Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Die Macht der Dinge
Unter modernes Heldentum fällt zum Beispiel: etwas sehr großes kaufen und damit in der U-Bahn fahren. Genau das habe ich getan und bin damit bei den anderen Fahrgästen auf Wohlwollen gestoßen. Manche konnten den Blick gar nicht abwenden von meinem Paket und gaben vor, durch die Verpackung hindurch schauen zu können. Sie bewunderten und schätzten mich, waren ehrfürchtig dem verpackten Ding gegenüber, rückten hilfsbereit zur Seite, damit es auch Platz hatte und lächelten es ab und zu an, als ob es ein kleines Lebewesen wäre.
Einmal habe ich beobachtet, wie ein Ehepaar einen Karton, groß wie ein Sarg, in die U-Bahn geschleift hat. Sony stand drauf. Der war aber eindeutig zu groß, als daß man damit noch Sympathien hätte sammeln können. Da kam ganz massiver Neid auf. Den hätten alle gern gehabt. Mißgünstige Blicke mußte also diese Schachtel aushalten. Alle wollten gerade dort aussteigen, wo sie stand, um dann genervt aufzustöhnen und anzudeuten, daß sie im Weg war und mit ihrer Größe allen auf die Nerven fiel. (Gabi Schlaug)
Der Wähler spricht
»Was erwarten Sie von der neuen Regierung?« fragt die Frau des schwedischen Fernsehens erwartungsvoll. »Goldene Bierbüchsen«, antwortet der Mann euphorisch. (Markus Lorenz)
Unfälle am Arbeitsplatz
(Jürgen Witte) Es ist Nacht, es ist warm. Ich sitze am offenen Fenster, und zwischen mir und dem Bildschirm des Computers tummelt sich so ein langbeiniges Spinnentier mit Flügeln dran. Immer hektisch auf und ab, und wenn es davon genug hat, dann flattert es zur Schreibtischlampe, und dann wieder zum Bildschirm zurück, mal hin, mal her. Da kann doch kein Mensch was Vernünftiges bei schreiben. Außer diesen Sätzen vielleicht.
Patsch! Jetzt habe ich einen bösen Fleck auf dem Bildschirm. Sieht nicht gut aus, versaut den ganzen Text.
Mohrrübe
»Du hast jetzt abgebissen von der Mohrrübe, dann mußt du sie auch aufessen! Viele Hasen in Afrika wären froh, wenn sie eine Mohrrübe hätten.« (Falko Hennig)
Klezmer
»Das ist Klezmer-Musik, die wird hier in Deutschland sehr viel gespielt. Warum? Wegen dem Holocaust, als Strafe.« (Falko Hennig)
Neukölln, Sonnenallee, Mitte September
(Bov Bjerg) Hartes Pflaster. Kinder, die den Alkohol schon mit der Muttermilch aufsaugen. Billigsupermärkte, Rotlichtschaufenster, Elektrogeschäfte. Fressen, Ficken, Fernsehen. Der einzige Laden, der mit anderem handelt, heißt Blume 2000. Hier kaufen Hotte, Atze und Männe das Versöhnungssträußchen, damit ihre Perle das Veilchen von gestern abend schnell wieder vergißt. So dient auch Blume 2000 doch wieder nur Grundbedürfnis Nr. 2.
Auch hier wird gewahlkämpft. Gleich neben der fiesen Fresse von Dankward Buwitt hängt ein Plakat der sozialdemokratischen Konkurrenz: »Es gibt in Deutschland viele schöne Plätze«, steht da, und weiter: »Für uns sind die schönsten die Arbeitsplätze.« Ulkiger Spruch. Muß ich mir merken. Ich bleib stehen und lerne ihn auswendig. Ein dicker Neuköllner stellt sich neben mich, glotzt ungläubig und murmelt: »Hamm die ´ne Vollmeise?«
Ja, die urtümliche Weisheit der indigenen Völker wird oft unterschätzt.
Als ich mal tot war I
(Andreas Scheffler) Ich stand auf. Kein Schwindelgefühl. Keine Rückenschmerzen! Seit meinem doppelten Bandscheibenvorfall vor drei Jahren hatte ich mich so an meine braven Rückenschmerzen am Morgen nach dem Aufwachen gewöhnt. Weg! Auf Urlaub oder sonstwo! Vor allen Dingen der Husten machte mir zu schaffen; beziehungsweise seine Abwesenheit. Ich ging schmerzlos, und dafür gab es nur eine Erklärung: Ich war tot. Lothar Matthäus, der aktuellste deutsche Philosoph sagte einmal: »Wenn ich keine Schmerzen habe, dann bin ich tot.« - Das ist die einzige Aussage, die ich ihm nachfühlen kann.
Als ich mal tot war II
(Andreas Scheffler) Hastig duschte ich, zog mich an und ging zu Frau Dr. Knispel, meiner braven Sportmedizinerin. »Herr Scheffler, Sie sehen ja blendend aus«, sagte sie zur Begrüßung. Ich brach fast in Tränen aus: »Das ist es ja gerade, mir fehlt nichts, mir geht es gut.« Sie sah mich verständnislos an. »Frau Doktor, ich bin jetzt 32, und ich war nie besonders freundlich zu meinem Körper. Da muß mich doch irgendwas zwicken. Nicht gerade die Prostata, aber der Rücken, die Lunge, die Leber und so. Ich kenn das doch. Ich bin eindeutig tot!« Frau Doktor fühlte meinen Puls, verschrieb mir ein Beruhigungsmittel und schickte mich ins Bett.
