Gunar Klemm: Wanderer, kommst du nach Mecklenburg - Vorpommern ...
... dann sieh zu, wie du dort schnellstens wieder weg kommst! Das ist nicht nur so dahin gesagt, nein, das ist ein Erfahrungswert. Jeder, der sich einmal in die Weiten des o. g. Bundeslandes verirrt, fragt sich früher oder später, warum die anrückenden russischen Truppen zum Ende des zweiten Weltkrieges sich überhaupt die Mühe machten, diese Sandgrube Deutschlands zu befreien, bzw., je nach politischer Einstellung, warum die deutschen Truppen massig Menschen und Material aufboten, um die Sahelzone des Reiches zu verteidigen. Hat sich denn noch nie jemand gefragt, warum es die Polen ablehnten, M-V als Gebietsausgleich zu nehmen und sich stattdessen Schlesien unter den Nagel rissen? Die Tatsache, daß M-V immer noch zu Deutschland gehört, ist einzig und allein als fortgesetzte Bestrafung für´s Nachbarländerüberfallen zu verstehen.
Aber genug gelästert. Kommen wir zu den guten Seiten des nordöstlichsten Bundeslandes. Als erstes wäre da die dünne Besiedelung zu nennen. Ein unschätzbarer Vorteil, denn gerade deswegen kommt M-V fast ohne Autobahnen aus. Wer fährt denn schon freiwillig in Orte, die Dauzgin oder Jatznick heißen und aus ungefähr drei Schnitterkaten und einem geschlossenen Dorfkonsum bestehen. Überhaupt hat man den Eindruck, daß die Einwohner M-Vs ihre Häuser nur gebaut haben, weil irgendwann mal ein Waggon Backsteine auf dem »Bahnhof« von Mecklenburg entgleist ist.
Der Mecklenburger selbst ist total naturverbunden. Das sieht man daran, daß überall naturbelassene Felder, Wiesen und Naturschutzgebiete zu sehen sind. Wobei die geschützten Naturwunder oftmals ein Schmunzeln auf die Gesichter der wenigen Besucher zaubern. Exemplarisch seien hier nur die Bodhener Berge erwähnt. Die Suche nach eben diesen Bergen kostete mich mehrere Stunden, und als ich schon entnervt aufgeben wollte, fand ich in einem Gebüsch einen Einheimischen, der mir den Tip gab, wieder ca. dreißig Kilometer zurückzufahren, und dann sähe ich sie auch schon linker Hand. Nun kann man den Begriff Berg ja sehr unterschiedlich auslegen, jedoch wäre der Sandhaufen, den mein Vater sich zum Zwecke des Einfamilienhausbaues auf´s erzgebirgische Grundstück schütten ließ, wahrscheinlich der Mount Everest der Bodhener Berge gewesen. Jedenfalls wurde im Rest Deutschlands zu derartigen Bodenwellen noch nie Berg gesagt.
Ein weiteres Indiz für die Naturverbundenheit der Mecklenburger sind die Baumpatenschaften. Ja, es möchte fast so scheinen, als wären die Mecklenburger die Spitzenreiter unter den deutschen Baumpaten. Ihre Baumverliebtheit geht soweit, daß sie vielen Bäumen Namen geben. Besonders beliebt sind dabei Alleebäume, die es in M-V häufig gibt. Manche von denen haben sogar bis zu drei Namen. Die Namen der Bäume schreibt man in Mecklenburg auf den Querbalken eines Holzkreuzes, das dann an den jeweiligen Baum genagelt wird. Auf meiner Reise nach Usedom kam ich an Bäumen namens Michael, Mirko, Sebastian, Christian und Marco vorbei, um nur einige wenige zu erwähnen. Die meisten waren festlich geschmückt, mit Blumen und Kerzen.
Ist man dann weit genug nach Norden gefahren, kommt man an die Ostsee. Die Ostsee wurde von den Schweden dorthin geschüttet, um die Mecklenburger Autofahrer daran zu hindern, nach Schweden zu gelangen. Dieser recht cleverere Schachzug wurde jedoch durch die Erfindung von Autofähren durchkreuzt, und so übernahmen kurz nach der Grenzöffnung etliche Mecklenburger auch Baumpatenschaften in Skandinavien. Als dann in Schweden fast keine herrenlosen Bäume für die einheimische Bevölkerung mehr übrig waren, kam einem Suchtberater aus Stockholm die geniale Idee, daß man den Preis für ein kleines Bier auf ca. das Doppelte des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Mecklenburgers anheben müsse, um dem Treiben Herr zu werden. Seitdem schaffen es die Mecklenburger nicht mehr von der Fähre bis in die schwedischen Wälder und bleiben zuhause. Dort lungern sie nun an der Küste heru m und haben von Osttourismus auf Westtourismus umgestellt. Während es noch vor weniger als hundert Jahren ein beliebter Feierabendzeitvertreib der Küstenbewohner war, mittels falscher Leuchtfeuer und Seezeichen ahnungslose Schiffsführer auf den Strand laufen zu lassen, die Besatzungen zu ersäufen und sich mit dem Strandgut ein behagliches Leben zu machen, läßt man heutzutage den Hühnerstall tapezieren und vermietet ihn für Westgeld an Berliner Gymnasiallehrer.
An der Geschäftstüchtigkeit der Küstenbewohner merkt man auch, daß sich hier im Gegensatz zum Landesinneren M-Vs der Verwandtenbeischlaf in Grenzen gehalten hat, wahrscheinlich, weil man früher doch nicht alle Schiffbrüchige, aus welchen Gründen auch immer, zurück ins Wasser gestoßen hat. Deshalb ist es an der Küste M-Vs nur schwer möglich, die Einheimischen anhand ihrer anatomischen Merkmale einem bestimmten Dorf zu zuordnen, wogegen im Landesinneren oftmals ein Personalausweis pro Ortschaft ausreichen würde.
Ein weiterer Schritt in Richtung Entvölkerung M-Vs war der Bau einer Tankstelle für Normalbenzin in Mecklenburg, da die Einheimischen nun vom Trecker auf Golf GTI umgestiegen sind, was ja an sich noch nichts Verkehrtes ist. Bedenkt man jedoch, daß aufgrund der jahrzehntelangen Treckererfahrung das »Bis-zum-Anschlag-Durchtreten« des Gaspedals zum festen Bestandteil des genetischen Codes der Menschen dort geworden ist, sieht die Sache schon ganz anders aus. Einen Traktor trägt es nunmal nicht so schnell aus der Kurve, und wenn, dann ist der abrupte Stop durch einen jahrhundertealten Alleebaum vom Typ Deutsche Eiche bei Tempo 25 noch lange nicht so folgenreich wie ein plötzliches Abbremsen von Tempo 150 auf 0.
So schreitet die Industrialisierung M-Vs nur schleppend voran, wahrscheinlich, weil die durchschnittliche Lebenserwartung eines Arbeitnehmers mit gültigem Führerschein der Klassen 1, 2 oder 3 hier so gering und außer für Autoverwerter, Karosseriebauer und Bestatter hier sowieso kein Markt ist.
