Hans Duschke: Walter Momper und der Potsdamer Platz
Anti-Berliner hab ich mich genannt. Seit dem Herbst 1998 sage ich: Jawohl, der Potsdamer Platz ist schon klasse! Überraschend zentral gelegen. Die Architektur: groß und gemütlich zugleich; Hochhaus mit menschlichem Antlitz; internationale Konzernzentrale und Aldi-Supermarkt unter einem Dach. Fast könnte man von einem demokratischen Bau sprechen. Fast.
Denn so siehts doch in Wahrheit aus: Du bleibst stehen, siehst dich um: aha. Bleibst stehen, siehst dich um: aha. Bleibst stehen, siehst dich um - stets ist mindestens ein Uniformierter im Blickfeld. Die Zahl der auf dich gerichteten Kameras bleibt ein Rätsel. Mir doch egal, ich hab nichts zu verbergen, sagst du dir, und wer sich beschweren will über die moderne Zeit: »Bitteschön, dort ist die Tür.« Alle sind sehr höflich hier.
Doch wir befinden uns auf einem Privatgrundstück, die Uniformierten vertreten die Rechte des Eigentümers. Selbstverständlich steht zusätzlich rüpelhafte Berliner Polizei bereit, doch das wird nicht nötig sein. Stets drohen Hausverbot und Platzverweis. (Nicht für dich, natürlich.) Erst, wenn es ein paar Tote gibt bei lang anhaltender sibirischer Kälte, wird es den Deklassierten gestattet sein, die überheizten Potsdamer-Platz-Arkaden als Wärmehalle zu nutzen. Zustände wie bei der BVG.
Doch genug davon. Ich bin der Propaganda aufgesessen. Es ist ja nur zu unserem Besten. Wir wollen es ja so. Ausflugsziel Nr.1 derzeit, das ist für jeden Berliner Ehrensache: U-Bhf. Mendelssohn-Bartholdy-Park. Da gibt es manch Schnäppchen zu ergattern, für eine gefälschte Unterschrift bekommt man eine Berliner Zeitung.
Täglich bis 22 Uhr bei Drospa, Kaiser´s, H&M einzukaufen - »Shopping schön«, wie ein Kollege sagen würde, hier sagt man »Shopping total.«
»Alles findste hier«, hört man den Berliner jubeln; derweil geht die Wilmersdorfer Straße den Bach runter. Und dann ins CinemaxX: 1800 Plätze in einem Saal. »Alles findste hier. Die hamm da sogar ´n Kino, in dem französische Synchronfassungen von amerikanischen Filmen laufen!« Ungläubig, doch begeistert ist der Berliner angesichts seiner eigenen Metropolenhaftigkeit.
Und in den Arkaden gibt es schon Stammgäste. Auf einer Produktpräsentationsfläche im Untergeschoß steht Walter Momper, roter Schal um den Hals, und verteilt Flugblätter. Gelegentlich steigt er auf eine wacklige Küchenleiter, um zu den Menschen zu sprechen:
»Liebe Berlinerinnen und Berliner, bitte schenken Sie mir einen Moment Gehör. Mein Name ist Walter Momper. Ich finde, es ist eine gute Idee, wenn ich Bürgermeister werde.« Die Berlinerinnen und Berliner bleiben stehen und blicken sich um, ob sie ihre Einkaufsbeutel auf den Marmorboden stellen dürfen. Die Uniformierten nicken höflich.
»Die Älteren unter Ihnen können sich vielleicht noch erinnern, ich war schon einmal Bürgermeister. Damals fiel die Mauer. Ich ließ die Häuser in der Mainzer Straße räumen, wegen law & order. Dann ging ich in die freie Wirtschaft, engagierte mich für den unsozialen Wohnungsbau und wollte reich werden oder zumindest gut verdienen. Das hat nun nicht so geklappt, und deshalb würde es mich freuen, wenn Sie mich unterstützen würden, daß ich wenigstens wieder Bürgermeister werden kann. Vielen Dank.« Mühsam klettert er die Küchenleiter wieder runter und verteilt seine Flugblätter. »Momper wählen«, steht da drauf. Er hat auch Luftballons.
Er wird geduldet hier am Potsdamer Platz. Im Advent aber, wenn ein richtiger Nikolaus kommt, muß Walter Momper gehen.