Uwe Beneke: Ein moralischer Text
Olaf marschiert die Straße lang; er ist auf dem Weg in die Stadt: Geschäfte machen. Er will in einem Laden eine Tüte Bonbons kaufen. Hoch über ihm in den Wolken schwebt ein Betonmischer! Die Sonne glitzert auf seiner metallenen Außenhaut, an den Stellen, wo der orange Lack abgekratzt ist. Leise streicht der Wind über die angetrockneten Mörtelkrümel.
Olaf unten, weiß nichts davon, er biegt um eine Ecke und spielt mit den Münzen in seiner Tasche. Ein Kredithai in einem weißen Rolls-Royce rollert auf der Straße lang, er sitzt auf der Rückbank und pult sich mit einem goldenen Brieföffner die Reste eines Klienten aus den Zahnritzen. »Halt mal an«, sagt er zu seinem Chauffeur, als er die Münzen in Olafs Hosentasche klimpern hört. »Das sind ja zwei Mark fuffzich?« schätzt er und kurbelt die Scheibe runter. »He, Kleiner! Komm mal her?« ruft er zu Olaf rüber, der vorsichtig nähertritt.
»Haben dir deine Eltern nicht gesagt, daß du in dieser Straße nicht mit Münzen klimpern sollst?« faucht der listige Wucherer aus dem Fenster. »Hier wohnen viele arme Leute, die einen wehrlosen kleinen Jungen wie dich glatt wegfangen würden, nur um dein Geld zu kriegen. Komm, gib mir die Münzen, ich bewahre sie gegen ein kleines Entgeld sicher für dich auf. Du kannst sie ja dann jederzeit bei mir abholen.«
»Aber nein, ich brauche ja die Münzen für die Bonbons, die ich mir kaufen will«, antwortet Olaf.
»Ach, du willst Bonbons, mein Junge! Ah, hier...«, raunt der böse Onkel und fingert einen angelutschten Fischerfreund aus dem Perlmuttaschenbecher, »...hier hab ich was ganz Feines für dich, einen stiellosen marokkanischen Pfefferminzlolli! Den überlaß ich dir für nur vier Mark!«
»Ich hab aber nur zwei Mark fünfzig«, sagt Olaf traurig.
»Aach, das macht nichts, mein Kind. Du kannst dir ja den Rest von mir borgen.«
Olaf guckt skeptisch, und der Mann sagt: »Du kannst mir auch sagen, wo deine Eltern wohnen, dann fahre ich hin, und sie geben mir einfach das ganze Geld, das bißchen Geld, hähä, na?«
»Sperlingsgasse 4«, ruft Olaf und trollt sich. Des gierigen Kredithais Augen leuchten kurz auf hinter seiner Versace-Sonnenbrille, dann gleitet der Wagen in Richtung Sperlingsgasse davon.
Hoch über ihm in den Wolken wiegt sich der Betonmischer in der Spätsommerluft. Seine Zeit ist gekommen, und er fängt langsam an, sich abwärts zu bewegen. Zweihundertzehn Kilo, neun Meter pro Quadratsekunde. Sein verkrustetes Gestänge beginnt leise zu pfeifen, als der Wind hindurchstreicht. Schneller und schneller fliegt der Betonmischer und nähert sich der Stadt, in der Olaf die Straße langhüpft, einen leckeren Pfefferminzbonbon lutschend, während nicht weit entfernt ein weißer Rolls-Royce in die Sperlingsgasse einbiegt, und ein Kredithai auf der Rückbank sich die bleichen Hände reibt.
»Halt an«, sagt eine knarzige Stimme, und zwei giftige Augen fixieren das Haus Numero vier.
Olaf indessen hopst munter den Bürgersteig entlang. Er hat den bösen Onkel angeschwindelt: seine Eltern wohnen gar nicht in der Sperlingsgasse vier. Krachend fährt der Betonmischer auf ihn nieder, Olafs junge Knochen bersten, die Leute kreischen, und zwei Mark fünfzig kullern durch eine frische Blutlache. Ja, kleine Sünden straft der liebe Gott sofort.
