Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 24/1999 Jürgen Witte: Alle Frauen dieser Welt (nach Namen)
Artikelaktionen

Jürgen Witte: Alle Frauen dieser Welt (nach Namen)

1. Die Sabine

Die Sabine kommt quasi überall vor, sie ist sowas wie die Frau an sich. Wäre sie als Auto geboren worden, sie wäre ein VW-Golf. Geh irgendwo hin, und es wird schon eine Sabine da sein. Öfter mal zwei, und manche Sabine trägt sogar Röcke. Jede Sabine lernt im Laufe ihres Lebens mindestens noch fünf andere Sabines kennen, und mit manch anderer Sabine kommt sie ganz gut aus. Sabrinas allerdings sind ihr suspekt. Die Sabine ist umgänglich, man sagt von ihr, sie habe das Herz auf dem rechten Fleck, und dort gehört es schließlich auch hin. Was allerdings passieren kann, wenn eine Sabine versehentlich zuviel Cosmopolitain liest, das kann man an Frau Sabine Christiansen sehen.

2. Die Gabi

Die Gabi ist fast immer verheiratet, oder sie ist es gewesen. Sie hat die Welt also schon gesehen, und das war nicht immer schön! Die Gabi bevorzugt Stretch-Hosen, wenn auch oft mit kitschigen Stickereien. So eine Gabi, die mag Kinder, und deshalb hat sie oft auch welche davon. Wenn die Gabi einen trinken geht, dann setzt sie sich auch schon mal an den Tresen, spricht fremde Männer an und erträgt dann deren dummes Geschwätz. Wenn es ihr aber gar zu dumm wird, dann quatscht sie eben mit der Frau hinter dem Tresen, die, zumindest in Schultheiss-Kneipen, auch oft eine Gabi ist. Die Gabi kann grundsätzlich mit allen anderen Gabis, nur wenn eine Gabi plötzlich Wert darauf legt, daß sie eigentlich ja eine Gabriele sei, dann hat sie bei der Gabi echt verschissen. Gabriele von Henkel ist da ein sehr gutes Beispiel.

3. Die Anette

Die Anette steht - nicht ganz zu Unrecht - im Ruf, etwas zickig zu sein. Die Anette glaubt nämlich, sie habe was Besseres verdient, und das läßt sie ihre Freundinnen auch spüren. Ganz zu schweigen von ihren Männern. Die Anette trägt gerne Nylon-Strumpfhosen unter ihren bügelfaltigen Gabardine-Hosen, auch wenns gar keiner sehen kann. Gutes Aus-sehen, das kommt bei einer Anette nämlich immer auch von innen heraus. So eine Anette, die will auch mal ins Konzert oder gar ins Ballett ausgeführt werden, deshalb gestalten sich ihre Beziehungen zu den Männern immer etwas schwierig. Und wenn so eine Anette zufällig eine andere Anette trifft, dann fliegen schon mal die Fetzen. Als die Anette noch prominent war, hatte sie einen festen Platz neben dem Guido im Rateteam von Robert Lembkes Was bin ich?

4. Die Petra

Die Petra hat eine eigene Zeitung, die aber auch von anderen Frauen mitunter ganz gerne gelesen wird. Die Petra gilt als kompetent und kumpelhaft, was aber nicht immer stimmen muß, denn die Petra hat ihren eigenen Kopf, und welche Frisur sich darauf befindet, das ist ihr ganz und gar nicht egal. Speziell über Gardinen wußte früher keine so gut Bescheid wie sie. Damals war sie wirklich sehr modern. Heute leben die Petras, falls sie sich nicht aus Versehen in grüne Ex-Generäle vergucken, eher zurückgezogen, suchen sich in aller Ruhe einen passenden Mann aus, damit sie sich dann hinter einem möglichst vielsilbigen Doppelnamen verstecken können.

5. Die Ute

Die Ute hat es nicht leicht. So eine Ute, die denkt immer, sie sei ganz allein auf sich gestellt in dieser Welt. Sie steht immer vor der Frage, ob sie eine Ute sein will, oder ob sie Ute sein muß. Deshalb besucht die Ute viele Workshops und Seminare, geht in sich oder entäußert sich, und sie bleibt doch eine Ute, obwohl sie gerade das am wenigsten gewollt hat. Das ist auch der Grund, warum die Geschichte so arm an Utes ist. Eine Ute hat einfach keine Zeit, sich um so Dinge wie zum Beispiel die Geschichte zu kümmern. Von den eifersüchtigen Utas ganz zu schweigen.

6. Die Anna

Die Anna hat eine beispiellose Karriere hinter sich. In den Siebzigern und Achtzigern hießen die Heldinnen aller Frauengeschichten immer Anna. Aber was für Heldinnen waren das damals in den Frauenge-schichten? Sie waren ausgestoßene, herumgeschubste, fremdbestimmte, kontaktgestörte, selbstzweiflerische Annas. Immer auf der Suche. Davon hat sich die Anna bis heute nicht ganz erholt. Sie trägt die Last einer völlig verkorksten Generation mit sich, und diese Seelenarbeit hat bei ihr nicht nur Falten im Gesicht hinterlassen. Als Anna hat sie die Wahl: ständig auf Diät und ausgemergelt, oder eben doch eher pummelig. Manche haben sich irgendwann fürs Pummeligsein entscheiden. Die aber sind dann meistens die netteren.

7. Die Maria

Die Maria neigt zu den sozialen Berufen, denn sie ist ziemlich heilig und oft rechtschaffen leidend, aber auch von einer Herzenswärme, wie man sie heute fast nur noch auf Katholikentagen finden kann. Eine Maria sollte viele Kinder haben, einen Hof, eine ordentliche Milchquote und mehr als 50 Hektar Land, damit sich das mit der Landwirtschaft in der EU auch lohnt. Rainer-Marias sind gar keine Frauen, und die selbst in Bayern mittlerweile selten gewordene Maria-Josefa gilt in abgelegeneren Gemeinden noch heute als der fleischgewordene Beweis der Jungfernzeugung.

8. Die Kirstin bzw. Kerstin

Die beiden sind ein Opfer der Orthographie. Sie könnten so oder so heißen, einen echten Unterschied macht das nicht. Kein Mensch weiß, wo die beiden herkommen, aber plötzlich waren sie da. Irgendwie modern sein, das wollen sie beide, geschichtslos wie sie sind. Und doch versteckt sich gerade hier das Drama der Frau in den Neunzigern. Wer bin ich? Kirstin oder Kerstin? Was will ich? Kind oder Karriere? Wo gehöre ich hin? Krankenpflege oder Kanzleramt? Deshalb gelten die beiden als ziemlich schwierig, sowohl beim Anbaggern als auch beim Abstoßen. Aber was wissen die Männer schon vom Drama der Frau in den Neunzigern?

9. Die Monika

Die Monika stammt aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen ist sie in den Sozialwohnungsblocks am Stadtrand, dort wo die einzelnen Aufgänge kleine Buchstaben hinter der Hausnummer tragen. Mit Schmalzstullen, Quetschkartoffeln und Bouletten hat man sie hochgepäppelt. Als Kind sah sie immer sehr gesund aus, heute muß sie deshalb hungern. Eine Monika ist eine gute Realschülerin, und in ihrer Freizeit hält sie Ausschau nach großgewachsenen, etwas schüchternen Gymnasiasten. Auch wenn die noch keinen Führerschein haben. Die Monika denkt an den sozialen Aufstieg, sie träumt von einem Büro mit gutem Betriebsklima und netten Chefs. Und sie will es selbst schaffen. Aber wenn ihr eines Tages ein zukünftiger Berliner Bürgermeister über den Weg läuft, dann sagt auch eine Monika nicht nein.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: