Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 24/1999 Mark-Stefan Tietze: Weinbrandabend im Country
Artikelaktionen

Mark-Stefan Tietze: Weinbrandabend im Country

Das war ein blöder Abend. Ich stand eine Weile auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang des Gleis und guckte den Leuten zu, die rein- und rausgingen. Manchmal schaute ich auch nach einer besonders Hübschen oder wenigstens einer extravagant Gekleideten auf dem Platz unter der Treppe. Es war aber keine zu sehen, und es hatte auch nicht den Anschein, als würde noch eine kommen. Ich trank Eistee aus der Dose, Liptonice, von der Tankstelle gegenüber. In der lauen Abendluft tanzten lediglich langweilige Pollen und brachten mich hin und wieder zum Niesen. Ich guckte hinüber zum Bahnhof, zu den Taxis, zur orangefarbenen Straßenbeleuchtung, die die Kreuzung säumte. Dann zu den Bussen, die zum Hafen abbogen, und zu der Dönerbude, vor der Leute in T-Shirts Schlange standen. Ich war mir sehr unschlüssig. Die Nacht war warm, aber ich wußte absolut nicht, was ich damit anfangen sollte.

Aus der Tür des Gleis kam irgendetwas von Udo Jürgens zu mir geweht, danach ein Lied von Abba. Ich drehte mir eine Zigarette, während ein Grüppchen am Geländer neben mir über einen Skandal diskutierte, in dem der Arbeitersamariterbund eine wichtige Rolle spielte. Ich wollte das nicht hören, ich wollte aber auch noch nicht weitergehen, weggehen. Da sah ich unten einen Schädel, der mir bekannt vorkam. Es war Jörns kurzgeschorener Schädel.

»Hi«, sagte ich, als Jörn zum Eingang hochkam.

»Hi«, sagte er und schlug mir seine Hand entgegen. »Kommste gerade raus oder willste noch rein.«

»Weiß nicht«, sagte ich.

Jörn streckte seine erhobene Hand aus und zwinkerte mit den Fingern. »Darf ich mal einen Schluck von deiner Dose? Ich hab einen tierischen Durst.«

Ich gab ihm die Dose.

Er trank mit großem Behagen. »Lecker«, sagte er. Sein Blick glitt fragend durch mein Gesicht.

»Hatte noch keine Lust auf Bier«, sagte ich. »Ich weiß auch nicht, ob ich jetzt Lust habe. Deshalb bin ich auch noch nicht reingegangen.«

»Ich wollte heute auch mal auf Alkohol verzichten«, sagte Jörn und hustete. »Hab´s gestern wieder total übertrieben, mit Freunden auf dem Balkon. Wir haben gekifft, als ob wir einen Weltrekord aufstellen wollten. Und dazu gesoffen, bis halb sechs. Am Schluß waren wir noch im Hamburger Point. Haben auf irgendwelche Frauen eingequatscht, die nichts von uns wissen wollten und so.«

»Scheiße«, sagte ich. »Mit Alkohol macht man sich nicht nur fertig, sondern regelmäßig auch zum Affen.«

»Wir könnten ja mal reingehen«, schlug Jörn vor, »und einfach Cola trinken. Haben die da Cola?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Müßten sie ja eigentlich. Jeder hat eigentlich Cola, soweit ich weiß.«

»Oder Eistee«, sagte Jörn und schmatzte. »Das Zeug da hat mir Lust auf mehr gemacht.«

Wir gingen rein. Es gab weder Cola noch Eistee.

»Das ist das erste Malzbier, das ich seit zehn Jahren trinke«, sagte Jörn und prüfte abschätzig das Etikett seiner Flasche.

»Und?« Ich hatte mich für Wasser entschieden.

»Ist nicht gut. Ist wohl auch das letzte Malzbier für die nächsten zehn Jahre.«

»Ja schade«, sagte ich.

Das Gleis füllte sich nur sehr langsam. Die Leute waren sicher alle draußen und grillten in den Gärten, oder sie badeten im Kanal. Nach einem Lied von Vicky Leandros lief was von den Rubettes. Wir schauten uns an und lächelten müde. Das Siebziger-Fieber hatte den Diskjockey voll erwischt. Daß die Tanzfläche leer blieb, war ihm aber womöglich nicht anzulasten, darin stimmten wir überein. Es war definitiv zu früh am Abend für ein solches Urteil.

»Ich hole uns einfach noch eine Lage Wasser«, sagte Jörn nach einer Weile.

»Okay.«

»Man sagt auch Rutsch statt Lage, übrigens«, sagte Jörn. »Ich hole uns einfach noch einen Rutsch

»Ja, und den müssen wir dann auf Ex trinken«, sagte ich.

»Fehlt eigentlich nur noch ein Schuß Tri-Top«, sagte Jörn, als wir schließlich an unserem Wasser nippten. »Dazu sollten wir dann auf jeden Fall ein Grünofant-Eis verspeisen.« Ich lachte und dachte an die Zeit, als Revell-Bausätze und Matchbox-Autos mein Interesse bestimmten. Jörn erzählte inzwischen von seiner Jugend in einer Landdiskothek namens Country, in der man an jeweils einem Abend in der Woche ein Glas Weinbrand für eine Mark kriegen konnte. Das hieß dann Weinbrandabend, wurde von der Landjugend begeistert in Anspruch genommen und hatte sich darüber einen gewissen Ruf erworben. Jörn berichtete von einigen Schlägereien und Abstürzen. Wir mußten sehr lachen.

Das war der Sommer, in dem die gute alte Zeit zum Allgemeingut der Konversation herabgesunken war. In jenem Sommer enteigneten sie uns unsere persönlichen Erinnerungen. Sie nahmen uns die verschwommenen Bilder und Töne der Schlager und Fernsehserien und ersetzten sie durch einige scharf konturierte Abbildungen, durch Aufnahmen von unerbittlicher Präzision, die ohne schützende Distanz an unser Bewußtsein drangen. Schlaghosen, Plateausohlen und Hemden mit langem Kragen und Blumenmustern gab es nun nicht mehr nur im Kino oder im Secondhandladen, sondern in jedem Kaufhaus, und an jedem Wochenende wurden in den Veranstaltungskalendern gewiß zwei Partys angekündigt, die den Geist der guten alten Zeit feierten.

Jörn und ich tranken unser Mineralwasser und dachten uns ins Country zurück, wo enthemmte und abscheulich gekleidete Dummköpfe für wenig Geld einen Weinbrand nach dem anderen in sich hineinkippten und sich über nichts Gedanken machten.

»Da hätten wir auch sein sollen«, sagte Jörn.

***

Aber als ich Jörn das letzte Mal traf, am Kanal, mit Freunden an einem Sommerabend, war er sehr betrunken und sagte: »Ich glaube, Nostalgie ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war.«

Zeichnung von M.S. Bastian

Copyright: Mark-Stefan Tietze

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: