Volker Strübing: Ein Ziegelstein für Dörte
Es war einer jener trüben, regnerischen Tage, an denen sich selbst die Tauben in Selbstmordabsicht von Brücken und Hausdächern stürzten. Ich war wie immer gegen 6.00 Uhr morgens aufgewacht, und das war der erste Fehler des Tages. Der zweite und größere war, daß ich Bett und Haus verlassen hatte. Die Pflicht rief, und ich war blöd genug, ihr zuzuhören. Mit hochgeschlagenem Kragen quälte ich mich mißmutig durch den Nieselregen, der von den Abgasen des nahegelegenen Chemiekombinats klebrig wie Schnodder war. Leider schmeckte er nicht so gut. Meine Halbschuhe versanken bei jedem Schritt im Morast, denn in dieser gottverlassenen Gegend kam niemand auf die Idee, sich um die Ausbesserung der Gehwege zu kümmern. Die Menschen, die mir entgegenkamen, wirkten wie Zombies auf dem Weg zur zweiten Beerdigung. Vor mir lagen noch fünf Minuten Fußweg durch die graue Kleinstadthölle.
Fünf Minuten. Nicht viel, wenn man mit einer schönen Frau am Strand von Hawaii lag und exotische Drinks und Sexualpraktiken ausprobierte, aber eine Ewigkeit für jemanden, der wie ich mit seiner Stullenbüchse durch den Regen zum Kindergarten stapfte. Die Zeit verging nicht, sie versickerte langsam im Schlamm.
Irgendwann sind auch die längsten fünf Minuten vorbei. Drohend ragte der düstere Bau vor mir auf. Vor der Tür sah ich Thomas Schlibrowski, den, wie jeden Tag, seine Mutter gebracht hatte und der, wie jeden Tag, heulte, als sie gehen wollte. Klar, Kindergarten war eine Tortur, die einem die Tränen in die Augen treiben konnte, aber daß sich ein Mann so gehen ließ, stieß mich immer wieder ab. Ich blieb etwa fünfzig Meter vor dem Eingang in einer Pfütze stehen und zündete mir eine Zigarette an.
Zumindest hätte ich genau das getan, wenn ich damals schon geraucht hätte. Heute kann ich nicht mehr verstehen, wie ich diese Zeit ohne Zigaretten ausgehalten habe, all die kalten grauen Jahre im Osten, im Würgegriff eines unmenschlichen Systems, das uns schon im Kindergarten erbarmungslos unterdrückte und Friedenslieder singen ließ. Und das alles ohne Zigaretten. »Kleine Feuerchen, an denen sich die Seele wärmen kann«, hat sie mal jemand genannt. Meine Seele blieb ungewärmt bis kurz nach der Einschulung. Ich war schon fast Thälmannpionier, als ich meinen ersten Zigarettenstummel auflas und die segensreiche Wirkung des Tabaks entdeckte.
Ich kaute nur ein bißchen auf dem Westkaugummi rum, den ich letzte Woche verdient hatte. Meine Geschäfte liefen gut, mein Geschäftspartner war ein echter Westler, und für das nächste Mal, daß ich ihm meine kleine Schwester ein Stündchen ausborgte, hatte er mir sogar eine Kinderüberraschung in Aussicht gestellt. Mir konnten die Friedenslieder nichts anhaben, ich hatte den Kapitalismus im Blut. Deshalb hatte ich auch beschlossen, neben meiner offiziellen Tätigkeit als Kindergartenkind als Privatdetektiv zu arbeiten. Den ersten Auftrag hatte ich schon.
Wie bereits gesagt, ich rauchte also nicht und das war auch gut so, denn Thomas Schlibrowski hätte mich bestümpt verpetzt und ich hätte den ganzen Tag in der Ecke stehen müssen, und diese ganze schöne Geschichte wäre nicht passiert. Ich stand einfach so in der Pfütze und musterte die Umgebung. Ich kniff die Augen zusammen, runzelte die Stirn, schob das Kinn vor und guckte sehr markant. Gleich würde ich dieses Mädchen treffen. Ich dachte an ihr langes blondes Haar, an die perfekten Beine, die in knallengen, blaßbraunen Wollstrumpfhosen steckten, an ihre Sonnenbrille... - Nun, eigentlich war es keine Sonnenbrille, denn die waren im Osten Mangelware. Es war eine rosafarbene Hornbrille, und ein Glas war mit einem Pittiplatsch-Bild zugeklebt. Ich dachte daran, wie sie gestern in mein Leben getreten war...
Eigentlich hätte die Szene von einem Saxophonsolo untermalt sein müssen, aber wir lebten im Osten, und man hörte nur kakophonisches »Alle Menschen brauche-hen Frieden«-Gejaule aus dem Nachbarzimmer. Kurz nach dem Mittagsschlaf kam sie ganz langsam auf mich zu, das grelle Neonlicht spiegelte sich in ihrem freigebliebenen Brillenglas, und sie roch anregend nach Kernseife. Sie wußte, wie man mit Männern umging. Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. Ihre Beine waren leicht gespreizt, gerade genug, um die Sinne zu verwirren, ohne wirklich anstößig zu wirken. Ich wußte nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte: auf die dicken Wollnähte an den Innenseiten ihrer Schenkel, die erst verdammt weit oben unter ihrem etwas hochgerutschten karierten Kunstfaserrock verschwanden, oder auf ihren lasziv geöffneten Mund mit seinen strahlend weißen Milchzähnen.
Bleib ruhig, Volker, dachte ich mir, mach dir nur keine Illusionen. Wenn eine solche Frau sich dir nähert, will sie dich sicher bloß ausnutzen. Das ist doch eine ganz Abgebrühte! Aber abgebrüht war ich auch.
»Was macht ein Mädchen wie du in einem Kindergarten wie diesem?« fragte ich sie und blickte scheinbar unbeteiligt. Sie begann zu erzählen und verriet mir ihren Namen, Dörte, den ich freilich schon kannte, denn die Formulierung »wie sie gestern in mein Leben getreten war« habe ich vorhin nur aus Stilgründen verwendet. Seit ich in den Kindergarten ging, waren wir in derselben Gruppe, und ich hatte sie schon oft mit den andern Jungs zusammen verkloppt.
Genau darum ging es auch. Sie hatte erfahren, daß ich als Privatdetektiv tätig war und wollte mich für den Personenschutz engagieren.
»Baby, ich bin Schnüffler, kein Schläger«, sagte ich abschätzig.
Sie wies stumm auf den blauen Fleck an ihrem Oberarm, den ich ihr gestern verpaßt hatte.
Gutes Argument. Sie bot mir eine Leberwurststulle als Vorschuß und einen West-Gummibär Erfolgshonorar für jeden Tag, an dem sie nicht verkloppt wurde. Ich akzeptierte. Ich war jung und brauchte die Gummibären. Wir einigten uns mit einem Handschlag, und ich erhielt die Leberwurststulle.
Mein erster Arbeitstag. Ich spuckte den Kaugummi in die Pfütze - ich hatte schon drei Tage auf ihm rumgekaut und würde mir heute sowieso ein Gummibärchen verdienen. Ich atmete tief durch... - und mußte fürchterlich husten. Es war nicht gesund, im real existierenden Sozialismus mit seinen Braunkohlekraftwerken und Chemiekombinaten Nichtraucher zu sein. Mit einer Fluppe im Mund atmete man wenigstens durch einen Filter.
Endlich ging der Hustenanfall vorbei. Schlibrowski verschwand flennend im Kindergarten, und nachdem ich nochmal all die gestern Abend einstudierten warnenden Blicke und markigen Sprüche rekapituliert hatte, setzte ich mich ebenfalls in Bewegung. Das Gebäude war leer. Wenn es regnete, wurden wir alle in den Garten geschafft und über die Sturmbahn gehetzt. Zwecks Abhärtung. Nur bei Sonnenschein durften wir drinbleiben und mit den Spielzeugpanzern spielen.
Ich ging in den Garten. Ich war spät dran. Die andern robbten schon durch den Schlamm, wobei sie laut »Immer lebe die Sonne« singen mußten.
Wie immer war Oliver Greulich als erster mit der Sturmbahn fertig.
Lässig schlenderte er zu mir herüber und wischte sich mit der Linken den Schlamm aus dem Gesicht. Ziemlich cooler Typ.
»Hi Volker, haste ja Glück gehabt. Sturmbahn ist gleich vorbei. Mußt bloß noch beim Luftgewehrschießen mitmachen.«
Ich zuckte lächelnd mit den Schultern.
»Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben«, sagte ich. Mein Standardsatz jener Jahre, der später oft - und durch die Übersetzung ins Russische, in dem es ja bekanntlich keine Worte für Belohnung gibt, völlig entstellt - zitiert werden sollte.
Oliver sah sich um. Auf der Sturmbahn kämpfte der Schlibrowski heulend und vergeblich mit der Eskaladierwand.
»Na, wird wohl doch noch ein bißchen dauern«, grinste Olli. »Woll´n wir solange Dörte verkloppen?«
Ich überlegte. Sollte ich sofort Tacheles reden oder besser erst die ganze Meute zusammentrommeln, um dann allen gemeinsam zu verklickern, daß Dörte ab jetzt tabu war und man bitteschön Juliane verprügeln sollte?
»Okay Olli, ruf die Jungs zusammen!«
Fünf Minuten später standen wir alle um Dörte herum. Olli griff nach Ihrem Haar, aber ich packte seinen Arm und hielt ihn zurück.
»Warte! Ich muß euch etwas sagen.«
Dörte strahlte wie ein Super-GAU, und ich fühlte mich plötzlich unglaublich schäbig. Wie tief war ich nur gesunken? Sollte man in meinem Alter nicht ein glühender Idealist sein, ein Träumer, der die Welt verbessern will und an wahre Freundschaft und die klassenlose Gesellschaft glaubt? Reichte es nicht, wenn ich mit, sagen wir, dreizehn Jahren zum Zyniker und gewissenlosen Geschäftemacher wurde? Noch war ich nicht zu weit gegangen, noch konnte ich umkehren!
»Ich muß euch etwas sagen. Dörte hat die trockensten Leberwurststullen der Welt, und niemand sollte für ein paar Gummibärchen seine Ideale verraten!«
Und dann hab ich einen Ziegelstein genommen und Dörte auf den Fuß geschmissen.