»Wahnsinn«
(Jürgen Witte) Eine Vokabel, die zum Fall der Berliner Mauer in die Geschichte eingegangen ist. Was aber sagte der Deutsche, als die Mauer gebaut wurde? Gab es damals wirklich nur sprachloses Entsetzen, wie uns die Medien in ihren Rückschauen immer wieder glauben machen wollen? Der englische Satiriker George Mikes hat 1962 die Mauer besucht, und als er am Potsdamer Platz auf der Aussichtsplattform steht, resümiert er: »Eight out of ten utter one single word: Wahnsinn!« (Über Alles, Germany explored, George Mikes, 6. erw. Auflage, London 1962, Seite 138)
Kulturpessimismus I
(Hans Duschke) Am Samstag dann Party. Mache die Beobachtung, daß »wir um 30« ein neues Schönheitsideal haben: Barbie und Ken. Und daß auf solchen Festen regelmäßig eine Lesbe attraktivste Frau des Abends ist. Das geht nicht gut. Das geht nicht gut. Das geht keinesfalls gut.
Kulturpessimismus II
(Hans Duschke) Mir war lange unbegreiflich, wie man sich nach einem Leben sehnen kann, wie es in den wohlhabenden Gegenden Westdeutschlands geführt wird. Einem Leben, bestehend aus Arbeit, Eigenheim und ein bißchen Video. In einer Gegend, die sauber und intakt ist, wo die Straßen täglich gefegt werden, weltberühmte Designer die Supermärkte ausstaffieren und wo es nur noch zwei Gesprächsthemen gibt: einkaufen und den Beruf. - Heute seh ich das anders.
Was gut ist, setzt sich durch!
(Bov Bjerg) Puh, dies ist doch ein höchst fragwürdiger Spruch! Und wenn dann noch so triefige, auf Landrocker gestylte Lederfransen-Opas im Kino einem die Ohren damit vollröhren - »was gut, gut, gut ist, setzt sisch dorsch!« - dann wird mein Hals immer dicker, bis sich der Vordermann beschwert über den Magenaushub in seinem Genick; wenn dieses zauselige Zonenknecht-Idol ohne jeden Sinn, von Verstand mal ganz zu schweigen, krakeelt, »wir hamms geschafft aus eigner Kraft!« - ja, was denn eigentlich? In der Kneipe ´ne Runde von dem leckeren Egal was, Hauptsache macht dumm im Kopf bestellt und tatsächlich bekommen?; wenn der Frontmann dieser trüben Truppe, der offensichtlich nicht umsonst Maschine heißt (hat ja ooch so´n, na, sangwama, irngdwo ooch knorken proletarschen Beiklang, wa), wenn dieser grenzdebile Schrummler plärrt, »wir hamms geschafft aus eigner Kraft...« - wir ergänzen selbsttätig: »im Hirn hamm wir Dreiwettertaft!«, dann könnt´ ich... - Okay. Absatz.
Sangwermal so: Wenn in mir der Haß auf diese verlogene Leistungmußsichwiederlohnensozialdarwinistenscheißdrecksmucke erst brennt, dann reicht das Bier sämtlicher Berliner Pilsnerbrauereien nicht, ihn zu löschen!
Buchmesse I
(Jürgen Witte) Der aus Slam-Poetry-Veranstaltungen mit gestähltem Bewußtsein hervorgegangene Szene-Autor hat sein neues Manuskript unter dem Arm. Die Kollegen, die Zeitschriftenmacher und Kleinverleger dürfen darin blättern. Er beobachtet sie kritisch beim Lesen. Dann hält er die Spannung nicht mehr aus: »Du, also ich will mich da auf gar keine Diskussion drüber einlassen. Das Zeug, das ist take it or leave it. Ich sag immer, das mußte ja nicht lesen!«
Buchmesse II
(Jürgen Witte) Auf der kleinen Messe für kleinste Verlage bleibt man unter sich. Man hat viel Zeit, in den Publikationen der Konkurrenz zu blättern, manches davon scheint gar nicht so übel. Oft aber wird auch einfach blind getauscht. Tage später, Messenachbearbeitung, muß das dann alles gelesen werden. Also ich mach das, ich fühle mich moralisch verpflichtet dazu. Aber schön ist das nicht.
Wie geht´s, wie steht´s?
(Andreas Scheffler) Aus der Periode der Stagnation Anfang der 70er Jahre stammt die Floskel »Wie geht´s, wie steht´s?« Da die Wirtschaft allgemein am Boden lag, durfte man sich zumindest Stillstand eingestehen oder auch, je nach Situation, Galgenhumor zeigen. In Westdeutschland machte Karl Schiller dann mithilfe einer Konzertierten Aktion damit Schluß. »Wie geht´s, wie steht´s?« wird heutzutage nur noch schmunzelnd von Männern verwandt, die es als sexuelle Anspielung verstanden haben wollen. Eine beliebte Antwort darauf lautet: »Kein Gramm Fett, alles nur Muskel- und Samenstränge.« Oder auch: »Frag doch mal deine Frau.« Dies ist übrigens der gleiche Schlag von Menschen, bei denen Dialoge stattfinden wie: »Mach´s gut.« - »Mach´s besser.« - »Aber nicht zu oft.« - »Hä, hä, hä.« Doch das nur nebenbei.
zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07