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Uwe Beneke: Avocados

Achtzehn Lichtjahre von hier entfernt gab es diesen netten kleinen Planeten mit dem putzigen gelben Mond, und die beiden kreisten friedlich um eine Sonne herum, und es gab auch keine Ekliptik und keine Eigenrotation und sowas Kompliziertes, deswegen war die eine Seite von dem Planeten immer beleuchtet und die andere Seite immer dunkel.

Deswegen brauchte man auch keine Taschenlampen, Stehlampen oder Straßenlaternen und keine Solarien, denn wer es hell haben wollte, hat sich einfach auf der Sonnenseite aufgehalten, und wer nicht - der nicht. Und es war die ganze Zeit derselbe Tag, nämlich Montag.

Es gab es nur fünf Wesen, die auf der Planetenoberfläche rumwuselten, und zwar einen kleinen Herrn namens Schmidt und seine vier Hunde. Herr Schmidt hieß ganz zufällig so, sonst bestand keine Ähnlichkeit mit irgendwelchen Nachbarn von irgendwelchen Leuten hier auf der Erde. Herr Schmidt war geschlechtslos und sah aus wie ein Kartoffelpuffer. Er war platt und fettig und briet den ganzen Tag in der Sonne.

Die Hunde waren meistens birnenförmig, so wie der Planet selber, dessen beleuchtete Seite sich gegenüber der dunklen Seite stark ausgedehnt hatte. Die Hunde hatten einen weichen, formbaren Körper und irgendwo drinnen ein hartes Gehirn, mit dem sie aber nicht viel anfangen konnten. Aus ihrem amöbenmäßigen Äußeren stülpten sie kleine Stummelbeinchen, mittels derer sie über das Land hoppelten, Nasen, denen nach sie über das Land hoppelten, Ärmchen, mit denen sie sich an den Nasen kratzten, und oft stülpten sie auch unanständige Sachen - es sah total bescheuert aus.

Herr Schmidt brutzelte den ganzen Tag in der Sonne rum, und wenn er braun und knusprig war, wollten ihn die Hunde aufessen, am liebsten mit Ketchup, es gab aber übrigens kein Ketchup, und sie schleiften ihn auf die dunkle Seite, damit er etwas abkühlt und sie sich nicht die Schnauzen verbrennen, aber wenn sie ihn dann gerade anknabbern wollten, ging der Mond auf, und da dachten die blöden Hunde, es wäre Herrn Schmidts großer Bruder, und sie trauten sich nicht.

Wenn der Mond dann wieder sozusagen unterging, war Herr Schmidt schon wieder ganz kalt und blaß und roch nach alten Lappen. Da schleiften ihn die Hunde wieder auf die Sonnenseite, damit er wieder braun und knusprig wurde, und so weiter.

Das war natürlich auf Dauer ziemlich eintönig. Herrn Schmidt wirklich aufzufressen, wäre mal eine echte Abwechslung gewesen, außerdem nervte sie das komische Gegrunze, das Herr Schmidt den ganzen Tag von sich gab. Es waren eigentlich Kommandos, die er seinen Hunden erteilte, aber sie verstanden ihn nicht, denn Herr Schmidt hatte keinen richtigen Mund und außerdem Asthma. »Hasso, Platz!«, »Fridolin, willst du nicht mal Zähne putzen, du hast ja Mundgeruch!« oder »Hasso, Nicki, Pfui! Esther, aus!« und »Wendet mich doch amoi!« Aber man hörte nur »hrrrarrgrgrögrögrögrr« und »mböblblblblöblöbbl« und ab und zu »mlerps«.

Wegen der fehlenden Rotation des Planeten war die ganze Zeit elf Uhr dreiunddreißig und eigentlich auch Zeit für ein zünftiges zweites Frühstück. Aber da war ja der fliegende starke Bruder, der immer aufpaßte, auf der Kühlseite.

Da kam eines Montags Hasso auf die Idee: Wenn man Eis hätte, könnte man Herrn Schmidt ja etwas Kühlen und dann auf der Sonnenseite vernaschen, wo man den Bruder nicht sieht! Au ja, sagten die anderen, und sie beschlossen, daß einer Eis besorgen sollte; der könnte dann ja auch gleich Ketchup mitbringen. Werder-Ketchup am besten. Aber natürlich wollte keiner losziehen, weil sich ja dann die anderen vielleicht heimlich doch schon an Herrn Schmidt vergingen. Man kennt das ja, man geht kurz mal Ketchup kaufen, und schon läßt sich die Freundin mit Herrn Schmidt ein.

Da schlug Nikki vor, daß man sich ja fortpflanzen könnte und dann die Kinder schicken. Gesagt, getan, die entsprechenden Organe wurden ausgestülpt, gleich mehrfach, damit´s schneller ging, und dann wurde mächtig losgelegt. Hasso mit Nikki, Fridolin mit Nikki, Hasso und Fridolin zusammen mit Esther, dann Fridolin mit Nikki, Hasso von schräg hinten und Esther mit sich selber, Hasso (»Pfui!«) mit Fridolin, alle vier mit Esther und und und. Schnell waren Hundertschaften von Nachkommen beisammen. Damit man sie auseinanderhalten konnte, wurden sie farbig angestrichen, leider war nur Grün da. Fridolin baute eine Rampe, Hasso inzwischen mit Esther und Nikki, und dann wurden die Kinder in das Weltenall hinausgeschossen. Jedes mit einem schönen Gruß: Junge, komm bald wieder, und bring Eis und Ketchup mit - die Kinder wußten gar nicht, was los war.

Millionen ahnungslose grüne Weichbirnen verteilten sich im Universum, Tausende zerplatzten beim Zusammenstoß mit Beteigeuze IV, zum Beispiel, und zerplatzen heute noch dort. Im Alpha Centauri System spielt man ein Spiel namens »Fang den Hoppeldotter« mit ihnen, eine unsäglich alberne und entwürdigende Sache. Auf dem Planeten Runzel 42 werden sie von den primitiven Stämmen der Huala-Mollusken als Wunderwesen verehrt und brutal den Göttern geopfert, und bei uns halbiert man sie und füllt sie mit Pikantem oder macht Avocadocreme draus. In den unzivilisierteren Teilen des Orion-Nebels werden sie einfach mit Faustkeilen sinnlos zermatscht und dann weggeworfen. In den zivilisierteren Teilen werden sie mit computergesteuerten Kunstoffhämmern sinnlos zermatscht und dann weggeworfen. Jedenfalls ist keines dieser bedauernswerten Wesen je mit Eis und Ketchup zurückkgekehrt, und deshalb haben Hasso, Nikki, Esther und Fridolin letzte Woche frustriert aufgegeben und sind in Lethargie verfallen.

Herr Schmidt hat von all dem gar nichts mitbekommen.

Copyright: Uwe Beneke

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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