Sarah Schmidt: Kommando Flensburg
Wenn man wie ich einen Freund hat, der älter als man selber ist, so hat das viele Vorteile. Einer davon: Man kommt in den Genuß von Einladungen zu Sachen, zu denen man aufgrund fehlenden Alters sonst keinen Zutritt hätte.
Vor Monaten flatterte in Franks Briefkasten so eine Einladung:30 Jahre APO Flensburg.
Fremde Welten gilt es da zu entdecken, das wird mir schon beim ersten Lesen klar. Wir könnten uns einige Bedürfnisse vorstellen, die auf dem Treffen befriedigt werden sollen. Wiedersehen, politische Reflektionen, eine Fete... - Hört sich interessant an.
In welcher Form könnte die politische Erörterung stattfinden? Soll die junge, linksalternative Szene zur Teilnahme eingeladen werden?
Politische Erörterung? Was soll ich mir da drunter vorstellen? Dann wird gebeten, 20 Mark zu überweisen, mit der Versicherung, daß, wenn es einen Überschuß gibt, in guter Tradition darüber abgestimmt wird, für welchen emanzipativen oder solidarischen Zweck er gespendet werden soll.
Emanzipativ - ein tolles Wort. So spricht doch heute niemand mehr.
Ja, da will ich hin! Frank nicht so gerne, findet er auf der beiliegenden Namensliste doch mindestens zehn Leute, die er eigentlich nie wiedersehen wollte. Aber ich setze mich durch, wir fahren zum Dinosauriertreffen.
Kurz vorher erreicht uns ein zweiter Brief, in dem noch mal die Frage nach der politischen Erörterung gestellt wird. Außerdem wollen die Alten nun lieber doch unter sich bleiben. Die junge Flensburger Szene wurde wieder ausgeladen, und auch die jetzigen Partner sollen bitteschön zu Hause bleiben.
Tja, zu spät, ich hab mein Geld schon überwiesen und werde auf keinen Fall daheim bleiben.
Dann ist es soweit. Wir sind in Flensburg. Einchecken ab 14.00 Uhr, Beginn um 15.00 Uhr. Einchecken? Findet das Treffen auf dem berühmten Flensburger Flughafen statt? Wir checken auf unsere persönliche Art ein, rauchen auf dem idyllischen Mühlen-Friedhof einen Joint, und ich lass´ mir noch schnell den Tratsch von vor dreißig Jahren erzählen.
Eine echt harte Zeit, APO und Kommune 1, 2 oder 3, hin oder her, bestimmt wurde das Leben durch straffe Kaderführung. Man traf sich nicht einfach so, um ein bißchen Chaos und Anarchie in den grauen Flensburger Alltag zu bringen, sondern man las gemeinsam August Bebel und nannte sich dabei »Schulungsrat«.
Anarchie gab´s damals noch gar nicht. Junge Männer mußten in die Fabrik, um den Arbeiter, der einfach nichts wissen wollte vom besseren Leben, zu unterwandern.
15jährige, die grade gegen ihre Eltern aufbegehrten und sich deshalb die Haare bis zum Arsch wachsen ließen, wurden gezwungen, sich genau diese abzuschneiden, denn einem Langhaarigen glaubt der Arbeiter nicht. Und Frauen? Ich weiß nicht, ob es damals überhaupt schon Frauen gab. Wahrscheinlich nur theoretisch.
Dann geht es los. Am Eingang bekommt jeder einen Namensbutton, mit dem Bild von Rudi Dutschke drauf. Ich steck meinen in die Tasche, mich kennt hier sowieso keiner.
Mein erster Eindruck: viele alte, dicke Männer. Glatzen in den verschiedensten Stadien. Anzüge. Bierbäuche. Ich rechne nach. Klar, die meisten sind zwischen 45 und 60. Gegen 16 Uhr sind genug Leute da, und der offizielle Teil beginnt.
»Herzlich willkommen. Bevor wir anfangen, möchte ich euch von einer Demo in Jagel berichten, die zeitgleich zu unserem Treffen stattfindet.« Anklagende Pause. »In 15 Minuten ruft die Demoleitung hier an!«
»Oh, oh, oh, müssen wir da jetzt etwa hinfahren?« Die bange Frage seh ich in vielen Gesichtern.
»Jetzt kommt bestimmt ´ne Grußadresse«, wende ich mich an Frank. Er lacht.
»Wir haben eine Grußadresse vorbereitet!« ruft es von der Bühne.
»Das war doch nur ein Witz!« ruf ich zurück, aber dann sehe ich die riesengroße Erleichterung in den Gesichtern der ehemaligen Avantgarde und schweige.
»Ich lese jetzt den Entwurf für die Grußadresse vor, und dann können wir darüber diskutieren und abstimmen.«
Jagel, so lerne ich, ist ein großer Militärflughafen und wahrscheinlich werden da sogar Atomsprengköpfe gelagert.
»Wir zeigen uns solidarisch mit den Demonstranten!«
Sehr gut, Solidarität gibt es immer umsonst. Dann kommt die Begründung: »Auch falls die Bundeswehr früher ihre Berechtigung hatte, so ist dies durch die fehlende Ostbedrohung heute sicher nicht mehr gegeben.«
Wie bitte? Heißt das: Gut, früher haben wir auch gesagt, »Militär ist Scheiße«, aber da war es ein bißchen gelogen? Ja, genau so ist es gemeint. Dann ist der Vorleser am Ende, jetzt wird diskutiert. Alle gucken betreten zu Boden. Diskutieren, wie ging das noch mal...? Vergessen!
Dann fällt es einem wieder ein, und er klatscht laut. Alle fallen ein, die Grußadresse ist angenommen, der offizielle Teil beendet, es gibt Kaffee und Kuchen.
»Ach, und du bist der... Klaus-Ove«, schleichen sich die Blicke vom Button ins Gesicht. Selten ist mir an einem Tag so oft auf die Titten gestarrt worden, auf der angeblichen Suche nach meinem Namen. Nachdem ich zehn Mal gesagt habe, ich sei nur so mit, wird es mir langweilig, und ich sage das, was ich schon lange mal ausprobieren wollte.
»Wer bist du denn?«
»Ich bin die Sarah und bin mit meinem Vater Frank hier. Der hat mir immer so viel von früher erzählt, und ich fand das so spannend, und jetzt hat Papa mich mitgenommen.«
»Mönsch, der Frank, der alte Tausendsassa! Hab ich gar nicht gewußt, daß der auch Kinder hat. Dann bist du jetzt so 23, 24?«
Jaja, so ungefähr.
»Und Franks Bruder, der ist ja dann dein Onkel!«
»Genau, Onkel Chris.«
Nachdem dies geschluckt wurde, weiß ich, mit Realität hat dieser Abend rein gar nichts zu tun.
Frank steht mit säuerlichem Grinsen neben mir, aber er spielt mit, wenn ich laut durch den Raum »Papa!« rufe. So leicht kommt er auch nie wieder an eine Tochter, mit der er ungestraft ins Bett gehen kann.
Ich sitz am Tresen und höre mir Heldentaten an, bei denen mein Vater angeblich mitgekämpft hat.
»Damals, als sie auf den Dutschke geschossen haben, da haben ja ich und Peer und dein Vater zwei Paletten des Flensburger Tageblatts bei Nacht und Nebel in die Förde geworfen! Dabei sind wir von den Bullen verfolgt worden!«
Nein, das ist ja toll. So revolutionär, mutig, gefährlich!
»Und dann haben wir mal Beate Uhses Geschäft besetzt, wegen dem Frauenkampf in Südamerika. Ach Sarah, dabei fällt mir ein, der Kuchen ist aber lecker, hast du den gebacken?«
Ich? Ich? Ja, spinnt der denn!?
»Nee, das war der Thorben.«
»Der Thorben kann backen? Als Mann!? Ist ja unglaublich. Das muß ich zu Hause erzählen.«
Ich komme mir vor, als wäre ich beim Bund der Vertriebenen oder bei Veteranen des 1.Weltkrieges. Ich kann nicht mehr. Papa kriegt noch einen Zungenkuß, und ich verabschiede mich. Draußen auf der Straße treffe ich einen jungen Punk.
»Hast du mal 70 Pfennig für den Bus? Ich muß hier weg.«
Ich gebe ihm fünf Mark, denn daß er hier weg will, das kann ich wirklich gut verstehen.