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Jürgen Witte: Aussterbende Produkte X & XI

Das Küchenbuffet mit Glasschütten und die Eckbank

Manche Dinge sind durchaus praktisch. Stabile Verpackungen z. B., sowas wirft man doch nicht einfach weg. Mutter besaß einige Plastikdosen von Frielokaffee. In den Fünfzigern gekauft, als Kaffee noch per Post und Abo aus Bremen ins Haus kam. Eine dieser dünnen, brüchigen Dosen dient bis heute zur staubdichten Aufbewahrung Oetkerscher Backzutaten, die ja nach wie vor in einfachen, staubdurchlässigen Papiertütchen gehandelt werden. Niemals ging meine Mutter soweit, Jogurtbecher auszuspülen und aufzubewahren, von Anbeginn an aber sammelte sie ihre Plastiktüten, die, in jenen Tagen zwar noch in jedem Supermarkt gratis ausgegeben, dennoch einen Wert darstellten, den man hütete, um ihn beizeiten sinnvoll weiterzuverwenden.

Und so stellt sich bis heute, wo man für die Dinger auch noch bezahlen muß, in allen deutschen Küchen das Problem: Wo und wie lagert man Plastiktüten? Es gibt dafür keinen Platz. Aus Schränken und Schubladen quellen sie einem entgegen. In jungen Single-Haushalten hängt ein größeres Exemplar am Ikearegal, und man stopft es mit den nachfolgenden Tüten voll, bis der buntbedruckte Beutel dick und prall wird. Auch kein gutes System. Eines Tages braucht man mal eine der Tüten, und all die Knäuel müssen rausgewurstelt und geradegezogen werden, bis endlich eine Tüte passender Größe gefunden ist.

In einer Küche soll doch alles praktisch sein. Meine Mutter trauerte noch lange den Glasschüben für Gewürze an ihrem alten Küchenbuffet nach. Das ganze Büffet erwies sich im Laufe der Zeit aber doch als weniger praktisch. Ein Ausbund von Geschmacksverirrung, angelegt als dreiflügliger Hauswirtschaftsaltar mit mittigem Vitrinenteil und karger Abstellfläche neben dem asymmetrisch angeordneten Brotfach. Mutter wurde der wulstige Riesenschrank schon nach dem ersten Umzug zur Last. Ein Seitenflügel fiel gar der Enge der neuen Küche zum Opfer und landete im Keller.

Aber sie liebte ihre Glasschütten. Bis zum Schluß hat sie darin Salz, Zucker und weiteres, beim Kochen und Backen häufig gebrauchtes Mahlgut aufbewahrt.

In anderen Haushalten wurden diese Glasschübe längst als Krimskramsschublädchen für Gummiringe, Rabattmarken und anderes kleinteiliges Stückgut des Alltags zweckentfremdet.

Ende der Sechziger dann fand sich plötzlich ein weiteres, vermeintlich äußerst praktisches Möbel in unserer Küche: Die Kücheneckbank. Nicht holzfarben, rustikal und mit dickem Wollstoff bezogen; wir bekamen für die enge Neubauküche eines der moderneren Modelle. Billig, aus weiß lackiertem Preßspan mit verchromten Stahlrohrfüßen und bezogen mit blauschwarz meliertem Vinyl. Eine Bank, die zwar um die Ecke ging, auf der man sich aber keinesfalls in die Ecke setzen sollte. Wohin mit den Beinen? Das stützenlose, zwischen den stabilen Seitenteilen eingehängte Eckteil diente allenfalls dekorativen Zwecken. Es war nicht wirklich belastbar, und drohte sogar durchzubrechen, wann immer man, wie so häufig, über die Sitzfläche stieg, um hinter dem Tisch hervorzuschlüpfen. Das Eckteil war einzig da, damit man das winzige dreieckige Regalbrett hinter der geschwungenen Lehne mit einem Familienbild oder einem Blumentopf verzieren konnte.

Unter den hochklappbaren Sitzflächen fand sich nur wenig Stauraum, nicht viel tiefer als eine gewöhnliche Schublade. Gerade genug Platz für das Wachstuch und die aktuelle Tischdecke, auf der kurzen Seite. Ich erinnere mich, daß ich und mein kleiner Bruder auf dem anderen, längeren Bankteil saßen, und unter uns versteckt fand sich, zumindest halbwegs ordentlich gefaltet, das bunte Arsenal verschiedenster Plastiktüten.

In andern Familien, bei jenen Leuten mit den tiefen, voluminösen, eichenimmitierenden Eckbänken bewahrte man dort im kindersarggroßen Kasten unter den Sitzen zuweilen das Spielzeug der Nachkommenschaft auf. Reminiszenzen an die Zeit der winzigen Schlafkammern, als das Familienleben einschließlich aller häuslichen Kinderspiele in der bäuerlichen Küche stattfand. Jene Vorzeit, als die gute Stube - noch ohne den magisch Menschen anziehenden Fernseher - allenfalls zum Empfang herausgeputzter Sonntagsbesucher genutzt wurde.

Ja, ich erinnere sogar einen Freund aus frühen Schultagen, der seine Schultasche und sämtliche Dinge, die seine Bildung betrafen, dort unter der Klappe der heimischen Kücheneckbank aufbewahrt hatte. Beim Küchentisch, an dem er jeden Nachmittag die Schulaufgaben zu erledigen hatte. Immer unter den wachsamen Augen der in der Küche endlos werkelnden Mutter.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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