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Mark-Stefan Tietze: Groß oder klein?

Als ich aus Paris wiederkomme, habe ich nichts mehr zu essen im Haus. Ich habe aber großen Hunger. Man vergißt ja immer, wie hungrig Urlaub macht, und versäumt, sich für die Rückkehr etwas Leckeres in den Kühlschrank zu legen. Zur Imbißstube Aaseegrill gehe ich normalerweise nicht gern. Da schmeckt´s nicht.

Die Imbißstube mit ihrem Segelboot-Logo liegt jedoch direkt neben der Taxizentrale um die Ecke. Sie ist also gut zu erreichen. Wenn man sich die Kreuzung zweier Hauptverkehrsstraßen wegdenkt, ist es selbst zum See nur noch ein Katzensprung.

Etwa eine Minute nachdem ich meine Bestellung aufgegeben habe, schippt der Pommesmann eine Schaufel Pommes in die Friteuse. Dann kratzt er sich am Hinterkopf, schaut schnell zu mir herüber und fragt noch mal: »Pommes groß oder klein?«

»Klein«, antworte ich wahrheitsgemäß.

Der Pommesmann brät die Pommes zu Ende, läßt sie abtropfen, wirft sie in die Stiege, salzt kräftig, füllt das Schälchen, klebt eine Schicht Ketchup drüber und fragt, ob ich die Schale so in Empfang nehmen möchte.

»Nee«, sage ich. »Zum Mitnehmen.«

Er schaut in die Pommesstiege, grübelt einen Moment, gibt sich einen Ruck und schiebt den Rest der Pommes, die er vorhin zu viel in die Friteuse geschüttet hatte und die es ihm seiner Erfahrung nach - und dem Standard der Imbißstube gemäß - ermöglicht hätten, die Portion auch als eine große durchgehen zu lassen, hätte ich in jener Sekunde vorhin zufällig »groß« gesagt, auf die bereits mit ein bißchen zuviel Ketchup durchweichte kleine Pommesportion, bevor er sie in Papier schlägt und mir mitgibt.

Draußen ahne ich, daß ich wieder einmal richtiges Glück gehabt habe. Ich habe viel mehr Pommes fürs Geld erhalten, als mir eigentlich zustünden. Ich bin der unberechenbaren Macht des günstigen Geschicks begegnet, eine jener Erfahrungen, die im Zeitalter extremer Portionsstrenge im Gewerbe rund um die Lebensmittel eher selten geworden sind. Mich ergreift ein sagenhaftes Wohlgefühl, jenem durchaus vergleichbar, das man empfindet, wenn man im Kaufhaus mit einem Zwanzigmarkschein bezahlt, aber auf einen Fünfziger rausbekommt: Als wäre man ein Sonntagskind, für das es weder verschlossene Türen noch rote Ampeln noch abweisende Mienen gibt.

Die Pommes schmecken aber nicht. Weniger wären eigentlich mehr gewesen.

Zeichnungen von Marcus Spang

Copyright: Mark-Stefan Tietze

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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