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Andreas Scheffler: Kinderspiele

Das Einsetzen der Pubertät hat auch etwas Gutes: Sogenannte Kinderstars verschwinden von der Bildfläche. Ich bin ein großer Freund des Fernseh- und Videoguckens, aber ich habe mir niemals einen Film mit Macauly Culkin angesehen. Schon wenn ich in einem Trailer diese Fresse sehen muß, aus der schon ungehört Sätze wie »Dad, vom Rauchen bekommt man Lungenkrebs« herausschlaumeiern, kriege ich die Motten und will meine Faust wie einen Dampfhammer auf den Bildschirm abschießen. Aber jetzt ist Macauly Culkin (schon dieser Name!) weg vom Fenster. Pickelige Jungs, die ihre altklugen Sprüche im Stimmbruch ablassen, will mit Recht keiner sehen. Im richtigen Leben kommt man da leider nicht drumherum.

Lichterfelde Süd - ein saturierter Stadtteil Berlins. Ich stehe an der Bushaltestelle und warte auf den 180er nach Lichterfelde Ost, 20 Minuten lang, denn wie üblich ist mir der letzte Bus vor der Nase weggefahren. Die Haltestelle scheint ein Treffpunkt der gerade in die Pubertät eintretenden Kinder zu sein. Fünf etwa Zwölfjährige auf Inline-Skates spielen Autofahrer-Erschrecken. Immer wenn ein Fahrzeug kommt, tut einer so, als rollte er versehentlich vor die Motorhaube. Das Auto bremst ab, die Kinder flüchten, und der Fahrer flucht. Das geht eine Weile so, da wird es ihnen langweilig. Ich zünde mir eine Zigarette an. »Ich würde ja niemals rauchen«, höre ich auf einmal einen der Zwerge, »nur bei besonderen Gelegenheiten mal einen Joint.« Ich muß an Macauly Culkin denken.

»Ey, du Schwuler!« brüllt ein anderer und während er an mir vorbeirollt: »Ich hab nicht Sie gemeint.« Natürlich hat er das. Die Gruppe feixt und grinst debil in meine Richtung. Ich sage nichts. »Roll auf die Straße und laß dich überfahren«, denke ich. »Schwarze Mäntel sehen echt so scheiße aus«, kräht ein weiteres Kind. Ich trage einen schwarzen Mantel, bleibe aber äußerlich ruhig. Jetzt spielen sie Autos-Anspucken und Weglaufen. Aber Kinder dieses Alters sind nicht mit der Gabe der Ausdauer bestückt. Bald herrscht wieder Langeweile. Ich koche noch immer innerlich; aber jetzt müßte gleich mein Bus kommen, mich von diesen Südberliner Nervensägen zu befreien. Ich blicke die Straße hinunter und sehe sie die Köpfe zusammenstecken und tuscheln. Sie sind unvorsichtig, ich kann sie zum Teil verstehen. Einer soll an mir vorbeifahren und mich anspucken. Dann würden alle in den Park flüchten. Sie können sich nur noch nicht einigen, wer spuckt.

Macht schon, denke ich, entscheidet euch. Gleich kommt mein Bus. In meiner Umhängetasche stecken vier Dosen Bier. Ich halte meine improvisierte Keule am Riemen bereit. Los, komm und spuck. Und dann fetze ich dich von deinen blöden Rollschuhen. Vielleicht fällst du auf die Straße, und es kommt gerade ein Auto. Ein tragischer Unfall. Und ich würde mir genüßlich eine Zigarette anzünden. Am liebsten wäre mir der kleine Blonde; sieht ein bißchen aus wie Macauly Culkin. Vielleicht verwandelt sich Babyface ja heute noch in Scarface. Na, Ihr kleinen Scheißer, wie wär´s mit etwas mehr Entscheidungsfreude!

Da kommt mein Bus. So ein Mist. In Lichterfelde Ost denke ich »auch gut« und mache mir ein Bier auf.

Zeichnung von M.S. Bastian

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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