Horst Evers: Warum Urlaub?
Dieser ständige Druck, dieser ständige Streß, das macht mich verrückt. Ich mach da nich mehr mit. Jedes Jahr diese Nachdenkerei, wohin ich in Urlaub, zum mich Erholen fahren soll. Wozu wegfahren? Ich hab ´n Sofa, ich weiß, wo ich mich erholen kann. Urlaub ist doch nur für Leute, die kein eigenes Sofa haben, die ihren Tag nicht richtig organisieren können. Ich gönne meinem Körper auch so genügend von den dringend notwendigen, ständigen Erholungsphasen, nach dem Aufstehen, nach dem Kaffeekochen, nach dem Mittagsschlaf, da braucht der Körper immer seine kurze Erholungsphase nach, also meiner zumindest.
Früher war es mir immer peinlich, wenn alle von ihrem Urlaub erzählt haben, und ich als einziger nicht weg war. Ich hab mir dann immer einfach einen Urlaubsort ausgedacht und so getan, als wär ich da gewesen. Das ging eigentlich ganz gut.
»Horst, wo warst´n du dieses Jahr in Urlaub?«
»Ich, ichichich, ich, jaaa, ich, eh, ja, ich, ich war in... - Rom. Ich war in Rom, ja da war ich.«
»Und wie war´s so?«
»Ja, war schön, war sooo... - italienisch. War schön.«
»Und wo haste so gewohnt?«
»Na da, na da, na da, am Petersplatz!«
»Am Petersplatz?«
»Mhhmm.«
»Na, das war aber teuer, ne?«
»Ach du. Das ging eigentlich, war gar nich... - ging.«
»Und wo genau hast du da gewohnt?«
»Ja, brrrrhh, ja, wenn de da so grade auf den Platz kommst, einfach geradezu, das große Haus, da hab ich gewohnt.«
»Das große Haus?«
»Ja, da hab ich gewohnt.«
»Das ist doch der Petersdom.«
»Ach? Mmmmbbmm jaha, jaja, ich äh, ich, ich, ich äh, ich hab im Petersdom gewohnt. War ganz schön. Die hamm da so´n paar Zimmer, ne, eigentlich vermietense die nich, aber in der Saison, ne, is nich leicht ranzukommen, die machen das gar nicht öffentlich, aber ich kenn da so´n paar Leute.«
»Was hast du denn mit der katholischen Kirche zu tun, du bist doch evangelisch?«
»Ja, die Katholen wollten mich mit dem Angebot werben, weil, weil, weil, ach ... - hab ich die ganze Zeit Rom gesagt? Ich war ja gar nicht in Rom, ich war eigentlich in... - London. Ja, ich war in London, verwechsel ich immer, die beiden Städte.«
So gelang es mir also durch selbstbewußtes Auftreten und geschickte Gesprächsführung immer zu verheimlichen, daß ich nur in Berlin war, auch wenn mein Gesprächspartner mir nicht recht glauben wollte, daß ich in London im Big Ben gewohnt habe.
Nie aus Berlin rauszukommen, ist für mich kein Problem. Der schönste Urlaubsplatz ist meiner Meinung nach der eigene Balkon. Leider habe ich keinen Balkon, das ist für mich ein Problem. Was gibt es denn schon auf der Welt, was es in Berlin nicht gibt. Jetzt außer dem Petersdom mal. Nichts, absolut nichts. Alles gibt es auch in Berlin. Nur, daß es hier noch viel schöner und größer ist.
Und wenn mich dann doch einmal das Fernweh packt, dann koch ich mich einfach in ferne Länder. Wenn ich denke, ich müßte jetzt doch mal nach Neu Delhi, L.A. oder Buenos Aires, dann hänge ich einfach ein großes Bild von der jeweiligen Stadt in meine Küche, lege eine Platte mit landesüblicher Musik auf und mach mir ein Wiener Schnitzel; das gibt es überall. Mal ehrlich, im Urlaub hätt ich doch nich mal ´n eigenes Telefon, mit dem ich mir das einheimische Essen bestellen kann, da mußte jeden Tag raus, ob Sonne, ob Regen, ganz egal, damit du nich verhungerst. Weil ne Küche hast´ ja auch nich. Und das soll dann Erholung sein? Klar, man kann sagen, Urlaub is ja nich bloß essen. Kann man sagen, klar. Aber wenn mir das Essen nicht schmeckt, kann das Wetter noch so schön sein, das is mir nix. Um schlechtes Essen zu bekommen, muß man doch nun wirklich nich aus Berlin rausfahrn. Da kenn ich auch hier einige gute Adressen, und sonst kann ich ja immer noch selber kochen. Ich sag immer: Den Magen verderben kann ich mir auch zu Hause. Nee, wenn ich Urlaub mache, dann aber ohne Wegfahren.