Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 25/1999 Ahne: Meisengeschichte
Artikelaktionen

Ahne: Meisengeschichte

Vorgestern besoffen gewesen. Gestern viel getrunken. Heute morgen aufgewacht und nachgedacht. An mir heruntergeschaut. So wie das manchmal ist. Man weiß nicht, warum. Man guckt einfach an sich runter. Stundenlang. Die Zeit wird imaginär. Ich hab da eigentlich nichts Besonderes bemerkt. Aber gerade das gab mir doch etwas zu denken. Normalerweise bemerke ich eigentlich immer was Besonderes. Irgend einen neuen Speckbauch oder diverse Punkte, ähnliches. Diesmal nicht. Das machte mich stutzig. War es möglich, daß ich todkrank war? Ich fragte meine Freundin. Doch die meinte nur, ich wäre ja wohl ein riesengroßes Arschloch. So was Abartiges! Ich wolle jetzt wohl, daß sie sich Sorgen mache um mich? Daß sie vielleicht heute nicht zu dieser tollen Fete gehe, wo die Luzie losdüst, sondern lieber hier bei mir herumhocken bleibe und Kuschelkuschel mache? Das wolle ich wohl. Aber Pustekuchen! Hat sie gemeint und ist gleich losgedüst zu dieser tollen Fete und hat mich mit meinen Sorgen alleine gelassen. Und ich habe aus dem Fenster geguckt und gesehen, wie die Blaumeisen an unseren Meisenknödeln rumhingen und in kurzen Stakkatostößen hineinpickten. Es schmeckte ihnen wohl.

Meisenknödel heißen übrigens auf italienisch »gnocchi di meisen« und auf englisch »titmouse dumpling«. Auf französisch irgendwas mit »boulettes«. Knödel, Gnocchi, Tittenmäuse, Bouletten. Die Welt der Sprachen ist schon verwirrend. Aber Hauptsache, es schmeckt. Und das tat es, man konnte es ganz genau beobachten. Diese Blaumeisen. Wie fröhlich die picken konnten. Ja, sie dachten eben nicht über den Tod nach. Die Blaumeisen waren froh, wenn sie einen neuen Speckbauch beim an sich Heruntergucken entdeckten. Ob fette oder dürre, Blaumeisen waren immer äußerst fröhliche Gesellen. Mit ihrer Fröhlichkeit beeindruckten sie sogar die haßerfüllten und griesgrämigen Elstern, die ansonsten, lediglich aus Boshaftigkeit, immer alle anderen Vögel verjagten. Ich sah also diesen Meisen zu und trank Grüne-Bohnen-Tee. Eigene Ernte.

Vielleicht sind ja die Meisen viel klüger als wir. Sie haben zwar einen kleineren Kopf. Aber Elefanten gelten schließlich auch nicht unbedingt als die Einsteine unter den Arten. Vielleicht ist ihr Gehirn ja viel verzweigter, filigraner und kompakter als wie das unsere. Und sie haben sich irgendwann mal an so’ner Artenabzweigung gedacht in ihren schlauen Köpfchen: »Ja, wir könnten jetzt anfangen, uns Sachen anzuziehen, Waffen herzustellen, Häuser zu bauen, Flugzeuge, Raketen etc., aber was würde das Ganze mit sich bringen? Frust, Neid, Selbstmitleid, die ganze Palette. Nö, laßt uns lieber was anderes machen, zum Beispiel auf Meisenknödel abfahren.«

Das haben sich natürlich nicht alle Blaumeisen gedacht. Die Dümmeren unter ihnen legten unter Protest das Federkleid ab und ließen die Meisenknödel links liegen. Aus ihnen entwickelten sich später unter anderem die Menschen.

Ich guckte meinen gefiederten Freunden noch eine ganze Weile zu, bis es dunkel wurde und sie zurück in ihre Federbettchen flogen. Zwar glaubte ich weiterhin, daß irgendwas Böses in mir wütete, aber der Tod, nein, das war wohl doch etwas albern.

Und als meine Freundin gegen fünf Uhr morgens total volltrunken zur Tür hereinstürzte, da fühlte ich mich bereits wieder wie ein Held, trug sie zum Bett, entkleidete und reinigte sie und stand so über den Dingen, daß mich auch die vielen Knutschflecken, die über ihren ganzen Körper verteilt waren, nicht die Bohne störten. Ich war ein wenig zu einer Blaumeise geworden, und das war gut so.

Zeichnung von Ilia Kitup

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Aufruf gegen den Tonfilm
Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: