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Hinark Husen: Der Feuerwehreinsatz

Natürlich stehe ich auf der Seite des Guten. Ich bin das personifizierte Positive. Souverän in allen Lebenslagen, meine männliche Rolle auslebend und bejahend. Ich bin hart, wenn es drauf ankommt, und zärtlich, wenn es gebraucht wird. Ich werde energisch, ohne zu verstören; ich bin konsequent, ohne kompromißlos zu wirken. Ich bin Erzieher in Neukölln.

Ein Erzieher in der niederschmetternden Trostlosigkeit eines sozialen Brennpunktes, abgehärtet, aber nicht verhärmt durch die Feuerprobe in meinem Wohnort Wedding. If I can make it there, I´ll make it anywhere.

Und dennoch, ich gestehe das freimütig, es gibt Augenblicke des Zweifelns, Momente des Unvermögens.

Ein milder Wintertag, als wir den kitaeigenen Spielplatz aufsuchten, damit die nicht zu bändigende Wildheit dieser kleinen, hoffnungslosen Kreaturen ein wenig ventiliert werden konnte. »Feuer«, schrieen sie, ich hatte die Pforte unseres kleines Reservates kaum aufgeschlossen. Feuer auf dem Spielplatz. Bei genauerem Hinsehen allerdings loderten die Flammen auf der anderen Straßenseite. Direkt an einem Baum hatte irgendein Ignorant Farbreste und Lösungsmittel in einer blauen Mülltüte entsorgt, die nun von orientierungslosen Straßenkindern angezündet worden war.

Nur die Ruhe behalten. Unmittelbare Gefahr bestand nicht. Die Kids drängten sich an den Zaun, endlich mal wieder was los. Die Brandstifter waren verschwunden, noch bevor ich ihnen eine Gardinenpredigt halten hätte können, hart in der Sache, und dennoch um Verständnis mich bemühend. Ich hatte mir schon die richtigen Worte zusammengelegt, aber mein dominierendes Auftreten muß sie verschreckt haben. Das Feuer hingegen machte keinerlei Anstalten, sich ebenso zu trollen. Was nun? Löschen wäre eine Idee - ja, löschen.

Ich rief die Feuerwehr an, überlegte kurz, ob eines solch winzigen Brandes wegen tatsächlich die 112 angebracht wäre, aber bevor ich die reguläre Nummer der zuständigen Neuköllner Wache herausgefunden hätte, wäre das Feuer eventuell auf den Baum oder auf achtlos vorübereilende Passanten übergesprungen. Das konnte ich natürlich nicht verantworten.

Als ich vom Telefon auf den Spielplatz zurückkehrte, gab es kein Feuer mehr. Ich eilte zu meinen Kolleginnen, die lustlos auf der Mitte des Platzes herumstanden.

»Wo ist das Feuer?«

»Ach, das hat sich quasi von selber erledigt, die letzen Funken hat Brigitte ausgetreten?«

»Brigitte hat was?«

»Na, ausgetreten! Du warst gerade weg, da war es vielleicht noch gerade knöchelhoch, und da hab ich ihm halt den Rest gegeben!«

Ich konnte es einfach nicht fassen, hatten wir uns doch noch kurz vorher darauf verständigt, das Löschen der Fachwelt zu überlassen.

»Du bist mit deinen Gucchi Schuhen in dieses lodernde Lösungsmittelinferno gestiegen, und das vor den Augen der Kinder?«

Ich wollte ihr keine Szene machen, aber was, um alles in der Welt, sollte ich nun den herannahenden Feuerwehrmännern erzählen, die kampferprobt auf eine neue Herausforderung warteten im ewigen Spiel mit Leben und Tod.

Ich stellte mich auf die Straße und hoffte inständig, daß man auch meinen Hinweis beachtet hatte, daß es sich wirklich nicht um ein allzu großes Feuer handelte und daß ein kleiner Löschzug völlig ausreichen würde. Na ja, im Prinzip hätte es ein Eimer Wasser getan, aber das hatte ich mir gerade noch so verkneifen können.

Keine zwei Minuten später rauschte ein riesiges Feuerwehrauto mit Blaulicht und Martinshorn in die kleine Straße ein. Es war schon ein imposanter Anblick, und die Kinder hatten ihre Freude.

Ich dachte nur, wenn ich das jetzt bezahlen muß, das wird sehr, sehr unangenehm. Ein Schrank von einem Feuerwehrmann kletterte aus dem Wagen und schaute sich um. Ich eilte auf ihn zu und zog ihn auf die andere Straßenseite, die Kids brauchten von der nun folgenden Unterhaltung ja nicht unbedingt etwas mitbekommen. Im Umgang mit uniformierten Menschen bin ich zugegebenerweise immer ein wenig gehemmt, noch dazu, wenn man mir gleich groben Unfug und Verschwendung von Steuergeldern unterstellen würde. Gott sei Dank blieb der Mann einigermaßen gelassen, als ich ihm das Ex-Feuer präsentierte.

»Vielleicht könnten sie ja das restliche Zeug da entsorgen, damit sie nicht völlig umsonst gekommen sind.«

Das wiederum war nun allerdings völlig unter der Würde des professionellen Lebensretters. Dafür, so raunzte er, sei ja wohl die BSR zuständig. Sprachs und entschwand mit den Kollegen in seinem großen roten Auto.

Kaum, daß dies wieder um die Ecke verschwunden war, tauchte ein Polizeibulli auf. Also, die hatte ich nun nicht gerufen. Wenn die von der Feuerwehr mich angeschwärzt hatten, dann würd ich mich aber mal von der wütenden Seite zeigen. Und wenn ich wütend bin, also wenn ich so richtig sauer bin, dann ist mit mir nicht gut Kirschen essen, das können auch die Kinder bestätigen, dann bin ich ein echter Berserker, aber hallo.

Nun ja, die Polizisten liefen ein wenig orientierungslos die Straße auf und ab, ganz jungsche Typen, wo der Schnauz noch eher nach erstem Flaum aussieht und auszurufen scheint: »Irgendwann werd ich auch mal ein richtiger Bulle!« Das machte mich dann doch wieder ein bißchen selbstbewußter. Ich ging also auf die beiden zu, berichtete von dem Ex-Feuer und von der Weigerung der Löschkräfte, die potentielle Brandgefahr zu entsorgen, schlug also eine Nach-vorne-Taktik ein, um zu verbergen, daß mir die ganze Sache doch irgendwie peinlich war. Wir standen nun vor der Mülltüte, und der postpubertierende Freund und Helfer nahm die Mütze ab und kratzte sich am Hinterkopf. Eindeutig zu viele schlechte Krimis gesehen, dachte ich nur und schlug ihm vor, das Zeug schnell zu entsorgen, damit nicht noch mehr verwahrloste Kinder auf dumme Gedanken kommen. »Na, dafür ist ja wohl die BSR zuständig«, raunzte er nur.

Versagt auf der ganzen Linie, und das mir, wo ich doch eigentlich hart bin, wenn es drauf ankommt; energisch, ohne zu verstören; konsequent, ohne kompromißlos zu wirken... - Erzieher in Neukölln eben.

Zeichnungen von Marcus Spang

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

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