Sarah Schmidt: Ich sage »Dankeschön«
Abends sitze ich öfters mal mit meinem Freund und meiner Schwester bei einem Glas Bier zusammen. Das entspannt und läßt den Gedanken freien Lauf. Manchmal sprechen wir sogar miteinander, zum Beispiel so:
»Hey, sollen wir nicht mal ein paar Tage zusammen wegfahren?«
»Klaro! Wohin?«
»Weiß nicht, nach Hamburg?«
»Ach nö, Hamburg, das ist so versnobt.«
»Sächsische Schweiz vielleicht?«
»Die Sprache!«
»Usedom, Hiddensee, Rügen?«
»Viel zu teuer.«
»Polen?«
»Polen? Ich weiß nicht.«
»Ist doch nur für fünf Tage, und da waren wir noch nie!«
»Okay.«
Mich überrascht mein plötzliches Einwilligen, denn bisher war Polen für mich soweit weg wie Grönland. In den fast zehn Jahren, in denen auch wir aus dem ehemals freien Teil Berlins problemlos da hinfahren können, ist mir noch nie die Idee gekommen, das auch tatsächlich zu machen. Schande über mein eingefahrenes, amerikanisch indoktriniertes Denken, aber so ist das nun mal. Nicht umsonst habe ich als Kind immer Höllenängste ausgestanden, wenn wir meine Oma, die in der SBZ wohnte, besuchen mußten. Daß uns die Russen dabehalten, und was dies bedeutet, das wußte ich auch schon mit elf oder zwölf. Schluß mit Cola und Gummibärchen, und nie wieder Lassie oder Der Spatz vom Wallraffplatz gucken dürfen.
Oder auch die Fahrten durch den »Korridor«, bei denen mein Vater mit schweißnassen Händen hinter dem Steuer klemmte, meine Mutter die ganzen Stunden unsere Ausweise festkrallte und keiner ein Wort sprechen durfte, weil: es könnte das falsche sein! Und dann wären wir alle nach Bautzen gekommen. Kindheitserinnerungen, die sind in die Hirnrinde eingebrannt.
Aber jetzt setzen wir uns darüber weg und trauen uns einfach mal was. Schöne Idee und auch irgendwie familiär, back to the roots, schließlich trug mein Opa den Namen Polaczek. Ist also auch ein bißchen mein Land. In den nächsten Tagen erzählen wir unseren Freunden davon und erfahren, daß da nicht zusammengewachsen ist, was angeblich zusammengehört. Fast alle Wessis sagen: »Oh, Polen, jaaa! Das soll ja ganz toll sein. Da wollte ich auch schon immer mal hin - hat bisher aber nie.«
Freunde aus dem ehemaligen Ostteil, die waren natürlich schon ganz oft in Polen, an der Ostsee, und sagen: »Was? Du warst noch nie in Polen? Schande, Sarah, Schande!« - »Ist ja gut, ich fühl mich ja schon schuldig.«
Einerseits! Andererseits: »Warst du in den neun Jahren denn schon in Spanien, Italien, Frankreich?«
»Ja.«
»Okay. Portugal, Jugoslawien, Griechenland?«
»Natürlich!«
»Schweden, Dänemark?«
»Sarah, na klar!«
»Holland, Schweiz, Belgien, Luxemburg?«
»Nee. Luxemburg noch nicht.«
»Ha! Das schöööne Luxemburg! Eines unserer Nachbarländer! Und da warst du noch nie? Ignorant!«
Also, wir fahren nach Polen. Mit dem Auto. »Oh, da ist aber ein Radio drin.« Pscht, sowas darf man nicht mal denken, daß die Polen eventuell gerne fremde Autoradios... - »Vielleicht sollten wir das Auto gar nicht abschließen, dann ist wenigstens die Scheibe nicht kaputt?« Schluß jetzt, hör auf mit dem Scheiß. »Aber das macht man in Italien auch so!«
Ruhe! »Ist ja gut.« Aber für den Fall, daß doch, nehm ich drei Kassetten auf, dann haben die neuen Besitzer wenigstens schöne Musik.
Reiseführer gibt´s überall, einen bei Wohlthat für 4 Mark 95, da steht drin: »Öffentliche Toiletten würden wohl keinen Preis gewinnen. Eher empfehlen sich Restaurants. Dort erwirbt man das Toilettenpapier blattweise... Nur in erstklassigen Hotels ist das Toilettenpapier umsonst.«
Was? Nee, das möchte ich aber nicht so gerne. Was, wenn wir Durchfall haben oder die gekauften Blätter einfach nicht reichen? Mit runtergelassenen Hosen zum Tresen hoppeln und um Nachschub bitten? Und was heißt »Ich möchte bitte noch sechs Blatt Klopapier« auf polnisch? Also kaufen wir uns ganz viel Klopapier. Dann steht da noch, man braucht zur Einreise einen Reisepaß. Sowas hab ich nicht. Noch nie gebraucht. Aber, na gut. Für meinen muß ich dreimal zu den Bullen und zweimal zum Fotoautomaten. Die ersten Fotos mach ich in einem modernen Gerät. Man hat eine Art Computer vor sich, wird von einer Frauenstimme zum richtigen Gebrauch instruiert und muß immer auf viele Tasten drücken. Dann sieht man auf dem Bildschirm sein Foto, so wie es geknipst werden könnte. Gefällt es einem nicht, drückt man Storno oder Reset oder sowas und kann sich erneut in Positur setzen.
Ich versuchs mit und ohne Lächeln, von rechts und von links, Augen in die Kamera oder knapp dran vorbei. Das Ergebnis ist immer das gleiche - ich seh auf allen Fotos doof aus. Irgendwie verquollen und dickhalsig.
Nach drei oder fünf Minuten ist meine Zeit plötzlich um, und während ich mich ärgere, daß mein Geld weg ist und ich immer noch kein Bild für meinen Paß habe, sagt die Frauenstimme: »Wir knipsen jetzt!« und ich starre erschreckt auf den Bildschirm und vergesse vollkommen, gut auszusehen.
Dementsprechend sind die Fotos. So geht das nicht. Also fahr ich zur Kochstraße, da steht ein guter, alter Fotofix. Schön macht der mich zwar auch nicht, aber nachdem ich 14 Mark ausgegeben habe, siegt mein Geiz über alle Eitelkeit.
Am Tag vor der Abfahrt geh ich zur Sparkasse, Geld holen und 50 Mark in Zloty wechseln.
»Zloty? Hammwa hier nicht. Wat wolln Sie denn damit?«
»Na, ausgeben!«
»Nee, Zlotys kriegen wir hier nich rein. Det müssen Sie drüben tauschen.«
»Aha, gut, dann sagen Sie mir doch bitte den aktuellen Kurs.«
»Von wat?«
»Vom Zloty.«
»Ilse, weißt du den Kurs vom Zloty?«
»Zloty? Polen oder wat? Nee, det wissen wir hier nicht.«
»Ist ja schon gut. Ich hab verstanden.«
Undich mach mir Sorgen um meine Ignoranz.
An Polens Grenze will niemand meinen neuen Paß sehen. Dafür sehen wir 16 Kilometer lang doppelreihig LKWs stehen. Die haben es auch nicht leicht. Im Reiseführer steht, auf Campingplätzen kann man Bungalows mieten. Das ist toll, das ist praktisch, das wollen wir! Also halten wir an und besichtigen eine Hütte. Danach möchten wir lieber wieder nach Hause. Später finden wir ein Hotel am Strand, alles ist wunderbar und billig, und überall gibt´s Klopapier. Und zwar auf dem Klo, da, wo´s hingehört. Ein tolles Land.
Nur die Sprache... - Sonst kann ich nach einem Tag die wichtigsten Touristenwörter: »Ja, nein, bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen.« Wir kaufen ein Wörterbuch, das das Polnische ins Deutsche übersetzt. Jetzt könnte ich so tolle Sachen sagen, wie: »Meine Delegation besteht aus zehn Personen«, oder: »Bitte packen Sie mir die Platte mit dem Oratorium von Penderecki, Stabat mater, und die von Katarzyna Gärtner mit den Liedern aus dem Musical Na szkele malowane ein«, oder auch: »Soll ich die Augenbrauen formen?« Schöne Sätze, aber leider konnte ich keinen davon anwenden. Das polnische Danke kann ich mir nicht merken. Ich versuch es zwanzigmal am Tag, völlig erfolglos.
Dann, an unserem letzten Abend, ich konnte wie üblich nur Geräusche, die sich so ähnlich anhören, in meinen Damenbart murmeln, da fiel mir die richtige Eselsbrücke ein. Ich muß nur an Feng Shui denken, diesen Esoterikhit, und schon weiß ich es. Und damit endet auch mein Reisebericht, mit einem herzlichen Dziekuje.