Hinark Husen: Ich scheiss auf Drag-Queens
Für jeden ständigen Homo kommt einmal der Zeitpunkt, wo er sich entscheiden muß, Tunte zu werden oder weiterhin als Dorfschwuler durch die Gegend zu laufen. Dorfschwule, das sind die eher biederen Normalo-Schwulen, bei denen man schon mal öfter hingucken muß, bevor man zu dem Schluß gelangen kann, auch sie haben längst das Weibliche in sich selbst entdeckt und sind deshalb auf der Suche nach einem ebenso biederen Kerl.
Dorfschwule sind Langweiler und begeben sich eher selten in die Szene. Sie erwarten, den Mann ihres Lebens in ihrem stinknormalen Umfeld zu treffen. Das führt gelegentlich zu Irritationen bei jenen Männern, die noch gar nicht wissen, daß sie dorfschwul sind. Viele sind auf jeden Fall bei der Suche alt geworden und griesgrämig gestorben. Als Dorfschwuler ist man allerdings erst mit 35 richtig alt, eine Tunte kommt spätestens mit 27 in ihre erste Midlife-crisis.
Ich bin 32 und auch noch immer Single. Wen wundert es da, daß auch ich von Zeit zu Zeit dem Tuntendasein anheimfalle und mich im Rahmen meiner Möglichkeiten in Schale werfe, oder besser gesagt: im Rahmen der Kleiderausbeute aus den Schränken meiner weiblichen Bekanntschaft. Den letzten Anfall in dieser Richtung hatte ich Silvester 1989 auf Rügen. Anscheinend gibt es gewisse Orte, die bei mir Hormonstörungen auslösen. Vielleicht aber war es ja auch nur die Endzeitstimmung der achtziger Jahre, oder ich wollte einfach mal wieder Andreas Scheffler ärgern, oder das psychedelische Tapetenmuster des FDGB-Wohnheimes, in dem wir untergebracht waren, hat mich aus der Bahn geworfen.
Egal - steckt Mann erst einmal im Fummel, dann ist es mit der Gedankenschwere sogleich vorbei. Kein noch so großer Chauvi denkt derart mit dem Schwanz, wie Drag-Queens es tun. Platteste Geilheit wird zum Programm. Worte wie Putzi, Schnurzelchen oder Hasimausi mäandern über kirschrot beschmierte Lippen und verströmen den süßlich-fauligen Geruch pseudo-weiblicher Debilität.
Von oberflächlich zu sprechen, wäre eine Beleidigung für jene wirklich oberflächlichen Zeitgenossen, die immerhin gelegentlich noch Sätze zu formulieren im Stande sind, die Sinnhaftigkeit erahnen lassen können.
Wie soll man auch von innerer Tiefe sprechen können, wenn selbst die äußerlichen Körper-Erhebungen falsch sind.
Wandelnde Seifenblasen, die sich auch noch als Künstler gerieren, wenn sie 20 Jahre auf wechselnden Bühnen so tun, als würde Gloria Gaynor »I will survive« intonieren, dabei sind die Playbacktrinen schon bedeutend verwester als Gloria G. oder Hildegard K. es je sein werden.
Aufgerüschte Totgeburten, die das Öffnen und Schließen des Mundes zu passender Musik auch noch für eine Fertigkeit halten, die sie dazu berechtigt, im Chez Nous oder La vie en rose 50 und mehr Märker aus den Taschen debiler Heteros und verschämt dorfschwuler Touristen zu ziehen.
Kürzlich war ich auf einem Drag-Queen-Festival in der Columbia-Halle. Eintritt 17 Mark, im Fummel 12 Mark. Einige Lederkerle waren auf die geniale Idee gekommen, ein paar Mark zu sparen, indem sie sich einfach eine Clowns-Perücke aufsetzten. Echt fummelig, so richtig raffiniert waren jene Perfektionisten, die unterhalb des Bauchnabels nur Nylonstrümpfe trugen sowie einen Tanga-Schlüpfer, mit dem sie sich ihre Geschlechtsteile zwischen die Beine geqetscht hatten.
In Leistungssport artete die ansonsten zäh dahinfließende Veranstaltung jedesmal dann aus, wenn irgendwo im Saal ein Blitzlicht aufleuchtete. Dann hechelten blonde, brünette, grüne und pinkfarbene Bankkaufleute und Versicherungsvertreter fanatisch in Richtung der Lichtquelle, um ihre entleerte Feierabendexistenz den schwitzenden Pressefotografen von BZ und Morgenpost aufzudrängen.
Da bleib ich denn doch lieber Dorfschwuler und behalte mein bißchen Großhirnrinde. Denn, um etwas abgewandelt den Doktor zu zitieren: »Drag-Queen ist gleich aus Scheiße Torte backen!«