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Ahne: Ausgelassene Hauptstadtstimmung

Berlin im Jahre 1999. Baustellen für die neue Hauptstadt. Im Radio spielt man ununterbrochen belanglose Musik. Auf den Straßen laufen die Menschen mit um die Hälse gewickelten Fuchsschwänzen herum. Eine aufgesetzte Fröhlichkeit diktiert das Leben. Auch wir machen mit. Ein Scherz jagt den nächsten. Lachen an den Imbissbuden. Lachen im Verkehr. Lachen bei der Reformbühne.

Ich gehe eine Hauptstraße entlang. Boutiquen säumen den Weg. Postlerjacken werden für 1000 Mark angeboten. An einer Kreuzung erschießt jemand seine ganze Familie. Niemand nimmt Notiz davon. Polizisten wischen mit Scheuerlappen das Blut weg. Dann hat alles wieder seine Ordnung.

Ich betrete eine Kneipe und bestelle einen Kaffee schwarz mit viel Milch. Neben mir sitzt ein alter Mann und erzählt von früher. Von der Zeit, wo er im Knast war und wo er die Friedrichshainer kennenlernte, die dann später diesen Bankraub machten und alles in der Kneipe nebenan versoffen. Und die dann in der selben Kneipe gleich wieder festgenommen wurden. Und die dann zu 77 Jahren ohne Bewährung verurteilt wurden. Und denen das gar nichts ausmachte. Sie waren ja schließlich da zuhause.

Der Mann erzählt weiter, und ich höre nicht mehr zu. Ich trinke den Kaffee aus, bezahle und gehe wieder raus. Draußen steht jemand mit einem Stereorecorder auf der Schulter und bettelt um ne Mark. Ich gebe nichts. Die anderen geben auch nichts. Er ist traurig. Er hört Radio Energy. Da sagen sie gerade, daß alles supergeil ist und man heute Abend in die Halligallidisco gehen sollte. Dort würde es mächtig abgehen, und Radio Energy verlost auch zwei Mercedes-Benz, wo man dann damit hinfahren könnte.

Über allem strahlt der Himmel so blau. Es ist Winter, und in Düsseldorf sind 28 Grad im Schatten. Die Menschen laufen dort Oben ohne rum. Die trauen sich ganz schön was. Man könnte es fast Revolution nennen.

Ich bin inzwischen am U-Bahnhof Schönhauser Allee angelangt. Vietnamesen verkaufen Zigaretten ohne Steuermarke. Sie gucken sich ängstlich um. Mafia und Neonazis stehen auch rum. Sie haben heute keine Lust zu morden und zu brandschatzen. Das ist auch immer dasselbe. Langweilig.

Ich kaufe mir eine Zeitung und fahre mit der U-Bahn nach Hause. Werde kontrolliert. Schmeiße den Schein mit der 60-Mark-Zahlungsaufforderung in den nächsten Papierkorb und lege mich zuhause wieder ins Bett. Berlin im Jahre 1999. Baustelle für die neue Hauptstadt. Im Radio läuft ununterbrochen belanglose Musik. Ich schlafe ein. Irgendwie wird dieses Jahr auch vorübergehen, wie auch die letzten Jahre alle.

Zeichnung von M.S. Bastian

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:07
erstellt von jero

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