloursteppich setzten. Modern ist das ja, aber gesund ist das auch nicht!
