Bov Bjerg: Schwarzfahren
Grundlegende Anmerkungen zu einer im Prinzip ziemlich günstigen Fortbewegungsmethode
Christoph sagt: »Fahr doch schwarz. Mach ich seit Jahren. Man muß es nur konsequent tun, dann lohnt sich´s. Ich bin bisher zweimal erwischt worden, aber bezahlen mußt ich noch nie. Ich sag einfach: Ich hab kein´ Fahrschein. Keine Ausreden, kein Hab-meine-Monatskarte-vergessen. Das sind die Kontrolleure gar nicht gewöhnt. Da sind die voll dankbar für. Der eine hat weggeguckt, beim andern mußt ich mit aussteigen und am Automat ´nen Fahrschein kaufen.« Sagt Christoph.
Bov denkt: »Schwarzfahrn, warum eigentlich nicht? So unschuldig gucken wie Christoph kann ich schon lange, und bißchen was gespart hab ich auch.« Denkt Bov.
Außerdem ist Schwarzfahren das einzige BVG-Ticket, das seit 10 Jahren nicht teurer geworden ist. Das muß man doch unterstützen!
Doch dann kommt´s: erst im Bus, dann in der U-Bahn, in der S-Bahn, in der Straßenbahn. (Ich könnte auch Tram sagen, aber dann lachen mich alle Neuberliner aus, die gehört haben, daß »Tram« ein Begriff ist, der den Berlinern aufoktroyiert worden ist. Ja, »Tram« kommt ihnen nicht über die Lippen, aber »aufoktroyiert«, das verwenden sie seit der ersten Semesterwoche fließend. Ich glaub, ich sag doch »Tram«.) Erwischt also in U-Bahn, S-Bahn, Bus und Tram. Vier Mal in zwei Wochen. Wenn ich jetzt noch auf der Fähre erwischt werde, am besten auf der Fähre Nr. 12 in Köpenick, die fährt nur eine Station weit, dann geh ich in die Geschichte ein als der dümmste Schwarzfahrer Berlins. (»Und außerdem hat er Tram gesagt! War der vielleicht doof, haha!«)
Vier Mal macht 240 Mark, das ist eine teure Monatskarte - und dabei ist der Monat erst zur Hälfte rum. Aber ich fahr trotzdem weiter schwarz, aus drei Gründen.
Erstens, weil ich einfach zu gern davon erzähle, wenn ich beim Schwarzfahren erwischt worden bin. Ich finde, das klingt irgendwie cool. Nicht so cool klingt: »Stellt euch mal vor, ich bin in der U-Bahn kontrolliert worden.« - »Und?« - »Naja, ich hab einfach meine Monatskarte vorgezeigt.«
Zweitens: In zwei Wochen 240 Mark los zu werden, das ist bitter. Das ist ein heftiger Kurseinbruch. Aber wer seine Aktien verkauft, wenn sie am wenigsten wert sind, der kommt nie auf einen grünen Zweig. Schwarzfahren: die Volksaktie der Zukunft!
Drittens lernt man beim Schwarzfahren was über die Welt. Und man hat mit Menschen zu tun.
Historische Abschweifung. Vor dem Mauerfall: In Westberlin führt die Gewerkschaft ÖTV ein strenges Regime. Jeder muß Arbeit haben. Kein BVG-Angestellter wird jemals entlassen, und wer gar nichts anderes kann, der wird in eine dunkelblaue Kontrolleursuniform gesteckt und wartet auf seine Rente. Wenn er einen Waggon entert, ruft er, bevor die Türen wieder zugehen: »Faaahrausweiskontrooolle!« So wird auch der letzte Schwarzfahrer geweckt und kann rechtzeitig aussteigen. Und der Kontrolleur spart sich den lästigen Schreibkram. So gemütlich war das, als Westberlin noch vom Kommunismus umzingelt war.
Im Osten war´s noch gemütlicher, und man mußte schon ultradämlich sein, um sich hier beim Schwarzfahren erwischen zu lassen. Ungefähr so dämlich wie der Westler, der seinen ganzen Zwangsumtausch schon ausgegeben hatte und demzufolge die zwanzig DDR-Mark Strafe komplett in Westmark... - Mein Gott, ich hätt´ mir in den Arsch beißen können! Ende der historischen Abschweifung.
Heutzutage geht´s härter zur Sache, und die Kontrolleure lassen keinen Zweifel daran, daß sie ihr Geld auch problemlos ganz woanders verdienen könnten: Als Türsteher, als Schutzgelderpresser, als... - »na, und wenn alle Stricke reißen, gibt´s da ja noch meene Olle, die Tina, denn muß die ehmt wieder ran, sieht ja noch ganz gut aus, wa.«
Ja, die Welt, denke ich bei mir. Schon irgendwie Scheiße, wie sie eingerichtet ist.
Bahnhof Südstern, drei Schnauzbärte um die vierzig steigen ein. Ungewöhnliche Konstellation für die Gegend hier, naja, vielleicht ´ne schwule Clique? Aber nee, dafür sind die Typen echt zu ungepflegt. Aha, der Bullige bleibt stehn, die zwei andern gehn nach hinten. Der eine stellt sich an die mittlere Tür, der andere an die hintere. Die Türen gehn zu, und ich weiß, was jetzt kommt.
»Tach, bitte ma´ die Fahrausweise!«
Ende des sozialdemokratischen Zeitalters. Manchmal hab ich so´n Gefühl, was damit gemeint sein könnte.
Vor mir steht der Bullige. »Fahrausweis.« Er ist einen Kopf kleiner als ich. Ich kann seinen Mund nicht sehen. Ich seh nur, wie sein Schnauzbart wackelt bei dem Wort »Fahrausweis«. Vielleicht hat er ja in Wirklichkeit hinterm Schnauzbart ein kleines Tonband, damit er sich im Lauf des Tages den Mund nicht fusslig redet. Obwohl, der Mund ist ja schon fusslig.
Dieser Kontrolleur sieht aus, als ob er nicht bis drei zählen könnte.
»Ick weiß, wat sie jetzt denken«, sagt er. »Eins, zwei, drei. Zufrieden?« Ich bin ein bißchen beschämt.
Wie hat Christoph gesagt? »Bezahlen mußt´ ich noch nie. Ich sag´ einfach: Hab kein´ Fahrschein. Keine Ausreden, kein Monatskarte-vergessen. Das sind die Kontrolleure gar nicht gewöhnt. Da sind die voll dankbar für.«
Ich sage: »Ich hab kein´ Fahrschein.« So. Jetzt könnte er mal weggucken. Und dankbar sein. (Wie sich später rausstellen soll, ist Christoph das letzte Mal im Frühjahr 1988 U-Bahn gefahren und fährt seitdem nur noch Auto.)
»Macht sechzig Mark«, sagt der Bullige.
Ich sage: »Denken Sie manchmal über den Tod nach?«
»Wat?«
»Ob Sie manchmal über den Tod nachdenken?«
»Na, dis is ja ´n Ding. Sieht man mir det an?«
Ich will ihm die sechzig Mark geben, da sagt er: »Nee, nee, lassense man stecken. Hammse ´n bißchen Zeit?«
Wir steigen am Hermannplatz aus, setzen uns in der hohen Bahnhofshalle auf eine Bank und reden miteinander. Es stimmt, denke ich bei mir, man muß die Menschen da abholen, wo sie stehen. Vielleicht sollte ich Busfahrer werden.