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Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXV

Was bisher geschah:

Victor Orloff, ehemaliger Agent der Staatssicherheit, jetzt Privatdetektiv, sucht in eigenem Auftrag (Gummiallergie) die Pflanze, die Aids besiegt. Von der CIA »freundlich gebeten«, erkundet er die kleine indonesische Insel Obi, wo sich der sagenumwobene Dr. Petty versteckt hält, der die Welt mit einem neuen, noch gefährlicheren Aids-Virus bedroht. Orloff kann in das festungsgleiche unterirdische Labor des verrückten Wissenschaftlers eindringen, und mit Hilfe der schönen, dem Wasser entstiegenen Ursula gelingt es ihm, den Selbstzerstörungsmechanismus der Station zu aktivieren. In einem Gummiboot fliehen die beiden in letzter Sekunde aufs offene Meer, und der Feuerzauber beginnt.

Folge XXV: Ursula, der Lenz ist da

von J & B Witte

»Purzelchen komm, laß uns kuscheln«, flötete sie und klapperte dabei allerliebst mit ihren Augendeckelchen. Verdammt, wo hatte sie bloß diese schwarzen, bürstendichten falschen Wimpern aufgetrieben. Trägt man hier in Indonesien noch immer den klassischen Look der 60er?

»Ich hab Kopfschmerzen, Ursula, bitte! Ich möchte einfach nur am Feuer sitzen und nachdenken«, sagte ich und legte dabei mühsam einen kleinen Rest Überzeugung in meine Stimme. Fünf Meter von mir entfernt räkelten sich 135 Pfund Prachtweib auf weichen Fellen. Ihre Haut leuchtete im Widerschein der Lagerfeuerflammen. Ich war scharf auf sie, aber ich durfte nicht. Nicht so, nicht hier, nicht jetzt. Wie konnte dir nur sowas passieren, Victor, dachte ich. Die letzte Karo längst geraucht, auch der Schnaps ging zur Neige. War das jetzt die Hölle, oder war es das Paradies? Eine völlig verkorkste Geschichte. Also von Anfang:

Diese gesamte verdammte Insel war aufgeplatzt wie Popcorn in einer heißen Pfanne. Eine mächtige Betonkugel, der komplette Reaktorkern, schoß wie eine Titanrakete in den Himmel und verschwand in den Weiten des Alls. In einigen Jahrtausenden würde diese radioaktive Knolle sicher auf einem friedlich dahinkreisenden Himmelskörper auftreffen und dort ihre strahlende Fracht verteilen. Natürlich war ich, nachdem das Feuerwerk vorbei war, so schnell wie möglich zurückgerudert. Vier Stunden lang bebte die Erde, es hagelte einfamilienhausgroße Brocken um uns herum ins Meer. Einzelne Feuerherde wüteten noch immer, als wir die Insel wieder erreichten. Kein einladendes Eiland, dieses verwüstete Obi, aber ich hatte keine Wahl.

Ursula protestierte zwar, sie hatte Angst, einige Mitglieder von Pettys Privatarmee könnten überlebt haben, aber mit meiner Allergie hätte ich es keine Minute länger auf dem ekelhaften Gummiboot ausgehalten. Ich war aufgedunsen, meine Haut überzogen von Pusteln und schrundigen Blasen, meine Augen drohten zuzuschwellen, und ich war kurz davor, die wesentlichen Nähte meiner letzten Klamotten zu sprengen.

Wir landeten also in einer ehemals paradiesischen Bucht, die jetzt von Betonbrocken, zerrissenen Klamotten und verbogenen Maschinenteilen übersäht war. Ich sah mich um und entdeckte als erstes zwischen den Stämmen geknickter Palmen einen leidlich intakten Kühlschrank von General Electric. Eines dieser übergroßen amerikanischen Modelle, und ich hoffte, darin etwas Eßbares für uns beide zu finden. Wäre ich alleine gewesen wie Robinson Crusoe, ich hätte mich auch von ein paar Wurzeln und Insekten ernähren können, aber Ursula war sicher Besseres gewohnt. Ihre runden, gutgenährten Formen sprachen die Sprache von Austern, Kaviar, Lachs, Hummer und Champagner. Der blecherne Proviantbeutel aus Pettys Bestand lag auf dem Rücken und sah angegriffen aus. Er mußte wohl einige Kilometer weit durch die Luft geflogen sein und lag jetzt eingeklemmt zwischen den Baumstämmen.

Trotz meiner erst langsam abklingenden Beschwerden, die Finger meiner Hände sahen noch immer aus wie ein Häufchen praller Bockwürste in der Auslage einer Fleischerei, machte ich mich sofort daran, den Kasten freizulegen.

Ursula war mir keine große Hilfe dabei. Sie hatte zwar zwei prächtige Brüste, aber eben auch zwei linke Hände. Trotzdem, im Anfeuern war sie zu Beginn unserer Zeit auf der Insel verdammt gut. Also bürgerte sich schnell eine gewisse Arbeitsteilung ein. Ich ackerte, sie machte mir Mut. Nach einigen Stunden Schufterei hatte ich den Kühlschrank endlich freigelegt. Darin fand sich allerdings nichts als ein Haufen unsortierter Glasscherben und massenweise herumschwappender Whisky in seiner flüssigsten Form. Für´s Saufen war also erstmal gesorgt. Später sollte ich in diesem, von mir noch oft frequentierten Schnapsgrab tatsächlich ganz unten auch noch einige unversehrte Flaschen finden. Eine Flasche Bommerlunder zum Beispiel, eine ganz spezielle Flasche, die mir noch sehr ans Herz wachsen sollte, in jener Nacht, als ich außer Selbstmord oder Vollrausch keinen Ausweg mehr für mich sah.

Kaum hatten wir die von den Verwüstungen zerzauste Insel etwas erkundet - es schien tatsächlich so, als seien wir die einzigen Überlebenden der Explosion; kaum hatte ein zweitägiger Regenguß alle übriggebliebenen Feuerherde gelöscht, da stellte sich heraus, daß Ursula und ich ganz verschiedene Ansichten über unser beider Lage hatten. Ich wollte schnellstmöglich weg, ich dachte an Bootsbau. Sie wollte bleiben, zusammen mit mir und mit einer stattlichen Anzahl möglicher Kinderchen. Sie dachte an Hausbau. Wir hatten also ein Problem.

Schließlich einigten wir uns. Vier Stunden Bootsbau, vier Stunden Hausbau. Und das jeden Tag, ein Wochenende gestand sie mir nicht zu, von einer 35 Stundenwoche ganz zu schweigen. An sowas, sagte sie, wäre erst zu denken, wenn wir beide hier draußen einen bestimmten Grad der Zivilisation wieder erreicht hätten. Die indonesische Inselwelt, sagte sie, sei definitiv 3. Welt, und da seien die Arbeiter noch nicht so weit. Selbst den Achtstundentag wollte sie mir noch streitig machen, aber da blieb ich hart. Während meiner täglichen Arbeitszeit kümmerte sie sich um ihren Garten und sammelte Früchte. Natürlich gab sie mir auch spezielle Aufträge, die Einrichtung und Erweiterung unserer Hütte betreffend. Ich versuchte möglichst viel vom übriggebliebenen Zivilisationsschrott aus Pettys Station zu verarbeiten. Wellbleche, Fässer und zerbeulte Stahlrohrteile lagen überall auf der Insel herum. Sie aber bevorzugte den ortstypischen, natürlichen Stil: Holz, Palmgrasmatten, Bambusregale. Ich war viel im unwegsamen Wald unterwegs. Jeden Abend Punkt Fünf, meine alte Ruhla aus dem VEB Feinmechanische Werke funktionierte noch, tutete ich durch den Dschungel wie eine dampfbetriebene englische Werkssirene. Tarzan hätte ich damit beschämen können, aber meine Jane war sichtlich nicht amüsiert. Sie haßte diesen Ton.

Danach kümmerte ich mich um die Jagd. Obwohl wir nun im Besitz einer stattlichen Anzahl von Feuerwaffen aus Pettys ehemaligem Bestand waren, verzichtete ich bald auf die sinnlose Ballerei. Auf der Jagd konnte ich mich so viel besser entspannen, den Klängen des Waldes lauschen und auf andere Gedanken kommen. Kraft tanken für einen weiteren Abend, an dem ich Ursulas einladenen Hüften widerstehen mußte.

Kaum aber war das Wild gehäutet, ausgenommen und zum Rösten auf den Spieß gesteckt, da scharwenzelte Ursula in ihrem knappen 60er-Jahre-Bikini um mich herum. Ich hatte beiläufig erwähnt, daß weiße Bikinis derzeit völlig aus der Mode seien. Zwei Tage lang sprach sie kein Wort mehr mit mir. Aber seit gestern war alles wieder gut. Mit Hilfe eines Wurzelsuds hatte sie den Bikini in knalliges 70er-Jahre-Orange gefärbt, was mich wohl endgültig dazu bringen sollte, sie zu begatten. Ich kämpfte mit mir wie jeden Abend, und kein Fernseher da zur Ablenkung. Bisher war ich immer der Meinung gewesen, daß für mich das Vögeln wegen meiner Gummiallergie nicht in Betracht käme, aber Ursula, soviel war mir klar, legte auf Gummis beim Vögeln keinen Wert. Ganz im Gegenteil. Sie war zwar noch keine Dreißig, aber, wie bei fast allen Frauen, die die fünfundzwanzig überschritten haben, setzte auch bei ihr die Panik ein. Sie war der festen Überzeugung, daß ich ihre letzte Chance war, endlich ordentliche, hellhäutige Oberschicht-Kinder zu bekommen. Aber eine schwangere Ursula, soviel konnte ich mir ausrechnen, das hätte mich eventuell bis auf alle Ewigkeit hier auf dieser verdammten Molukken-Insel festgenagelt. Soweit durfte es nicht kommen.

Auch mein Einwand, daß sich meine Gummiallergie wahrscheinlich vererben würde, konnte Ursula nicht schrecken. Ich malte ihr Horroszenarien aus, was so eine Gummiallergie spätestens ab der Pubertät für einen Menschen bedeutete, und daß alle unsere Nachkommen womöglich als psychische Wracks durch ihr Leben wandeln würden. Sie blieb hart. Sie wollte Kinder, und sie wollte sie jetzt! Und außerdem solle ich nicht soviel saufen. Das vermindere die Mobilität meiner Samenzellen.

»Wie bitte?«

»Ja, das hab ich so gelernt. Ich war mal Arzthelferin bei einem deutschen Urologen in Djakarta!«

»Aha«, sagte ich mürrisch.

»Dr. Werner Petermann! Eine Kapazität! Kennst du ihn zufällig?«

Mir platzte der Kragen: »Die Mobilität meiner Samenzellen interessiert mich nicht!«

Sie streifte ihren Bikini ab und kam mit wiegenden Hüften auf mich zu. Dann schlang sie ihre Arme um mich.

»Komm, laß es uns tun. Seit zwei Wochen sitzen wir hier, starren uns an und sind scharf aufeinander. Ich sehe doch, daß du es auch willst.«

»Ursula, ich will keine Kinder!«

»Du wirst auch keine kriegen, das versprech ich dir!«

Ich lächelte. Ja, das wär´s. Einfach vögeln, Spaß haben, natürlich wollte ich das auch. Sie grinste.

»Die Kinder, die krieg immer noch ich!« sagte sie, dann küßte sie mich. Ihre gierige Zunge tastete nach der meinen. Ob sie nachgerechnet hatte? War es heute soweit? Tag X, der Tag ihres Eisprungs?

Fortsetzung folgt

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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