Gabi Schlaug: Nachts am Fenster
Wer im ländlichen Bayern aufwächst, dem ist der Tod immer sehr nahe. Viel Zeit wird dort auf den Friedhöfen verbracht, jeder Beerdigung wird beigewohnt, von klein auf, irgendwann hat man jeden Dorfbewohner einer bestimmten Generation tot gesehen. Naturgemäß sterben auch dort die Männer früher als die Frauen, auffällig viel früher.
Überdurchschnittlich viele hängen sich auf, springen von Dächern oder erschießen sich. Sie beherrschen ihre Arbeit, ihre Frauen und schließlich auch den Tod. Sie sterben, wann sie wollen.
Zurück bleiben trauernde Witwen, die nun einen Großteil ihrer Zeit auf dem Friedhof totschlagen, mit für Außenstehende absurd anmutenden rituellen Beschäftigungen: Es kommt vor, daß sie mit Picknickkörben, in denen sich Thermoskannen und Wurstbrote befinden, anrücken, um die Grabsteine und Grabeinfassungen mit schäumenden Putzmitteln zu reinigen. Natürlich haben diese Aktionen eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion: gemeinsame Trauerarbeit. Allerdings kann der Reinlichkeits- und Ordnungswahn auch die Form eines Wettbewerbs annehmen, bei dem alle Pietät verloren geht. So stellen die viermal jährlich stattfindenden Neubepflanzungen der Gräber die Herausforderung dar, möglichst extravagante, noch nie gesehene und trotzdem friedhofstaugliche Pflanzen und Blumen so schön auf den Ruhestätten zu arrangieren, daß alle anderen Grabinhaberinnen beim heimlichen Rundgang vor Neid erblassen. Als größte Niederlage gilt die Imitation, da sie die öffentliche Anerkennung jener, die das neue Grünzeug entdeckte, bedeutet. Wer nun konventionellem Friedhofsgewächs den Vorzug gibt, muß zumindest dafür sorgen, daß dieses üppig wuchernd gedeiht. Da hilft nur eines: düngen, düngen, düngen. Das ist auch eine so geläufige Praktik, daß die Verseuchung des Bodens weniger auf die Leichen als auf die totale Überdüngung zurückzuführen ist.
Eine Witwe sah sich über einen langen Zeitraum mit ganz und gar unappetitlichem Pflanzensiechtum konfrontiert. Sie ahnte Böses, Feindschaft, Rache und stellte rings um ihr Grab Schilder auf, auf denen geschrieben stand: Hände weg vom Grab meines Mannes. Als das nicht half, setzte sie eine unübersehbare Anzeige gleichen Inhalts ins Gemeindeblatt. Ohne Adressaten, versteht sich. Diejenigen, die ihre Blumen vergifteten, wüßten schon, daß sie gemeint waren. Das Blumensterben nahm kein Ende, und man munkelte, daß die Witwe aufgrund ihres enormen Düngerverbrauchs, von dem sie nicht ablassen wollte, ihre Pflanzen selbst vernichtete.
Unter solchem Einfluß beginnt man frühzeitig, sich über die Bepflanzung des eigenen Grabes Gedanken zu machen. Mit zehn Jahren, als das Gefühl von Unsterblichkeit, wie es Kinder haben, durch das obsessive Leichenbetrachten restlos ausgelöscht war, fing ich an, Bestellungen bei meiner Mutter aufzugeben. Ich wollte es immer schön schlicht haben, am liebsten Moos, nur Moos.
Einmal, als ich Bayern längst verlassen hatte und zu Besuch dort war, fand ich mich mitten in der Nacht am offenen Fenster wieder, beim einzig durch die Zimmerpflanzen vereitelten Versuch, wie selbstverständlich hinaus zu springen. Als beim Aufwachen die Erinnerung wieder einsetzte, war ich sehr erschrocken über dieses mir bislang unbekannte Bedürfnis. Vor der nächsten Nacht arrangierte ich extra große Stechpalmen dort so, daß es mir noch mehr Mühe machen würde, sie zur Seite zu schieben, um das Fenster öffnen zu können. Auch dieses Mal wachte ich erst auf, als mir die Arbeit schon zu schwer geworden war.
Ich war entsetzt, eine Abart des bayrischen Todesdrangs hatte von mir Besitz ergriffen. Mein männliches Element kehrte sich nun in fataler Weise nach außen. Anfänglich geschah dies nur bei meinen Aufenthalten in Bayern, doch mit der Zeit verschleppte ich den Drang, nachts zum Fenster zu gehen, mit nach Berlin...
fin