Ahne: Hase in der Großstadt
Ein Hase sitzt vor unserem Haus. Er ist traurig oder wütend, wer weiß das schon genau. Er blickt sich in der Gegend um. Vielleicht ist er neu hier in Berlin? Vielleicht kennt er nur grüne Wiese, rote Mohrrüben und kuschelige Hasennester? Ich werde ihm mal eine Nuß runterschmeißen. Klonk! Voll auf den Kopf geklonkt. Hat sich erschrocken, der niedliche Gesell. Guckt jetzt hoch zu mir, zu meinem Fenster. Ich entschuldige mich in aller Form: »Entschuldigung Hase vielmals, war eine Nuß, liegt jetzt da unten neben dir. Iß sie doch mal!« Der Hase weiß nicht genau, ob er jetzt verarscht wird. Er hopst einen Hops zur Seite. Dann schnuppert er an der Nuß, betastet sie vorsichtig mit seinen Vorderpfoten, und KAWUMM zerplatzt er in tausend Stückchen. Au weia! Da hab ich wohl die Schubladen verwechselt. Stimmt! Die Nußschublade war eine höher. Ich hatte eine als Nuß getarnte kleine Stubsbombe runtergeschmissen, aus der Stubsbombenschublade, die eine drunter ist.
Verdammte Großstadt! Immer macht man was falsch! Immer gibt es was zu verwechseln! Jetzt ist der Hase wohl hinüber. Dabei mag ich Hasen so gerne. Sie sind so putzig und fressen Fliegen und Mücken. Viele, viele Hasen bräuchten wir in Berlin. Vielleicht sollte ich eine Hasenzucht gründen? Mein Vergehen wieder gut machen? Doch erstmal muß ich unten saubermachen. Sonst rutscht noch jemand aus auf den Hasenstücken. Ich hole Handfeger und Müllschippe. Hach, die sind ja noch ganz dreckig. Da hängen ja Känguruhbeine dran. Wer hat denn als letztes Känguruhbeine aufgefegt? Bestimmt Simone. Hat sie bestimmt wieder mal was verwechselt. Die kommt doch auch nicht klar mit der Großstadt. Die gehn gar nicht raus aus dem Handfeger, die Känguruhbeine. Na dann laß ich sie eben drin. Blöde Känguruhbeine! Die kleben ja wie Klebstoff. Egal.
Auf dem Weg runter zur Straße mach ich mir Gedanken über unsere Gesellschaft. Die ist gar nicht so gut. Soviel Leute sind unglücklich.
Ich fege alles ordentlich auf. Frau Menkemenk kommt vorbei. Sie kann Hasen nicht leiden. »Na, hat´s wieder einen erwischt? Dieses Gesindel!«
Frau Menkemenk ist seit 1993 arbeitslos. Ihr Mann ist schwul geworden, und die Kinder arbeiten als Ölwegwischer auf einer Bohrinsel bei Lappland. Sie schiebt alles auf die Hasen. »Immer diese Hasen«, sagt sie oft. »Ach, Frau Menkemenk«, antworte ich, »die Hasen können doch wirklich nichts dafür. Sie fressen Fliegen und Mücken und sind putzig anzuschaun.«
Doch Frau Menkemenk ist schon wieder verschwunden und hat außerdem gar nicht zugehört, glaub ich. Ja, in der Großstadt geht alles so schnell. Hasen kommen, Hasen zerplatzen. Frau Menkemenk ist da, Frau Menkemenk ist weg, hat noch nicht mal zugehört, und ich verwechsel alles ständig.