Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 24/1999 Andreas Gläser: Mehr Abwechslung mit den gleichen Liedern
Artikelaktionen

Andreas Gläser: Mehr Abwechslung mit den gleichen Liedern

Mein Vater hat einen blöden Musikgeschmack. An sich ist das nicht schlimm, nur verrät sein blöder Musikgeschmack auch, was er für Zeitungen liest, welche Sender er sieht und welche Minderheiten er zum Abschuß freigeben würde.

Für die Studentenschaft hält er oftmals eine Tracht Prügel für angemessen, weil sie nur jammern und rumlungern, bevor sie die Arbeiter nerven und sich genauso benehmen wie die Kapitalisten, die sie einst ein wenig anpinkelten.

Ich sage dann: »Vater, viele Arbeiter haben auch eine Tracht Prügel verdient, weil sie es nicht schaffen einfach auszuschlafen, geschweige denn, sich zu befreien von den Kapitalisten, die sie bewundern. Daß es diese fehlorientierten Arbeiter nie zu einer vernünftigen Gesellschaftsordnung bringen werden, das merke ich schon, wenn ich über irgendeine Baustelle laufe. Dort läuft in jedem Radio: Mehr Abwechslung mit den gleichen Liedern!«

Mein Vater und ich lamentieren, bis ich den alten Trumpf ausspiele: »Sag mal, hast du damals als Grenzsoldat eigentlich jemanden abgeknallt? Du bist doch in der Sechzigern immer zwischen Prenzlauer Berg und Wedding rumspaziert, oder?« Er gibt sich wortkarg.

Das schlimmste ist, ich komme nach meinem Vater. Letztens zum Beispiel: Der Tag zog sich gerade sein dunkles Nachthemd an, dämpfte das Licht und bewog mich dazu, zuhause zu bleiben, um hervorragende Schallplatten zu hören. Ein wundervoller Abend: Ich koche mir was und genieße es. Ich muß nicht schlingen, nicht genauso schnell das Essen in mich reinkippen wie ich manch anderes Essen wegkippe, nicht so schlingen, um mich hinterher zu fragen, was es überhaupt zu essen gab.

Ich genieße also zwei Eierkuchen, langanhaltend im Geschmack, zufriedenstellend wie eine Morrissey-Schallplatte für meine Ohren. Ich öffne alle Fenster, den Himmel über dem Prenzlauer Berg als Dunstabzugshaube benutzend. Eine winzige Gotteslästerung, über die der Herr milde hinwegsieht, sollte man meinen. Aber plötzlich wird es taghell.

Mißtrauisch gehe ich zum Fenster und erkenne auf dem Hof ein halbes Dutzend nachlässig gekleideter Menschen, herumfingernd an Licht-, Ton- und Kameratechnik. Ich denke: »Hm, vermutlich Filmstudenten, no budget, kein Geld, jammernd und rumhängend, die Langeweile kultivierend, irgendwann erfolgreich, in aspekte betonend, daß ihr Film lebensbejahend und suizidfördernd sei, einer der wenigen deutschen Filme, die auch in den Kinos der USA erfolgreich anlaufen, wo sie demnächst auch leben und arbeiten möchten, ohne sich vereinnahmen zu lassen von der kapitalistischen Filmindustrie, oho, schon mit dem nächsten Film um Vereinnahmung bettelnd, erfolglos wieder in Berlin, jammernd und rumhängend, mit Tränen in den Augen, Drogen nehmend, vom Riesenrad springend, und schließlich auf der BZ-Titelseite landend, eben: Mehr Abwechslung mit den gleichen Liedern.

Na gut, bis dahin dauert es noch ein wenig. Mal sehen, was sie momentan so machen. Ach, da entdeckt jemand in der Mülltonne eine Leiche. Alle wirken unkonzentriert. Stört meine hervorragende Morrissey-Schallplatte? Sie gucken schon, heucheln Freundlichkeit. Doch, sie sind sauer.

Haben die sich überhaupt angemeldet? Nein! Also können sie mich mal!

Gleich wird einer hochkommen, klingeln, nach dem dritten Versuch merken, daß die Klingel nicht funktioniert. Er wird klopfen, einmal, zweimal, dreimal, bis ich meine Allüren vorübergehend ablege und öffne.

Und da steht er auch schon vor mir und umhüllt mich mit dem Charme eines homosexuellen Schamhaarfrisörs: »Guten Abend. Wir drehen auf dem Hof einen Horrorfilm. Es würde sich besser machen, wenn Sie die Fenster schließen.«

Er redet höflich, bestimmt und erfolglos.

»Ach, unser friedliches Haus dient euch als Kulisse für einen Horrorfilm? Horror, Splatter, Noise und Fickyfuckytrash, und ich soll ruhig sein? Soll ich dir mal was erzählen? In diesem Haus kennen alle meine Schallplatten auswendig! In diesem Haus bebt die Wohnung jedes Bewohners, wenn der jeweilige Obermieter gerade seine Waschmaschine am Schleudern hat. In diesem Haus beschwert sich niemand über irgendetwas. Wir haben nämlich alle eine brauchbare Erziehung genossen! Eine brauchbare Erziehung aus einer Zeit, in der sich auch niemand darüber beschwerte, wenn vor dem Haus ein Grenzsoldat einen Studenten abknallte!

Jetzt kommt ihr hierher, weil ihr gehört habt, daß Prenzlauer Berg so schön marode ist, gerade richtig für eure ganze wurzellose Szenescheiße! Aber ich denke, ihr wurzellosen Szenescheißer hättet jetzt den Friedrichshain für euch entdeckt? Hier ist aber Prenzlauer Berg! Hier ist jetzt wieder langweilig! Kch, kch!«

Ich schließe die Tür, raube Morrissey seine Stimme, schalte im Radio mehr Abwechslung mit den gleichen Liedern ein und hänge meine Fenster aus. Noch haben diese Studenten das Kapital nicht auf ihrer Seite. Die Dreharbeiten werden beendet.

Eines Tages habe ich einen Sohn. Wenn er mich fragt, ob ich schon mal jemand abgeknallt habe, gebe ich mich wortkarg.

Zeichnung von M.S. Bastian

Copyright: Andreas Gläser

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: