Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 24/1999 Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVI
Artikelaktionen

Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVI

Was bisher geschah:

Viktor Orloff, Gummiallergiker, ehemaliger Agent der Staatssicherheit und draufgängerischer Privatdetektiv, sucht in eigenem Auftrag die Pflanze, die Aids besiegt. Nachdem er Dr. Perrys unterirdische HIV-Viren-Zuchtanstalt in die Luft gesprengt hat, sitzt er auf einer einsamen Insel des Molukkischen Archipels fest. Mit Ursula, der verführerischen Schönheit, die dem Meer entstieg, handelt sich der verwegene Einzelkämpfer eine problematische Beziehung ein, die seine gesamte Mission gefährdet. Sie will eine Kleinfamilie gründen, er will seine Freiheit nicht verlieren. Wochenlang widersteht er ihren Verführungsversuchen, betäubt sich mit seinen letzten Schnapsvorräten. Dann naht der Tag X, der Tag von Ursulas Eisprung.

Folge XXVI: Auge um Auge, Zahn um Zahn

von Falko Hennig

»Die Kinder kriege immer noch ich!« hatte Ursula gesagt, ihren Bikini schon abgestreift. Während ihre gierige Zunge nach der meinen tastete, spürte ich ihre Brüste mit den leicht nach oben gerichteten Brustwarzen auf meiner Haut.

Ach, wär ich doch nur woanders, nicht auf einer einsamen Molukkeninsel, nicht durch den Ozean von der Zivilisation getrennt! Ich sah die mickrigen Palmen, das graue Meer, den blauen Himmel und spürte diese Frau an meinem Körper, diese Frau, für die die meisten Männer zehn Jahre ihres Lebens geben würden. Wäre es doch eine Fata Morgana, ein billiger Pornofilm, ein feuchter Traum und keine Wirklichkeit! Ich schloß die Augen, aber die alles hinwegschwemmende Gier nahm nur noch zu. Würde es das jetzt sein? Ich, Victor Orloff, der dem Kommunismus getrotzt hatte und den südamerikanischen Pfeilgiftspinnen, ich, der zähe Hund mit Kontakten und Freunden bei allen Geheimdiensten von AIP über CIA, Mossad, KGB, der harte Kerl, der Karo rauchte und sogar russische Offiziere unter den Tisch trank, sollte ich wirklich hier enden? Inmitten einer Meute schreiender Bälger mit einer Frau, die mit jedem neuen Kind einige Kilo zulegte und bald nur noch aus Fett, Falten und grauen Haaren bestand?

Soviel Alkohol konnte niemand getrunken haben, um nach diesen Monaten sexueller Enthaltsamkeit nicht erregt zu werden. »Die Auferstehung des Fleisches«, ging es mir durch den Kopf, und ich versuchte an etwas Ekliges zu denken. Kinder, kleine dicke Jungen mit dicken Brillengläsern, das Geplärr, die Windeln, die Problemchen, die Tränen, aber es wirkte einfach nicht. Ich spürte das so lange vernachlässigte Werkzeug zwischen meinen Beinen zu seiner angemessenen Größe anschwellen.

Ich hatte das männliche Geschlechtsteil schon immer für eine der merkwürdigsten Launen der Evolution gehalten. Dieses faltige Gekröse, dieser labberige Normalzustand, diese absurde Zweckverbindung von Ausscheidung und Fortpflanzung. Nackte Männer, und waren sie noch so muskelbepackt und sonnengebräunt, was für lächerliche Figuren gaben sie doch ab. Jedenfalls in dem Moment, in dem sie sich bewegten und ihr Stolz wie der Zipfel einer Narrenkappe hin- und herbaumelte.

Da war mir eine ordentliche Erektion schon lieber, und noch keine Frau hatte sich über die Größe beschwert. Es waren ja immer die Männer mit besonders »kleinen« oder die Frauen von solchen Männern, die behaupteten, die Größe wäre nicht so wichtig. Genauso wie beim Fuchs mit den sauren Trauben. Mir war es immer vorgekommen, als sei der »Steife« oder die »Latte« irgendwie eine ernsthaftere Sache als dies wackelnde, sinnlos herumbaumelnde Weichteil. Doch Ursula ging es um etwas ganz anderes, sie wollte ein Kind, kein Vergnügen. Entschlossen schob ich sie von mir und sagte:

»Ich will kein Kind. Nicht jetzt, nicht in einer solchen Situation. Aber Sex, ich giere danach, wenn du dir vorstellen könntest, daß wir einfach Sex miteinander haben. Dann laß es uns tun!« Sie sah mich nachdenklich an. Bei ihrem Blick hörte ich Glocken läuten, mir war, als flögen Düsenjäger in meinem Kopf herum. Jedes Molekül von ihr schien »Sex, Sex, Sex!« zu schreien. Sie sagte:

»Sex? Du willst einfach nur Sex?« Sie sah hinunter, wo meine Erektion die Jeans unübersehbar ausbeulte. »Soll ich dir einen blasen, Victor?« Es war eine Frage, wie ich sie so nicht erwartet hatte. Wie nannte man das noch? Rhetorisch? Ursula schien tatsächlich nicht wirklich auf eine Antwort zu hoffen. Sie kniete sich nieder und zog meinen Reißverschluß herunter. Ich glaubte, das Geräusch zu sehen, wie Hunderte kleiner Sterne, die aus meinem Hosenschlitz hochstiegen und sich mit der Sonne vereinigten. Ich war wirklich gerade dabei, meinen Verstand zu verlieren.

Daß Ursula jetzt meinen prallen Schwanz herausgenommen hatte und ihn zu lecken begann, vereinfachte die Lage nicht. Meine Gedanken überstürzten sich: Wann hatte ich mich zuletzt gewaschen? Was war mit meiner Gummiallergie, wie war das nochmal mit Amalgam? Würde Ursula sich selbst befruchten wollen? Diese Sonne stach aber auch! Mußte hier nicht auch einmal Regenzeit sein? Wie sollte ich nur wieder einen klaren Kopf bekommen? Oder war es gar keine Realität, sondern eine primitive Sexphantasie von mir? Ich sah über das Meer, hörte die schmatzenden Geräusche von unten und fühlte mit meinen Händen Ursulas sich bewegenden Kopf.

Ich hatte wirklich eine Menge erlebt, dafür, daß ich noch nicht einmal die 40 überschritten hatte. Damals, kurz nach der Wende mit der einbeinigen Thyssen-Managerin im Hinterzimmer, während sich vorn Lothar de Maizière, Helmut Kohl und Hans Modrow wunderten, wo sie denn blieb. Oder meine so oft wiederholten Versuche mit den verschiedensten Kondomen. Doch meist schon beim Überstreifen tränende Augen, dann die Pickel, Erstickungsanfälle. Den ganzen Körper voller Pusteln hatte ich es so vielen schönen Frauen in so vielen Sprachen, von Niesern unterbrochen, sagen müssen: »Baby, du, es ist nicht dein Fehler. Weißt du, der Gummi...« Es gab so viele Varianten in der Sexualität, mit Frauen von 15 bis 55, mit den Händen. Gummipuppen wären mein sicherer Tod gewesen. Aber es gab auch noch Männer: damals dieser schneidige Leibwächter des amerikanischen Präsidenten - war es Reagan oder Bush gewesen? Nein, das mußte schon unter Clinton gewesen sein, er hatte ja zugeguckt. Reagan war für sowas viel zu prüde. Seine Augen waren nicht zu erkennen gewesen unter der Sonnenbrille. Und wäre es nicht für mein Land gewesen, ich hätte sie alle abgeknallt.

Und jetzt war ich hier auf dieser Insel. Ursula war emsig dabei, und sie war sehr begabt. Viele Frauen neigten bei dieser Technik zu Grobheit, ich hatte zu oft die Zähne nagen gespürt - und gelogen, wenn ich stöhnte: »Oh, bitte jetzt nicht aufhören!«

Nicht so hier bei Ursula. Sie konnte ihre Zunge benutzen und auch ihre Lippen. Ich spürte sie an meinen Eiern, die wurden von so vielen Frauen vergessen, als wären sie nur eine überflüssige Beigabe. Jetzt leckte Ursula wieder an meinem Schwanz, an der Unterseite, an der Spitze, ihre Lippen schlossen sich und bewegten sich auf und ab. Passiver Oralverkehr war nicht meine liebste Sexualpraktik. Um ganz ehrlich zu sein, natürlich war es meine liebste Sexualpraktik. Ich wühlte mit meinen Händen in ihren Haaren. Sie war talentiert, oder erfahren, wie sollte man das unterscheiden?

Ich sah hinunter, Ursula sah zu mir hinauf, mit diesem Blick, von dem ich nicht sagen konnte, was er bedeutete. Es gibt sie, diese Frauen, die einem Mann klarmachten, daß er niemals wirklich weiß, was in einer Frau vorgeht. Wie ein verborgenes Glimmern, ein letztes Geheimnis in unserer technischen Zeit voller Computer, Faxgeräte und Satelliten. Dann machte sie weiter, so perfekt, fast routiniert, wie es sonst nur Schwule und Prostituierte können. Ich hätte schreien mögen vor Wollust, ich spürte meine Erregung zunehmen. Vielleicht war so eine Insel doch nicht das schlechteste. Und wer konnte wissen, wozu Kinder eines Tages gut sein konnten? Ich sagte: »Ursula, das tut so gut.« Als Antwort lutschte sie weiter, und mir kam es vor, als würden hunderte bienengroße, bunte, zwitschernde Vögel um meine Eier fliegen. Ich fürchtete, mich nicht mehr auf den Beinen halten zu können. Ich spürte, wie es mir kam, zäh wie Kondensmilch durch einen Strohhalm.

Ich spürte den Schmerz und alles weitere kam mir wie in Zeitlupe vor. Oder genauer, so, als ob die Zeit immer dickflüssiger und langsamer würde, um dann in grellem Brennen stehen zu bleiben. Ich sah Ursula ein blutiges Fleischstück in den Sand spucken, ich sah meine Herrlichkeit nur noch in halber Länge abstehen. Aus seinem Ende pulste das Blut in fingerdickem Strahl heraus.

Es gibt Zahnschmerz, es gibt Kopfschmerz, es gibt höllische Migräne, es gibt diffusen Schmerz, stechenden Schmerz, regelmäßig wiederkehrenden Schmerz, Schmerz von Brandwunden, Schmerz von Schnitten, es gibt Dingen, die tun weh vom Ansehen, Sachen, die im Kopf weh tun, wie das Treppengeländer, das sich, während man darauf hinunterrutscht, in eine Rasierklinge verwandelt. Wer das Geräusch von brechenden Knochen gehört hat, wird es genausowenig vergessen wie das Gefühl der leichten Erschütterung, wenn ein menschlicher Körper von einem Laster überrollt wird.

Doch als ich, aus meiner Mitte blutend, nach hinten fiel, als die Sonne so grell und gleichgültig auf mein sprudelndes Blut schien, wie sie auf Jesu Kreuzigung gestrahlt hatte und auf den Mord an Che Guevara, da spürte ich das alles auf einmal. Nur, daß es mehr weh tat.

Entsetzt... (Halt: Fortsetzung folgt wirklich nur auf Verlangen der Leserinnenschaft.)

Copyright: Falko Hennig

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: