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Jürgen Witte: Wahltage im Spiegel deutscher Volksbräuche und Sitten

Der Schwabe geht gerne ganz früh zur Wahl. Ja, in einigen Dörfern auf der Schwäbischen Alb ist es Tradition, daß sämtliche männlichen Dorfbewohner im wahlfähigen Alter die Nacht vor der Wahl aushäusig verbringen, da Hof, Heim und Familie in dieser Nacht als unrein angesehen werden. Nebenerwerbslandwirte schlafen auf dem Dorfanger.

Weit vor Sonnenaufgang finden sich die Dörfler, wenn sie aus den Kaschemmen torkeln, beim Wahllokal ein, führen politisch fragwürdige Reden und tragen die im Laufe der Monate angefallenen Zwistigkeiten mit den Fäusten aus. Die zumeist aus den landeshauptstädtischen Behörden abgeordneten Wahlhelfer werden mit Zischeln und Schmährufen empfangen, wenn diese schließlich gegen acht Uhr erscheinen, um das Wahllokal zu eröffnen.

Oftmals werden sie aber auch wieder davongejagt. Dann fällt das Wählen eben aus, wie der Älbler sagt.

Zeichnung von Ilia Kitup

Ein seltsamer Brauch hat sich im Vogtlande erhalten. Dort zieht ein Büttel am Wahltage mit der Schelle durchs Dorf und singt: »Geht wählen, liebe Leut, wählen könnt ihr nurmehr heut!« Der Sitte nach geben viele Dorfbewohner diesem Büttel eine geringe Menge Geldes, damit er endlich schweige und sie nicht weiter belästige.

Zeichnung von Ilia Kitup

Im Ostfriesischen, einer Hochburg der Sozialdemokratie, hat es sich in kleinen Gemeinden eingebürgert, daß die meisten Wähler, wenn sie im Wahllokal erscheinen, die im Ort bekannten Wahlhelfer mit einem freundlichen »Moin« begrüßen, um dann mit dem mittlerwerweile in den Volksmund eingegangenen Satz: »Ihr wißt ja eh alle, was ich wählen tu!« die Urne links liegen zu lassen.

Auch die Zusammenlegung vieler verstreuter Gemeinden im Zuge einer umfassenden Gemeindereform in den Siebzigern konnte diesem schönen Brauch keinen Abbruch tun.

Zeichnung von Ilia Kitup

In vielen Gemeinden Bayerns ist es Usus, am Wahltage die traditionellen Trachten anzulegen und im geschlossenen Familienverband nach dem morgendlichen Sonntagsgottesdienst zur Wahlurne zu schreiten. Die Kinder spielen derweil vor dem Wahllokal Fangen. Hernach schicken die Männer ihre Frauen mit den Blagen eilig heim, das Sonntagsmahl zuzubereiten, und setzen sich in die Gasthäuser. So wird der Wahltag, schon wenn’s auf Mittag zugeht, wieder ein Sonntag wie jeder andere.

Zeichnung von Ilia Kitup

Wird in Hamburg am Wahltage dem Bürgersmann ein Knabe geboren, so ist es Sitte, ihn auf den Namen des siegreichen Direktkandidaten im Wahlkreis zu taufen. Man will damit bei der Jugend die Erinnerung an den Widerstand der freien Hansestadt gegen die Machtgelüste Knuts des Großen im 11. Jahrhundert wachhalten. Ein glorreiches Kapitel der Elbstädtischen Geschichte, das in den modernen Lehrplänen leider nur noch wenig Beachtung findet.

Zeichnung von Ilia Kitup

Aus dem Thüringischen wird von einem Wahlkreis berichtet, wo zu Zeiten der DDR immer schon kurz nach Eröffnung der Wahllokale alle berechtigten Wähler ihre Stimme abgegeben hatten. Wer immer alldort als Letzter zur Stimmabgabe erschien, hatte bei den anderen Dörflern verschissen, wie man im Thüringischen gerne mal drastisch sagt. Seit der Wende hat sich dieser Brauch ins Gegenteil verkeht. Sofern man überhaupt noch wählen geht, so tut man das für gewöhnlich nur gegen Abend und in letzter Minute. Und wenn’s dann schon zu spät ist, dann hat es eben nicht sollen sein.

In Vorpommern gibt es ganze Landstriche, wo die Wähler allesamt nur ihre Erststimme vergeben und auf das Recht auf die Zweitstimme freiwillig verzichten. Allgemein verbreitet ist dort die Ansicht, das mit der Demokratie sei ja gut und schön, aber man möge es doch bitte nicht gleich übertreiben.

