Falko Hennig: Zweimal Rhodos und Zurück
Ich las mir nochmal den Euro-Schutzbrief vom ADAC durch. Das war ja unglaublich, was die alles versprachen. In ganz Europa und in allen Anliegerstaaten des Mittelmeeres würden sie das Auto reparieren, sie würden die Ersatzteile schicken, sie würden einem das Hotel bezahlen. Und falls man krank werden sollte, dann würden sie einen nach Hause fliegen.
Bei einem Schaden, der sich nicht am nächsten Werktag reparieren ließ, würden sie einen Leihwagen bezahlen oder die Reisekosten. Ich las es mir zweimal durch, die Reisekosten für alle Insassen zum Zielort und zurück zum Schadensort. Das war großartig, doch das einzige Problem war dieser abgesägte Trabbi. Er war nicht zugelassen, und der Motor war auch irgendwie kaputt. Denn, so stand es auch in dem Schutzbrief, man mußte schon mindestens 50 Kilometer vom Wohnort entfernt sein, sonst würden sie nicht einspringen.
Ich fragte Zitze, einen Nachbarn, der einen großen Citroen hatte, ob er mich hinausschleppen könne bis außerhalb dieses magischen 50-Kilometer-Kreises, und er stimmte zu. Es war schon ziemlich kalt, der Winter hatte längst begonnen. Es war Nacht, und ich saß in dem abgesägten Trabbi. Der Wind pfiff mir um die Ohren. Ich hatte dicke Handschuhe an und eine Mütze auf, und trotzdem fror ich schon nach wenigen Minuten Fahrt.
Meinen Rucksack hatte ich auf dem Beifahrersitz stehen, wir rollten über die nächtliche Autobahn Richtung Dresden, bis wir endlich eine Raststätte erreichten. Zitze stoppte, wir lösten das Abschleppseil. Er wünschte mir Glück und fuhr wieder zurück nach Berlin. Ich ging mich erstmal aufwärmen in dem Restaurant. Dann telefonierte ich mit dem ADAC: »Ja, ich bin hier liegengeblieben. Mein Trabbi springt einfach nicht wieder an. Können Sie mal eine Pannenhilfe vorbeischicken?«
Ich setzte mich wieder in das Restaurant, trank noch einen Kaffee und schaute durch das Fenster, ob das gelbe Fahrzeug der Pannenhilfe endlich auftaucht. Dann war es soweit, es war ein großer gelber Abschleppwagen. Ich lief raus, winkte ihm und zeigte auf mein Auto. Der Mann stieg aus, ich sagte: »Ja hier, der Trabbi, er lief schon vorher schlecht, aber jetzt kriege ich ihn überhaupt nicht mehr an.« Der Mechaniker beugte sich runter, drehte an dem Motor und sagte: »Sie sind damit bis hierher gefahren? Das verstehe ich nicht, der hat ja überhaupt keine Verdichtung mehr.«
»Naja«, sagte ich, »er fuhr ja auch schon ganz schlecht.«
»Da kann ich hier nichts machen, der muß in die Werkstatt.«
»Schade, ich wollte noch weiter fahren, nach Österreich.«
Er sah mich ungläubig an: »Nach Österreich? In diesem Auto?«
»Ich will sogar noch weiter, nach Griechenland.« Er schüttelte den Kopf und hakte den Trabbi fest und zog ihn auf die Ladefläche.
»Ist die Werkstatt noch besetzt um diese Zeit?«
»Nein, da ist erst morgen wieder jemand. Ich nehm Sie mit bis in die Stadt.«
Wir fuhren, er brachte den Trabbi in die Werkstatt. Ich ging zum Bahnhof der Kleinstadt, legte mich in meinem Schlafsack auf eine Bank und schlief. Am Morgen in der Werkstatt fragte ich: »Und? Bis wann kriegen sie ihn wieder hin?«
Der Chef der Werkstatt sah mich zweifelnd an: »Wollen Sie den wirklich reparieren lassen?«
»Das kommt drauf an, bis wann hätten Sie ihn denn fertig?«
»Na, diese Woche würde das nichts mehr.«
Das war die Antwort, auf die ich gehofft hatte. Ich ließ mir nichts anmerken und sagte: »Das ist aber ärgerlich. Ich muß doch weiter, ich will nach Griechenland. Können Sie mir das schriftlich geben, daß Sie ihn nicht schneller repariert kriegen?«
»Wenn Sie wollen.« Er schrieb es auf einen Zettel, machte einen Stempel drunter und reichte ihn mir. »Und was soll mit dem Auto werden?«
»Ich bin dann weg für ein halbes Jahr. Da kann er ja sicher nicht bei Ihnen stehen bleiben, oder?«
»Nein, nein, auf keinen Fall.«
»Dann muß ich ihn leider verschrotten lassen.«
Ich zahlte die 200 Mark für das Verschrotten und ging wieder zum Bahnhof. Ich reichte den Reisescheck aus dem Euro-Schutzbrief durch die Luke und sagte der Fahrkartenverkäuferin: »Ich hatte eine Panne. Bitte eine Fahrkarte nach Rhodos, auf Griechenland.«
Sie sah mich an, schaute auf den Scheck und sagte: »Das geht hier nicht.«
Sie ließ nicht mit sich reden, nein, das ging nicht, trotz Schutzbrief und Schreiben der Werkstatt. Ich stieg in den Zug und fuhr nach Berlin Schönefeld. Dort reichte ich meine Dokumente durch das Fenster und sagte: »Zu zweit, wir sind zu zweit. Nach Rhodos wollten wir.«
Wieder war die Beamtin irritiert: »Nach Rhodos? Sie wollen nach Rhodos, Griechenland? Aber da fährt doch keine Bahn hin.«
»Aber hier steht doch in dem Schutzbrief: Reisekosten in Höhe einer Bahnfahrt für alle Insassen zum Ziel und zurück zum Schadensort. Eigentlich müssten wir schon längst unterwegs sein. Aber Ihre Kollegin in der Kleinstadt wollte uns die Tickets nicht ausstellen.«
Die Beamtin telefonierte hin und her, mit Vorgesetzten, mit dem ADAC, dann begann sie die verschiedensten Papiere aneinanderzuheften, und dann reichte sie mir zwei Tickets durch die Luke, zweimal Berlin - Rhodos und zurück, Wert pro Ticket: 785 Mark.