Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen
Es war einer dieser stinknormalen Dienstage, an denen mir immer noch das Wochenende in den Knochen steckt und ich deshalb nur einen kurzen Abstecher in die Kneipe mache. Zugegeben, in den allermeisten Fällen arten auch diese vermeintlichen Stippvisiten bei mir in chronisches Dauertrinken aus, weil spätestens beim dritten Bier der Scheiß-Egal-Punkt wieder mal erreicht ist. Und dann lief da auch noch dieser Tarrantino-Streifen im Billardraum, in dem eine abgehalfterte Stewardess einen schmierigen Waffenhändler an der Nase rumführt und das große Geld macht. Es ist diese Art von Filmen, wo sympathische Kleinkriminelle zu Identifikationsfiguren aufgebaut werden, nach denen ich mich frage, warum ich nicht auch so ein possierlicher Westentaschenbetrüger geworden bin. Denn: Es wird doch alles irgendwie gut ausgehen.
Auf dem Nachhauseweg dachte ich noch so darüber nach, warum das bei mir alles irgendwie nicht so hinhaut, als mir in der Groninger Straße eine kleine Volksansammlung ins Auge fiel, in der auch der eine oder andere Polizist deutlich zu erkennen ist. Zwanzig bis dreißig Leute standen vor dem Joker, einer abgeranzten Disco-Spelunke.
Schon häufiger hatte ich beobachten können, wie sich Gäste aus dem Lokal, zumeist in Zweier-Verbänden, in den gegenüberliegenden Park ins Unterholz schlagen. Wahrscheinlich sehr reinliche Menschen, die sich ekeln, die versifften sanitären Anlagen der Kneipe zu benutzen. Schau mal an, dachte ich, jetzt greifen die vom Gesundheitsamt aber mal richtig durch und kommen gleich mit der Staatsmacht angerauscht, und das zu nächtlicher Stunde. Es gibt also doch noch so was wie engagiertes Beamtentum.
Beim Gang durch unseren Hausflur blieb mein Blick an meinem Briefkasten hängen. Hatte mir da ein fieser Nachbar wieder seine Werbezettel hineingestopft. Ich weiß auch nicht, warum ausgerechnet ich ständig Papiermüll in den Kasten gestopft bekomme. Ob das so ein perfider Rachefeldzug gegen mich ist, weil ich als einziger die Biomülltonnen richtig benutze? Es handelte sich allerdings mitnichten um die neueste Minimal-Reklame in zwölffacher Ausfertigung, sondern um ein schlichtes Stullentütchen, in dem zwei weitere, in etwa streichholzschachtelgroße Tüten enthalten waren. Auf beiden war ein mehrfiedriges Blatt abgebildet. Dem Ganzen entströmte ein heftiger Geruch, der mir einerseits vertraut, in seiner Heftigkeit dann allerdings auch wieder fremd war. Irritiert mußte ich dann aber doch zu dem Entschluß gelangen, daß mir jemand Drogen in den Briefkasten geworfen hat. Wer tut sowas? Ich hatte doch gar nichts bestellt. Vielleicht ein unverbindliches Schnupper-Angebot? Oder ein vierzehntägiges Gratis-Abo? Wandeln die Dealer jetzt auf den Spuren der Zeitungswerber? Ich steckte das Zeug in die Jackentasche und rannte die Treppe rauf zur Wohnung, mit dem beklemmenden Gefühl beobachtet zu werden. Na, du wärst ein echt abgebrühter Miniaturkrimineller geworden, wenn du dir schon in den Grauzonen der Legalität in die Hosen scheißt. In meiner Wohnung angekommen, telefonierte ich als erstes mit meinem Anwalt. Das heißt, ich rief einen befreundeten Jura-Studenten an, der sich schier ausschütteln wollte vor Lachen. Jetzt erst dämmerte mir auch, wie ich in den Besitz der Tüte gekommen sein mußte. Der polizeiliche Hausbesuch im Joker war wohl weniger den mangelnden hygienischen Zuständen dort geschuldet, vielmehr war es eine waschechte Razzia. Und das Nachbarhaus hat mit meinem einen gemeinsamen Innenhof. Da war einer durch meinen Hausflur getürmt und hatte dabei meinen Briefkasten entdeckt. Den passenden Schlüssel dafür hatte ich schon vor Jahren verloren. Seitdem ist das Ding etwas verbogen, und man kann es einfach so öffnen und schließen. Bisher war ich immer davon ausgegangen, eher den einen oder anderen Brief zu verlieren, als zusätzliche Post zu erhalten.
Unversehens war ich also in den Besitz von schätzungsweise zehn Gramm Cannabisblüten gelangt. Der flüchtende Dealer hatte sich wahrscheinlich ausgerechnet, am späteren Abend noch einmal vorbeizuschauen, um seine Ware wieder abzuholen. Aber er konnte nicht mit der plötzlich aufkeimenden kriminellen Energie des Postkastenbesitzers rechnen.
Wie würde er auf den Verlust reagieren? Bis dato kannte ich Rauschgifthändler eigentlich nur aus den einschlägig bekannten Krimiserien. Gerade bei Derrick und dem Alten schrecken die vor Nichts zurück, und ich überlegte, ob es nicht gesünder sei, das Zeug wieder zurückzulegen und so zu tun, als hätte ich vom Mißbrauch meines Briefkastens nichts bemerkt. Es half alles nichts, ich brauchte einen freundschaftlichen Ratschlag. Mensch, da hatte ich doch völlig vergessen, daß ich eine Drogenberaterin in meinem Bekanntenkreis habe. Mit etwas Glück würde ich sie jetzt noch im Cralle antreffen. Ein Blick auf die Uhr: 22 Uhr 15. Ich mußte mich korrigieren. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn ich sie jetzt nicht dort antreffen würde.
Die Frage war nur, ob ich mich noch aus dem Haus trauen konnte. Die Polizisten waren bestimmt schon wieder auf dem Revier, und der betrogene Dealer streifte, von Rachsucht geplagt, durch den Kiez. Mensch, und der Typ weiß ja sogar wie ich heiße. So eine Scheiße! Dann weiß er auch, wie ich aussehe. Das haben schließlich schon ganz viele gesagt: Mensch, du siehst aus wie ein Hinark! Auf diese Weise bin ja auch zu diesem Namen gekommen. Nur nicht ins Hemd machen. Am besten aussehen wie ein ahnungsloser Andreas. Aber was zieh ich dazu an? Vielleicht den Trainingsanzug, der seit seinem Ankauf vor einem dreiviertel Jahr in der Ecke vor sich hingammelt? In einem Anfall geistiger Umnachtung hatte ich ihn mir im Winterschlußverkauf zugelegt, um fortan jeden Tag in der Morgendämmerung zu joggen. Bisher hatte ich ihn allerdings nur zweimal zum Einkaufen im Supermarkt um die Ecke angezogen, als ein Zeichen sozialer Integration im Wedding, versteht sich.
Schluß mit den geistigen Verkrampfungen. Ich gab mir einen ordentlichen Ruck, ganz wie es Roman Herzog in seiner Berliner Rede gefordert hatte, und ging die ganze Strecke zum Cafe Cralle zügig durch, ohne mich ein einziges Mal umzudrehen. Leicht verschwitzt, aber unverletzt erreichte ich Christines Barhocker und bat sie um ihren fachkundigen Rat.
»Prima Zeug, ein echtes Schnäppchen sozusagen.« Wie schön, wenn man Bekannte hat, die auch wissen, wovon sie reden. Damit stand für mich nun eindeutig fest, diese kleine Dienstagabend-Überraschung zu behalten. Ein bißchen Kiffen hält Leib und Seele zusammen, und das war doch geradezu ein Wink des Schicksals, mich mal wieder mit gesünderen Drogen einzulassen, statt ständig diesen teuflischen Alkohol in mich hineinzukippen. Abgesehen davon, begriff ich an diesem Abend, daß ich noch nicht einmal zum Westentaschenkriminellen tauge. Wenn anstelle des Grünzeugs irgendein weißes Pulver in meinem Kasten gelegen hätte, ich wäre tausend Tode gestorben und hätte mich einen Monat nicht mehr getraut, meine Zeitung aus dem Kasten zu holen. Natürlich auch die Rechnungen nicht, was aber nur kurzfristig einen erfreulichen Nebeneffekt haben dürfte. Wahrheitsgemäß hätte es dann in einem Brief von mir an BEWAG, GASAG und GEZ geheißen: »Ich bitte Sie, den Briefverkehr mit mir vorübergehend einzustellen, bis ein mir unbekannter Dealer sein Pfund Kokain wieder aus meinen Postkasten entfernt hat, vielen Dank für Ihr Verständnis und mit freundlichen Grüßen, Hinark Husen.«
Ein solcher Brief hätte ohnehin nur wieder den Weddinger Amtsarzt Dr. Flötotto auf den Plan gerufen, und dem möchte ich eigentlich nicht noch einmal begegnen.
