Falko Hennig: Politik
Die Politik war immer schwer zu durchschauen. Obwohl China im Westfernsehen immer kommunistisch genannt wurde, schien es zu den Bösen zu gehören. Es gab Plakate, auf denen der Umriß von Vietnam zu sehen war, der ein S bildete als Anfangsbuchstabe für »Solidarität«. Dann gab es sogar Krieg zwischen Vietnam und China. Die DDR war auf der Seite von Vietnam. China, das waren die Aggressoren.
Irgendwann kam eine Delegation an unsere Schule: Die Volksbildungsministerin Margot Honecker und zwei vietnamesische Soldaten. Es gab ein großes Brimborium, die vietnamesischen Soldaten hatten 287 chinesische Panzer abgeschossen und ließen zwei chinesische Patronen da, die sie erbeutet hatten. Die Patronen kamen in der Aula hinter Glas. Die Aula war mit verglasten Wandschränken versehen, in denen Kopien von Dokumenten über August Bebel lagerten, dem Namensgeber der Schule. Außerdem gab es dort eine Tafel: »Schüler aus unserer Schule, was aus ihnen geworden ist.« Es waren drei, die man einer Erwähnung wert fand: Ein Pilot der NVA, eine Souffleuse am Theater einer anderen Kleinstadt und ein Rohrlegermeister. Die drei wurden mit Foto vorgestellt und zeigten uns, zu was man es noch bringen konnte, wenn man nur fleißig lernte. In einem dieser Wandschränke wurden nun auch die zwei Patronen ausgestellt, zusammen mit einem vietnamesischen Zeitungsartikel über die Heldentaten der beiden Soldaten und kleinen Modellen von DDR-Militärfahrzeugen in der Größe der westlichen Matchbox-Autos, die »Mätschis« genannt wurden.
Meist war dieser Raum zugeschlossen. Für besondere Anlässe, Feiern, Versammlungen, Schluckimpfungen oder als improvisiertes Studio für Schülerfotos wurde die Aula benutzt, und ich wußte, daß die Schränke dort nicht verschlossen wurden. Es war nichts wirklich Wertvolles oder Interessantes in dem Raum, trotzdem probierte ich, wenn ich unbeobachtet war, routinemäßig aus, ob die Tür zugeschlossen war oder nicht. Sie war immer verschlossen, nur einmal nicht. Ich ging hinein, noch hatte ich nichts Verbotenes getan, falls mich jemand überraschen würde. Zügig ging ich zu dem Wandschrank mit den Panzermodellen, nahm sie, die chinesischen Patronen und eine Ausgabe der Geschichte der SED, steckte alles in meine Schultasche und machte, daß ich wieder raus kam.
Diese Geschichte der SED, ein Abriß war ein mittelgroßes Buch, und damit erfüllte ich mir einen alten Traum. Ich höhlte es aus, immer zehn bis 20 Seiten mit der Schere, über 400 Seiten, bis es vollständig hohl war. Jetzt hatte ich ein kleines Geheimfach, und ich benutzte es gleich dazu, die ebenfalls gestohlenen Panzer und Patronen darin aufzubewahren. Die Patronen waren echt und wohl noch scharf. Welchen Sinn hätte es auch gehabt, vom Gegner abgeschossene Patronen zu erbeuten? Die Panzer waren erstaunlich naturgetreu, viel besser als die westlichen Matchbox-Autos.
Das Buch stand in meinem Bücherregal, und ich fand es sehr beruhigend, ein Geheimfach zu haben. Manchmal gab ich vor Freunden damit an, zeigte die Panzer und die Patronen, um zu beweisen, was für ein scharfer Hund ich war, trotz meiner Lehrer-Eltern. Ob mein Einbruch Konsequenzen in der Schule hatte, weiß ich nicht. Sicher war der Staatsbürgerkunde-Lehrer traurig über den Verlust der chinesischen Patronen. Ich glaube aber nicht, daß dieser Diebstahl für sonderliche Aufregung gesorgt hat. Jahre später, ich war überzeugt, daß niemand mehr an die Sachen dachte, zeigte ich meinem Vater das Buch und die Aushöhlung samt Inhalt. Mein Vater fand es ganz lustig. Nachmittags kam ein Freund meines Vaters, und mein Vater bat mich, das Buch nochmal zu holen.
»Hier!« sagte mein Vater und zeigte seinem Freund das Buch. »So sieht die Geschichte der SED aus!« Und er öffnete es, so daß die Panzer und Patronen darin zu sehen waren. Sie lachten beide, dann sagte der Freund: »Sei bloß vorsichtig, für sowas kann man in den Knast kommen.«