Zeichnung von Ilia Kitup

Das sogenante Kiebitzen, heute nur noch in Kartenspielerkreisen gepflegt, soll auf Johann Gottwerth Kiebitz zurückgehen, der in Ulm 1871, anläßlich der Wahl zum ersten Bismarckschen Reichstag als Wahlbeobachter tätig war, und es als seine Pflicht betrachtete, jedem Wähler beim Wählen dreist über die Schulter zu linsen. Der von den Sozialdemokraten daraufhin angestrengte Prozeß fand im ganzen Reiche Beachtung und Johann Gottwerth Kiebitzens Name so seinen Weg in den Volksmund.

Zeichnung von Ilia Kitup

Im Emslande geht die Sage, daß ein Tier, welches am Wahltage oder tags zuvor geschlachtet wird, schlechtes Fleisch gebe, und daß solches Fleisch oder die Wurst davon dem Menschen nicht zuträglich sei, dazu bestialisch stinkende Darmwinde und scheußlichsten Mundgeruch verursache. Es ist daher Brauch, daß alle Fleischhauer und Schlächter am Wahltage ihre blutigen Schürzen aus dem Fenster hängen und die Türen ihrer Häuser unversperrt lassen, damit ein jeder sich überzeuge, daß der Schlachtermeister diesen Tags untätig auf dem Diwan liegt. Die Sitte gebietet es, daß alle eintretenden Besucher dem Schlächter zum Dank eine Münze auf die Stirne legen.

Zeichnung von Ilia Kitup

In Illmendingen im Oberschwäbischen gebietet es seit urvordenklichen Zeiten der Brauch, daß am Wahltage ein jeder Bauer seine Ziegen durch die Hauptstraße treibt, um denen da oben zu zeigen, daß ihm die ganze Politik gehörig stinke. Albert Zeeser weist in seinem Buch: Politikverdrossenheit als altgermaisches Kulturerbe zu Recht darauf hin, daß dieser schöne Brauch in der Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten beinahe ausgestorben wäre.

Zeichnung von Ilia Kitup

Aus dem Sauerland wird berichtet, daß man es in den Dörfern dort für ein großes Unglück erachtet, wenn am Wahltage ein Hund, eine Katze oder ein Kind stirbt, weil dieses als böses Omen für den Ausgang der Wahl gilt. Also ist es dort üblich, Kinder und Haustiere den ganzen Tag über im Hause eingeschlossen zu halten. Wird ein Hundebesitzer am Wahltage dennoch ertappt, wie er seinen Hund ausführt, so muß dieser dafür empfindliche Prügel und Schläge befürchten, die nicht selten tödlichen Ausgang nehmen.

In Berlin ist neuerdings zu beobachten, daß am Wahltage eine nicht unerhebliche Anzahl älterer Wähler am Wahlsonntag zum Reichstagsgebäude pilgert, um dortselbst ihre Stimmen direkt beim Parlament abzugeben. Ja, ja, die Hauptstädter.

Zeichnung von Ilia Kitup

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:07
erstellt von jero
Nummer 25
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Zeichen, Zeiten, Tage und Wunder
Hinark Husen: Illegale Postwurfsendungen Ahne: Meisengeschichte Jürgen Witte: Wahltage Horst Evers: In Würde Altern Robert Rescue: Hauptsache Arbeit Bov Bjerg: Beim Inder in der WO? Andreas Scheffler: Arbeit um Acht Hans Duschke: Vom Amt Ulrich Roski: Ich lerne sprechen Andreas Scheffler: Nürnberg Sarah Schmidt: Urlaub in Berlin Gabi Schlaug: Bier Manfred Maurenbrecher: Europa: zwei Stimmen Ulrich Hannemann: Eistee für unsere Taxifahrer Gunar Klemm: Vom schönen Landleben Falko Hennig: Schlangenschicksal Andreas Rüttenauer: Die Siedler Jürgen Witte: Ist Geldgeilheit heilbar? Horst Evers: Am Gemüsestand Tube: Typischer Tagesbeginn Gabi Schlaug: Lesen in Neukölln Bov Bjerg: »IS’ ROT.«
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Werswer
Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXVII
Aufruf gegen den Tonfilm
Impressum
Mitteilung: Viktor Orloff - Unterstützungs- kommitee
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